Interview: "Eine harte Nuss" - DER SPIEGEL
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Interview "Eine harte Nuss"

Karsten Voigt (SPD) koordiniert für die Bundesregierung die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE analysiert er den Wahlkrimi in den USA und die Aussichten von Hillary Clinton.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Was signalisiert dieser knappe Wahlausgang für die Verhältnisse in den USA?

Voigt: Es gibt zwei Deutungen. Erstens: Das Land ist gespalten. Ich ziehe die zweite vor: Man kann sagen, das Land hält beide Kandidaten für geeignet, hat aber auch gleichermaßen Vorbehalte gegenüber beiden.

SPIEGEL ONLINE: Wäre für Al Gore die politische Karriere beendet, wenn er nicht Präsident wird?

Voigt: Das glaube ich nicht. So knapp, wie diese Wahl ausgeht, kann man nicht davon ausgehen, dass er auch im negativen Fall von der politischen Bildfläche verschwindet. Es wäre nicht das erste Mal, dass in den USA Menschen aus Ämtern verschwinden und einige Jahre später doch wieder wichtige politische Aufgaben übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Egal, wie die Wahl ausgeht: Der Sieg wird ganz knapp sein. Was bedeutet das für die Legitimation des künftigen Präsidenten und die praktische Arbeit?

Voigt: Es wird erst mal eine innenpolitische Diskussion darüber geben, ob das Wahlsystem überhaupt gerecht ist. Es steht ja schon fest, dass Gore auf jeden Fall die Mehrheit der Wähler erreicht hat. Das muss aber nicht bedeuten, dass er deswegen auch die Mehrheit der Wahlmänner bekommt. Der künftige Präsident wird nach innen am Anfang eine schwache Arbeitsgrundlage haben. Nach außen braucht das seine Handlungsfähigkeit nicht zu beeinträchtigen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Einfluss hatte Bill Clinton auf die Wahl?

Voigt: Er hat sich im Wahlkampf auf Wunsch von Gore sehr zurückgehalten. Könnte sein, dass die Demokraten das Gore nun ankreiden werden, denn Clintons Popularität ist trotz aller Geschichten sehr hoch.

SPIEGEL ONLINE: Welche Themen stehen für Deutschland ganz oben auf der Prioritätenliste, egal ob Bush oder Gore der neue Partner wird?

Voigt: Beide befürworten die nationale Raketenabwehr, die in Europa für Stirnrunzeln sorgt. Es bleiben also die außen- und sicherheitspolitischen Themen. Da werden wir aber auch die europäischen Fragen zu Bosnien und Kosovo und unser Verhältnis zu Russland in den Vordergrund stellen. Die Amerikaner denken aber stärker an Nahost oder Asien. Ich bin mir aber auch sicher, dass in Zukunft handelspolitische Probleme eine große Rolle spielen werden. Die Verflechtung zwischen USA und Europa nimmt zu, sorgt aber auch für neue Reibungspunkte.

SPIEGEL ONLINE: Wo zum Beispiel?

Voigt: Es wird Diskussionen über hormonbehandeltes Fleisch und genveränderte Nahrungsmittel geben. Hier stoßen sehr verschiedene Wertvorstellungen und materielle Interessen aufeinander. Einzelfragen lassen sich immer diskutieren, aber in der Summe kann das eine harte Nuss sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie deuten Sie den Sieg von Hillary Clinton in New York?

Voigt: Sie hat sich gegen große Widerstände durchgesetzt. Dass sie sich erst mal auf eine Senatorenlaufbahn beschränkt, heißt nicht, dass sie später nicht auch noch andere Ambitionen entwickelt. Sie wird eine der wichtigen Frauen, wenn nicht sogar eine der ganz wichtigen Persönlichkeiten bei den Demokraten werden.

SPIEGEL ONLINE: Könnte Hillary Clinton für Präsidentschaftswahlen antreten?

Voigt: Sie sagt im Augenblick das Gegenteil. Sie weiß vielleicht selber noch nicht, was sie in vier oder acht Jahren machen wird oder machen will. Eine solche Prognose wäre gewagt, aber es ist ja das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Frank Sinatra singt über New York: "If you can do it there, you can do it anywhere".

Voigt: Ein schönes Lied.

Das Interview führte Markus Deggerich