Integration in Deutschland Döner oder Rosinen
Ludwigshafen - Der Name des Restaurants, das Sinan Celik mit seinen zwei Brüdern in der Ludwigshafener Bahnhofstraße betreibt, bedeutet übersetzt auch "gedeckter Tisch". Und ein solcher steht hier jeden Abend seit dem verheerenden Brand am Fastnachtssonntag bereit für Kamil Kaplan.
Kaplan ist der Mann an Krücken, der seine schwangere Frau Hülya seine beiden Kinder Dilara, 10, und Karanfil, 4, sowie seine Mutter Medine in den Flammen verloren hat. Und in der Türkei ist es eine alte Tradition, Trauernde in der ersten, schlimmsten Phase des Verlustes mit Nahrungsmitteln zu versorgen; sie zu bekochen oder sie zum Essen einzuladen. Die Brüder Celik haben diese Aufgabe übernommen - natürlich für alle Familien, denen das Inferno vom Danziger Platz 32 Leid angetan hat.
Rund hundert Meter sind es von der rußgeschwärzten Ruine bis in die holzgetäfelte Gemütlichkeit des "Sofra"; 50 Quadratmeter türkisches Heimatgefühl, Holzkohlegrill und orientalische Musik inklusive. Was auch immer der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan unter Assimilation versteht, das "Sofra" kann er nicht gemeint haben. Vielmehr steht das Lokal für jene kulturelle Schutzräume, von denen es in Deutschland ungezählte gibt - und die von manchen als Kennzeichen einer Parallelwelt bezeichnet werden. Noch Tage nach dem Brand belagern deutsche und türkische Journalisten das "Sofra", doch die Besitzer sorgen mit unmissverständlichen Blicken dafür, dass die Trauernden ungestört und die Fernsehkameras eingepackt bleiben.
"Wir kennen die Familie schließlich seit Jahrzehnten", erzählt Sinan Celik, 30, "und wir kommen alle aus derselben Stadt." Gemeint ist nicht Ludwigshafen, wo Celik zur Schule ging, eine Lehre zum Fliesenleger machte, im Fußballverein kickt und seit Jahren Geflügel-Kebab und Ayran verkauft, sondern die Stadt Gaziantip, 3400 Kilometer weit weg, im Südosten der Türkei. "Wir müssen jetzt zusammenhalten. Die wollen uns hier doch alle loshaben." Er meint damit "die Deutschen". "Die sagen doch schon immer 'Türken raus!', es geht doch immer gegen uns", ereifert er sich.
Keine Frage des Passes
Die Vorwürfe sprudeln plötzlich nur so aus ihm heraus, sein Deutsch ist schnell, durchmischt mit türkischen Gedanken. "Ich interessiere mich nicht für Politik", sagt Celik, "aber ich glaube einfach nicht an einen technischen Defekt, ich glaube, das war ein Anschlag." Seine Rede klingt keineswegs feindlich, aber zutiefst überzeugt - dabei besitzt Celik einen deutschen Pass und hat mehr als die Hälfte seines Lebens in Deutschland verbracht. Sein Vater lebt seit 50 Jahren in Ludwigshafen. "Im Herzen aber", er schlägt sich mit der flachen Hand auf die Brust, wo das gestickte Firmenlogo prangt, "da bist und bleibst du immer ein Türke."
In einer Woche, in der sich Kundige und Unkundige jedweder Couleur darüber heiß reden, wie man einer ewig lange vernachlässigten Integrationspolitik auf die Sprünge helfen kann, mag Sinan Celik ein arg ernüchterndes Beispiel geben. Er zeigt, dass Integration nicht mal eine Frage des Passes ist, des Beherrschens der deutschen Sprache und des Erlangens eines relativen Wohlstandes. Celik zahlt in die Kassen der deutschen Sozialsysteme ein, aber integriert in die deutsche Gesellschaft ist er allenfalls materiell.
Zu den Gästen des "Sofra" zählte in den vergangenen Tagen auch Emel Ipbüken. Sie kann Celiks Ansichten nicht nachvollziehen. Die 35-jährige Anwältin hat für die von der Feuersbrunst betroffenen Familien die Rechtsberatung übernommen, ehrenamtlich, "momentan bedeutet das vor allem Krisenmanagement". Ihr Handy klingelt ununterbrochen, sie trifft sich mit Behördenvertretern, kümmert sich um die Versorgung der traumatisierten Kinder, überblickt das Spendenkonto, organisiert eine Familienhilfe für Kamil Kaplan und seine einzige überlebende Tochter. In dem weit verzweigten Familienclan verliert selbst Emel Ipbüken mitunter den Überblick über angeheiratete Cousinen und Cousins, "das ist auch mir ehrlich gesagt ziemlich fremd".
