Integrationsdebatte Sarrazins Sündenböcke
Buchautor Sarrazin: Groteske Einer-muss-es-ja-mal-sagen-Mentalität
Foto: dapdhat ein thesenstarkes Buch veröffentlicht, mit vielen Fehlern in der Argumentation. Das ist kein Grund zur Ärgernis, so etwas kommt häufiger vor. Als bizarr und beschämend empfinde ich aber die menschenverachtende Art der Debatte danach, wie plötzlich "die Türken" und "die Muslime" als Sündenböcke für alle Probleme der Republik dastanden.
Früher nannte man das Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, eine peinliche Angelegenheit für jede zivilisierte Gesellschaft. Heute heißt das "Islamkritik" und man scheut vor Pauschalurteilen, vor der Verunglimpfung einer ganzen Glaubensgemeinschaft nicht zurück. Man erfindet sogar eine "christlich-jüdische Leitkultur" und zwingt damit das Judentum zur Komplizenschaft in der Ablehnung gegenüber dem Islam.
Diese Debatte hat meine Sicht auf Deutschland, dem Land, aus dem ich komme, in dem ich aufgewachsen bin und das ich eigentlich schätze, nachhaltig verändert. Vermutlich gebildete, wahrscheinlich gut verdienende, jedenfalls gut gekleidete Menschen kamen da zu Lesungen - und jubelten ihrem Helden zu, als der äußerst fragwürdige Äußerungen über muslimische Einwanderer machte. Eine groteske Einer-muss-es-ja-mal-sagen-Mentalität.
In drei Generationen, schwadronierte Sarrazin, sei die deutsche Bevölkerung verschwunden. Die Deutschen würden dümmer, da Intelligenz "zu 50 bis 80 Prozent vererbbar" sei, die Klugen würden aussterben. Dann könne die ganze Republik so aussehen wie Marxloh - einem Stadtteil in Duisburg, in dem jeder dritte Mensch ausländische Wurzeln hat.
Wie bitte? Da stellt einer unverhohlen alle Angehörigen einer Minderheit als dumm und minderwertig dar, und es klatscht auch noch jemand? Da wird ein Kritiker Sarrazins, der die Debatte versachlichen will, ausgepfiffen? Wollen wir wirklich auf diesem Niveau diskutieren?
Es gibt in Deutschland offenbar ein Integrationsproblem. Das soll man nicht wegdiskutieren, Probleme können nur gelöst werden, indem man sie offen anspricht. Aber doch nicht, indem man grundlegende Prinzipien eines zivilisierten Miteinanders über Bord wirft.
Ich habe einen "Migrationshintergrund". Die Art der Debatte, dieses Stammtischgegröle, hat den nichtdeutschen Teil in mir größer werden lassen. Ich kenne viele Menschen mit fremden Wurzeln, die seit diesem Jahr ähnlich denken. Wollen wir wirklich ein Land unsere Heimat nennen, in denen Menschen mit solcher Feindseligkeit begegnet wird?