Integration: "Jede Freundschaft basiert auf einer Lüge" - DER SPIEGEL
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Integration "Jede Freundschaft basiert auf einer Lüge"

Zweimal haben sie ihre Eltern in die Türkei verschleppt und wollten sie dort verheiraten - zweimal gelang der jungen Deutsch-Türkin Aleyna* die Flucht. Heute baut sie sich in einer deutschen Großstadt ihr eigenes Leben auf.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nicht ein einziges Mal, sagt Aleyna*, habe ihr Vater sie jemals bei ihrem Namen gerufen. "Er schrie nur immer: 'Hure, komm her!'"

Aleyna ist 19 Jahre alt, sehr zart, riesige braune Augen. Sie blickt geradeaus. Sie spricht viel, sie sagt Dinge wie: "Wenn ich von meinen Eltern einmal in meinem Leben Liebe bekommen hätte, dann wäre ich wohl geblieben." Dann hätte sie vielleicht auch den Mann geheiratet, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten.

Aleyna war neun, als ihre Tante, die sie erzog, starb - und damit all ihr Schutz verloren ging. Kurz vor ihrem Tod sagte ihre Tante: "Hoffentlich kommst du heil aus diesem Haus."

Ihre Tante ahnte, was passieren würde. Sie wusste, was ihre eigene Schwester, Aleynas Mutter, und ihr Schwager vorhatten. Sie wusste, dass sie ihre Kinder ständig schlugen. Dass sie nur den ältesten Sohn liebten. Die anderen vier Kinder misshandelten. "Nur meine Tante hat mich geliebt", sagt Aleyna.

Aleyna ging gern zur Schule, sie schrieb gute Noten. Sie spricht geschliffenes Deutsch. Sie machte ihren erweiterten Hauptschulabschluss. "Ich hätte mehr geschafft, das weiß ich", sagt sie. "Das Gute an mir ist mein Ehrgeiz." Aber Aleyna wurde bewacht: "Mein älterer Bruder beobachtete mich jede Sekunde in den Pausen." Sie wurde zur Schule gebracht und wieder abgeholt. Am Nachmittag musste sie putzen, bügeln, kochen. Und wurde immer wieder geschlagen.

"Ich leide nur einen Moment"

Freunde konnte sie nicht haben. Es müsse viel mehr Aufklärung geben, sagt die 19-Jährige. Gerade bei den deutschen Eltern. Man müsse mit ihnen darüber sprechen, dass sie ein Auge auf die türkischen Mädchen in der Klasse ihrer Kinder haben.

Was mit Aleyna geschah, wusste niemand in ihrer Schule: Als sie 15 war, suchten ihre Eltern einen Mann für ihre Tochter. Zur Verlobung fuhr die Familie in die Türkei. Die Eltern hofften auf das große Geld, der Bräutigam war reich, sie wollten ihre Tochter verkaufen. Die erste Ohrfeige von ihrem Verlobten habe sie bekommen, als sie die Ketchupflasche falsch hingestellt habe, sagt Aleyna.

Einige Wochen später zurück in Deutschland, gelang Aleyna die Flucht aus dem kleinen Ort in Niedersachsen, wo sie aufwuchs. Sie schaffte es in ein Frauenhaus. Dann wurde sie krank, als sie in die Klinik musste, kontaktierte die Versicherung ihre Familie. Einen Tag später holten sie ihre Brüder ab.

"Dann gab es nur noch Schläge" - und zwei Jahre später wieder ein Flugticket zurück in die Türkei. "Ich sollte jetzt mit einem anderen Mann verheiratet werden, er war mehr als 20 Jahre älter, ein Verwandter der Familie - aber jetzt mussten meine Eltern ja froh sein, dass mich überhaupt jemand nimmt", sagt Aleyna.

Monate vergingen, die Familie kehrte zurück nach Deutschland. Und wieder schaffte Aleyna die Flucht, diesmal mit Hilfe der Polizei. Eine Freundin, die sie im Krankenhaus kennengelernt hatte, gab ihr die Mailadresse von dem Hilfsverein "Hatun und Can".  Polizisten holten Aleyna ab. Sie flog in eine große deutsche Stadt.

"Jede Freundschaft basiert erst mal auf einer Lüge"

Dort lebt sie seit einem halben Jahr. Sie hat sich eine kleine Dachgeschosswohnung gesucht. Sie hat sie renoviert. Der Hilfsverein unterstützt Aleyna bei Behördengängen, hat ihr die erste Miete gezahlt. Jetzt arbeitet die 19-Jährige in einer Wirtschaftskanzlei als Sekretärin. "Und ich möchte auf eine Fachoberschule für Sozialwesen gehen", sagt Aleyna. Richtig zu arbeiten sei ihr Traum. "Wenn man Arbeit hat, dann lernt man ganz normale Leute kennen, hat ein ganz normales Leben."

Aleyna, die in ihrem Leben nie alleine war, sondern immer von ihren Brüder umgeben, herumkommandiert, von den Eltern geschlagen, fühlt sich oft einsam. Besonders an den Wochenenden und an den Feiertagen. Sie könne dann nicht aufhören, nachzudenken. "Aber ich leide nur einen Moment." Bis sie es geschafft habe, sich ein neues Leben aufzubauen. Bis sie selbst Familie habe. Und zum ersten Mal in ihrem Leben Freunde. "Das alles ist natürlich schwierig für mich. Jede Freundschaft, die ich eingehe, basiert erst mal auf einer Lüge. Ich kann nicht so einfach erzählen, was passiert ist."

Hat sie nie Angst, dass ihre Familie sie findet und ihr dann etwas antut? "Was bringt es, wenn man der Angst nachgibt? Ich habe es wenigstens gewagt. Wenn ich einen Mann geheiratet hätte, der zwanzig Jahre älter ist als ich, der mich ständig schlägt, vor dem ich mich ekele, wäre ich innerlich doch jetzt schon tot", sagt sie.

Für Aleyna gibt es kein Zurück. Sie hasse ihre Eltern nicht, das würde bedeuten, dass ich sie mal geliebt habe. "Aber vielleicht stehe ich in zehn Jahren vor meinen Eltern und sage: Seht ihr, ich bin keine Hure."

Aber sie würde niemals alleine vor sie treten.

*Name und Personenangaben geändert

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