Integration: Seyran Ates will in die Politik - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Integration Seyran Ates will in die Politik

Nach Anfeindungen und Angriffen türkischer Männer hat Seyran Ates im vergangenen Sommer ihre Kanzlei geschlossen - jetzt zieht es die Berliner Juristin und bekannte Frauenrechtlerin in die Politik: als Integrationsbeauftragte für den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Die SPD in Steglitz-Zehlendorf habe die Idee gehabt, dass sie das Amt der Integrationsbeauftragten in dem Bezirk übernehmen könne, sagte Ates zu SPIEGEL ONLINE. In Steglitz-Zehlendorf gibt es ein Bündnis aus Grünen und CDU - CDU und FDP sperren sich bislang dagegen, die Stelle eines Integrationsbeauftragten einzurichten. Grüne und SPD wollen das jetzt ändern - mit Seyran Ates.

"Das wäre eine große Herausforderung für mich, es gibt eine Menge zu tun", sagt Ates zu SPIEGEL ONLINE. Bestehende integrationspolitische Maßnahmen müssten gebündelt werden, eine Bestandsaufnahme gemacht werden. "Es muss gefragt werden: Was ist integrationspolitisch in dem Bezirk zu tun?", so die Juristin. Zunächst würde sie Schulen, Kindergärten und Familien besuchen.

Der Weg in die Politik wäre für sie auch ein Schutz vor Gefährdung und Anfeindungen, denen sie als Anwältin ausgesetzt war, hofft Ates. "Ich glaube, dass ich damit auch Extremisten klar machen kann, dass ich eben nicht nur rede, sondern tatsächlich für Integration arbeite." Die Öffentlichkeit würde so ein breiteres Bild von ihrer Arbeit bekommen.

"Keine bevormundende Position einnehmen"

Ates arbeitete in Berlin-Mitte als Anwältin und vertrat vor allem türkische Frauen in Scheidungsverfahren. Von deren Ehemännern wurde sie in der Vergangenheit massiv bedroht, einmal sogar auf offener Straße angegriffen. Die Polizei gewährte ihr schließlich Personenschutz. Im Spätsommer des vergangenen Jahres schloss Ates ihre Kanzlei aus Angst vor weiteren Angriffen.

Für ihren Einsatz für die Rechte muslimischer Frauen und die deutlichen Worte, mit denen sie Missstände in der türkischen Community anprangert, wurde Ates mehrfach ausgezeichnet. Im Winter erhielt sie den Margherita-von-Brentano-Preis.

Der SPD-Bezirksverordnete aus Steglitz-Zehlendorf, Andreas Linde, kommentiert das Interesse von Seyran Ates für das Amt wie folgt: "Das ist eine tolle Nachricht. Frau Ates wäre ein Aushängeschild für den Bezirk. Aufgrund ihrer Sachkunde und Erfahrungen könnte sie eine hervorragende Arbeit in Steglitz-Zehlendorf leisten und neue Impulse setzen." Sie hätte bei einer Ausschreibung eine faire Chance verdient.

Ates sagte, als Integrationsbeauftragte in Steglitz-Zehlendorf würde sie auch ihre juristischen Kenntnisse nutzen. "Ich möchte Mädchen und Frauen auch auf ihre Rechte hinweisen und ihnen juristische Wege aufzeigen."

Wichtig sei ihr, die Sorgen der Menschen in dem Bezirk anzuhören. "Ich will keine bevormundende Position einnehmen und sagen: Das ist gut für euch", sagte Ates. Auch in einer Gegend mit verhältnismäßig wenig Migranten, sei die Arbeit nicht weniger wichtig als in Bezirken wie Neukölln oder Kreuzberg. "Es kann nicht sein, dass in so einem Bezirk getan wird, als existieren keine Integrationsprobleme."

Ob und in welcher Form die Stelle der Integrationsbeauftragten eingerichtet wird, ist indes nicht entschieden. Zunächst müsste sich auch die CDU von der Notwendigkeit überzeugen lassen, eine solche Stelle einzurichten.

Mehr lesen über