Integration "Die Integrationsdebatte langweilt mich zu Tode"
Berlin - Streetwear, Stoppelbart, die langen Haare zum Zopf gebunden. Ümit Bayam ist nach türkischen wie deutschen Maßstäben ein unkonventioneller Typ. Er leitet den Stadtteilausschuss Kreuzberg e.V. in der Skalitzerstraße in Berlin. Seit er 18 ist, hat Bayam die deutsche Staatsbürgerschaft. Er ist noch in der Türkei geboren, "auf dem Land, mitten im Nirgendwo", wie er selber seine Heimat beschreibt.
Sein Vater ist früh gestorben, seine Mutter hat es im Dorf weit gebracht: "Sie war die erste bei uns, die überhaupt studiert hat", erzählt Bayam. 1970 wurde sie von Siemens abgeworben, zur Fließbandarbeit. Später arbeitete sie in Berlin als Lehrerin. Mit acht Jahren ist Bayam der Mutter nach Deutschland hinterhergezogen. "Das Zentrum meines Lebens wurde dann sehr schnell Berlin", erklärt er. Draußen rauschen die Autos durch den Stadtteil.
Mitten in "Kreuzberg 36", zwischen dem Görlitzer Bahnhof und dem Schlesischen Tor liegt das schlicht eingerichtete Büro des 43-jährigen. Broschüren über die Projekte am Eingang. Karten an den Wänden. Spreeufer hier, Oranienstraße dort. Der Kiez ist Bayams Zuhause und sein Arbeitsplatz. Er arbeitet mit Türken und mit Deutschen gleichermaßen zusammen. Wenn ein geplanter Neubau den Charakter des Kiezes verändern würde, wenn ein Spielplatz saniert werden muss, dann ist Bayam gefragt. Im Multikulti-Stadtteil Kreuzberg ist er für alle da. "Man hat mich damals bewusst eingestellt, um jemanden im Ausschuss zu haben, der beide Seiten versteht", begründet Bayam.
"Preußischer als ein Preuße"
In seiner Zeit als Leiter des Stadtteilausschusses hat er es geschafft, dass auch die türkische Bevölkerung in Kreuzberg lernt mitzusprechen. "Die wissen doch meistens gar nicht, was ihre Rechte sind", schildert Bayam die Problematik. "Entweder, sie sind es nicht gewöhnt, teilnehmen zu dürfen, oder sie wurden erst gar nicht gefragt."
Das hat sich geändert: "Mittlerweile kommen auch Türken zu mir und sagen ihre Meinung über die Projekte. Das ist doch toll." In einer rein deutschen Runde würden sie sich vielleicht nicht an den Tisch trauen, vermutet Bayam: "Viele denken, sie müssten dann etwas besonders Schlaues sagen." In dem Moment kommt eine schicke blonde Frau ins Büro. Sie will gegen ein Bauprojekt an der Spree unterschreiben. Bayam parliert mit ihr über fachliche Einzelheiten des Projekts. Irgendwann haben die Leute angefangen, ihren Stadtplaner "den Brückenbauer" zu nennen.
Brücken zu schlagen scheint für Bayam ein besonderes Talent zu sein. Trotz seiner Liebe zu Berlin hat er nie Zweifel an den Werten gehabt, die er in frühster Kindheit im türkischen Dorf gelernt hat. Verantwortung übernehmen, Respekt gegenüber Jung und Alt, die Mahlzeiten aufessen, niemals jemandem ohne Grund schaden. "Vieles davon bestimmt noch heute mein Leben", betont er.
"Die Debatte langweilt mich zu Tode"
Seine Werte vom türkischen Dorf bringt er in die Arbeit im Stadtteilausschuss ein. Als es um den Neubau eines Spielplatzes ging, ist Bayam mit den Kindern dorthin gegangen und hat "Demokratie geübt", wie er es nennt. Die Kinder anhören, Dinge erklären, über Vorhaben abstimmen. Auf einer Augenhöhe.
Bayam hat viele Deutsche Freunde. Sie sagen über ihn, mit seiner Genauigkeit und Präzision sei er "Preußischer als ein Preuße". Aber es gibt auch Reibungspunkte. Wie bei seiner deutschen Freundin: "Wir verstehen uns super, aber wenn es um Gäste geht oder um essen, dann haben wir verschiedene Vorstellungen." Für Türken ist der unerwartete Gast nunmal der Liebste.
Richtig ernst wird Bayam nur einmal. Als es um die Integrationsdiskussion geht. "Die Debatte langweilt mich zu Tode", sagt er. "Warum muss ich die Leute hier dazu treiben, ihre Werte abzugeben?" Für ihn ist New York das beste Beispiel: "Alle Welt freut sich in China Town oder Little Italy über den Erhalt von Kultur in neuer Umgebung. Warum soll das hier auf einmal schlecht sein?"
Seine Idee von Integration ist weniger programmatisch. "Die Leute müssen durch ganz normale Aktivitäten anfangen, mit dem Land in Kontakt zu kommen." Bayam sieht hier auch die Kreuzberger Türken in der Pflicht. "Viele kommen hier gar nicht mehr raus", klagt er.
Bayam hatte deshalb im letzten Jahr eine Idee. Er organisierte eine Reise ins Brandenburgische - und reiste mit Kreuzberger Türken in ein Dorf zu einem befreundeten Verein. Und zum Wandern in die Wälder. Direkt vor der Tür Berlins und doch weit weg für manche aus der Reisegruppe. Die Fahrt wurde ein voller Erfolg. Bayams Fazit: "Viele hätten niemals gedacht, dass es hier so schön ist."