"Solingen ist immer noch ein Trauma"
Ipbüken sitzt in ihrer Kanzlei in den Mannheimer Quadraten, beste Innenstadtlage, keine fünf Kilometer sind es von hier über den Rhein bis zum Restaurant "Sofra" und dem Haus am Danziger Platz, und doch gleicht die Fahrt einer Reise von Istanbul bis ins Hinterland Anatoliens. Auch Ipbükens Eltern sind, "was man klassische Gastarbeiter nennt": der Vater Schneider, die Mutter einfache Arbeiterin.
Emel Ipbüken wurde in Karlsruhe geboren, lebte aber zunächst mit ihren beiden älteren Brüdern bei der Großmutter in der Türkei. "Erst als ich acht Jahre alt war und meinen Eltern klar wurde, dass sie doch niemals wieder zurückkehren würden, holten sie mich nach Deutschland zurück." Ein Jahr in einer Vorbereitungsklasse musste Anfang der achtziger Jahre reichen, um Deutsch zu lernen: Dann startete Emel Ipbüken in der dritten Klasse in ein neues Leben. Realschule, Wirtschaftsgymnasium, Jurastudium, ein Praktikum in einer Kanzlei in Istanbul, dann die Selbständigkeit mit zwei türkischen Kolleginnen in Mannheim - "meine Eltern haben mich dabei immer unterstützt".
Dass der Brand am Danziger Platz so schnell so tief vergrabene Ängste bei den türkischen Migranten weckte, glaubt Ipbüken erklären zu können: "Solingen ist für alle Türken in Deutschland immer noch ein Trauma, das sehr tief sitzt. Und wir müssen uns nichts vormachen: Es gibt Menschen, die leben in Parallelgesellschaften, diese Leute sind nicht integriert. Sie leben in ihrem Kopf immer noch in der Türkei. Und bei ihnen sitzt diese Angst noch viel tiefer."
Deshalb hätten sich die Türken von der Kölner Rede des türkischen Premiers Tayyip Recep Erdogan, in der er Assimilation als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" geißelte, auch emotional angesprochen gefühlt. "Es wäre wichtig, dass die deutsche Politik den Türken hierzulande signalisiert: Wir sehen die Probleme, die ihr habt, aber wir wollen, dass ihr hier lebt, lasst uns daher gemeinsam eine Lösung finden." Die Anwältin hält es jetzt für wichtig, "dass die Leute endlich einmal hören: Ihr seid hier willkommen".
"Man muss das auch wollen"
Erdogans Vorschlag, hierzulande türkische Schulen zu gründen, begegnet Emel Ipbüken skeptisch: "Akut glaube ich, wir sollten erst einmal den Deutschunterricht verstärken." Wenn man mit seinem Nachbarn nicht über den gleichen Witz lachen könne, werde es keine wirkliche Gemeinschaft geben. Sie selbst spricht akzentfreies Hochdeutsch, am Telefon wechselt sie innerhalb von Sekunden ins Türkische und blättert dabei in ihren deutschen Akten.
Emel Ipbüken, kein Zweifel, zählt zu jenem erlesenen Teil der zweiten Zuwanderer-Generation, der es aus deutscher Sicht "geschafft" hat. So wie der schwäbische Grünen-Politiker Cem Özdemir, der Hamburger Filmemacher Fatih Akin oder der niederbayerische Kabarettist Django Asül. Jene Elite, die Vorbild sein kann.
"Aber man muss das natürlich auch wollen", betont Emel Ipbüken, "viel lesen, sich mit deutschen Freunden unterhalten, sich nicht mit einem beschränkten Wortschatz zufrieden geben und in einem türkischen Mikrokosmos abkapseln." Wer das nicht aus eigener Kraft schaffe, dürfe nicht glauben, die Deutschen interessieren sich eh nicht für uns. "Das hilft nicht gerade, sich für Deutschland zu entscheiden - und das müssten viele Türken, die hier leben, endlich tun."
Mit Assimilation ist das nicht zu bezeichnen. Emel Ipbüken sagt von sich selbst, durch ihren Migrationshintergrund habe sie das große Glück, sich aus beiden Kulturen "die Rosinen herauspicken" zu können: "Ich will, dass meine vierjährige Tochter hier in Deutschland aufwächst. Hier ist unser Zuhause. Ich kann ja jederzeit für einen Urlaub in die Türkei fliegen."