Integrationsgipfel: "Bildung, Bildung, Bildung" - DER SPIEGEL
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Integrationsgipfel "Bildung, Bildung, Bildung"

Beim heutigen Integrationsgipfel will die Regierung das Zusammenleben von Deutschen und Einwanderern auf eine neue Basis stellen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt die Beauftragte für Integration, Maria Böhmer, wie wichtig Bildung für die Eingliederung ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Frau Böhmer, heute findet im Kanzleramt der Integrationsgipfel statt. Was würden Sie einem jungen Türken sagen, der Sie fragt: Was muss ich tun, um integriert zu sein?

Böhmer: Bildung, Bildung, Bildung! Bildung ist der Schlüssel für Integration. Wer eine gute Ausbildung hat, hat auch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Beruflich integriert zu sein, bedeutet auch, in der Gesellschaft verankert zu sein, teilhaben zu können an den Möglichkeiten, die unser Land bietet. Dann sage ich dem jungen Mann auch gerne: Er soll "Ja" zu unserem Land sagen - so wie er begeistert unserer Nationalmannschaft zugejubelt hat, soll er sich auch mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung identifizieren, mit unseren Wertvorstellungen. Er muss aber nicht seine eigenen kulturellen Wertvorstellungen aufgeben. Beides kann sehr gut zusammen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Gipfel?

Böhmer: Das ist ein historischer Moment. Ein Drittel der 86 Teilnehmer sind Migranten. Die Kanzlerin hat eingeladen, die Türen des Kanzleramts öffnen sich. Es ist das erste Mal, dass so etwas in Deutschland stattfindet - dass sich alle an einen Tisch setzen und überlegen wie die Zukunft weitergeht - für ein fruchtbares Zusammenleben.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt immer, der Integrationsgipfel sei nur eine Auftaktveranstaltung. Wie soll es nach dem Gipfel weitergehen?

Böhmer: An den Gipfel soll sich ein sehr intensiver Arbeitsprozess anschließen. So wie beim Gipfel alle Ebenen des politischen Handelns zusammengeführt werden - Bund, Länder und Kommunen - soll es auch in der Arbeitsphase für den nationalen Integrationsplan geschehen - gemeinsam mit Migranten und Migrantinnen. Integration kann nicht auf Knopfdruck geschehen, sondern ist eine Aufgabe, der sich alle Beteiligten verbunden fühlen müssen. Man könnte es auf die Kurzformel "Fördern und Fordern" bringen.

SPIEGEL ONLINE: Der nationale Integrationsplan soll in einem Jahr vorliegen. Wenn Sie weiter in die Zukunft blicken: Wie wird sich die Situation der in Deutschland lebenden Migranten in fünf Jahren von der heute unterscheiden?

Böhmer: Ich glaube, dass wir gerade im Bereich des frühen Spracherwerbs viel erreichen können. Schon jetzt stellen die Bundesländer die Weichen, Kindergärten legen immer mehr Wert auf frühkindliche Bildung und Sprachentwicklung. Frühe Sprachtests ein Jahr vor Beginn der Grundschule sollten Standard werden. Außerdem werden wir uns sehr anstrengen, damit die Ausbildungschancen von Jugendlichen aus Einwandererfamilien besser werden. Es sind längst nicht alle Möglichkeiten für mehr Ausbildungsplätze ausgeschöpft. Die 300.000 Unternehmer ausländischer Herkunft bilden nur in geringem Maße aus. Wir haben die Zusage von ihnen erhalten, dass sie bis 2010 zehntausend Ausbildungsplätze mehr zur Verfügung stellen. Im Moment sind es etwa 25.000.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie konkrete Projekte aus anderen Ländern, von denen Sie sagen: Das hat Vorzeigecharakter?

Böhmer: Für sehr reizvoll halte ich ein französisches Projekt, das auch nach Deutschland übertragen werden soll: In den Banlieus der großen Städte, dort wo die Vororte gebrannt haben, können die Jugendlichen in der Regel gut französisch und haben auch meist einen französischen Pass, aber dennoch sind sie nicht gut integriert. Daraufhin haben sich große französische Unternehmen entschlossen eine "Charta der Vielfalt" zu vereinbaren, um damit die Chancen von Einwanderern in der Arbeitswelt zu erhöhen. Eine gute berufliche Bildung ist das eine, mehr Chancen zu eröffnen ist das andere. Beides muss zusammen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den 150.000 Menschen in Deutschland, die nur hier geduldet sind. Diese Praxis der Kettenduldungen wird von vielen kritisiert, weil sie den Menschen die Möglichkeit nimmt, sich zu integrieren und ihren sozialen Abstieg besiegelt.

Böhmer: In der Koalitionsvereinbarung steht, dass Kettenduldungen überprüft werden sollen. Die Innenministerkonferenz will das Thema Bleiberecht im Herbst in den Mittelpunkt stellen. Ich bin gutes Mutes, dass wir zu einer Regelung kommen werden, die vielen Geduldeten hilft.

SPIEGEL ONLINE: Einst hat die CDU mit dem Slogan "Deutschland ist kein Einwanderungsland" Wahlkampf gemacht. Jetzt treten plötzlich Unionspolitiker wie Armin Laschet auf, der sagt: Deutschland ist schon fast ein Auswanderungsland. Und der Berliner Friedbert Pflüger hat deutlich erklärt: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Was ist passiert in der CDU?

Böhmer: Vor ein paar Jahren war die Situation ja noch ganz anders. Die politische Diskussion drehte sich um die Frage, wie Einwanderung zu regeln ist. Diese Phase haben wir hinter uns. Jetzt müssen wir sehen, dass 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland leben. Die Diskussion "ist Deutschland ein Einwanderungsland oder nicht?" ist damit völlig müßig. Wir müssen uns an die Fakten halten - die sprechen eine eindeutige Sprache. Zumal schon im Jahr 2010 in den großen deutschen Städten die Hälfte der unter 40-Jährigen einen Migrationshintergrund haben werden. Das ist keine Frage der Mehrheit oder Minderheit mehr, sondern eine Frage des Zusammenlebens.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ein junges Mädchen aus einer Einwandererfamilie von ihren Eltern daran gehindert wird, Abitur zu machen oder zu studieren, was kann der Staat auf dieser privaten Ebene bewirken? Wie kann ein Klima geschaffen werden, das die Situation dieser Frauen verbessert?

Böhmer: Wir haben das Gleiche auch beim Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland erlebt. Gerade an türkischstämmige Eltern muss herangetragen werden, dass Mädchen die gleichen Bildungschancen haben müssen wie Jungs, dass Eltern ihre Töchter dabei unterstützen müssen. Dass Mädchen nicht vom Sport- oder Biologieunterricht abgemeldet werden können oder nicht an Klassenfahrten teilnehmen dürfen. Es ist richtig, wenn Schulordnungen dieses verankern und wenn die Schule Verträge mit den Eltern schließt. Wenn die Eltern skeptisch sind, können sie doch mitgehen zu der Klassenfahrt. Wir brauchen hierfür auch die Stimmen aus der Migrantencommunity selber.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Religion für Integration?

Böhmer: Man darf nicht alles an der Zugehörigkeit zum Islam festmachen. Der Dialog mit den Religionsgemeinschaften muss dennoch sehr intensiv geführt werden. Die Plattform für islamische Vertreter soll bei der Islamkonferenz von Innenminister Schäuble im Herbst liegen.

Das Interview führte Anna Reimann