Interview mit Ex-Waffeninspektor "Bush ist noch unentschlossen"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Tucker, 1995 waren Sie als Uno-Waffeninspekteur mit im Irak, warum nehmen Sie nicht erneut teil?
Jonathan Tucker: Es wurden nur sehr wenige Ehemalige berufen, was ich für einen Nachteil halte. Der Hintergrund ist jedoch nachvollziehbar. Wir gelten als vorbelastet. Chefinspektor Hans Blix will aber sowohl vom Irak als auch von den USA als neutrale Instanz ernst genommen werden. Wir wurden gebeten, unsere Nachfolger mit unseren Erfahrungen zu schulen.
SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es für möglich, dass die Neulinge der Uno schon im Februar einen verlässlichen Bericht geben können?
Tucker: Sie können bis dahin nur bewerten, ob der Irak kooperationsbereit ist oder für neue Behinderungen sorgt. Aber für eine abschließende Bewertung, ob sich der Irak selbst abgerüstet hat, ist es dann noch zu früh.
SPIEGEL ONLINE: Wie viel Ermessensspielraum haben die Inspektoren überhaupt? Ist für die US-Regierung nicht längst klar, dass Saddam Hussein militärisch beseitigt werden soll und die Inspektoren nur das Alibi dafür suchen?
Tucker: Der Krieg sei nicht unvermeidlich, hat Präsident Bush gesagt, und ich glaube, das stimmt. Er bewegt sich noch unentschlossen zwischen den beiden Polen in seinem eigenen Team. Die entschlossenen Militärs und die mäßigenden Außenpolitiker haben ihr Tauziehen längst noch nicht beendet. Einerseits gibt es Druck, rasch zu handeln. Und Gegendruck, auch aus der Öffentlichkeit, abzuwarten, ob es nicht doch noch Alternativen zum Krieg gibt.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist bereits ein gewaltiger Aufmarsch in Gang. Was passiert, wenn die Waffeninspektoren im Irak Entwarnung geben, fällt der Krieg aus? Und verliert Präsident Bush sein Gesicht, weil er den Angriff so vehement herbeiredet?
Tucker: Bush könnte vollkommen ohne Gesichtsverlust dastehen und argumentieren, dass es seinem militärischen Druck überhaupt zu verdanken war, dem Irak die Zähne zu ziehen. Das wäre ein sehr glückliches Ergebnis einer Politik des starken militärischen Drucks. Der ist auch notwendig, um einen Herrscher wie Hussein zum Nachgeben zu zwingen. Allerdings ist auch mir nicht klar, ob die gegenwärtigen militärischen Vorbereitungen nur dazu dienen, diese taktische Drohung weiter zu verstärken, oder ob sie tatsächlich Krieg bedeuten.
SPIEGEL ONLINE: Angenommen, der Sicherheitsrat käme tatsächlich mehrheitlich zu der Auffassung, ein Feldzug ist überflüssig. Halten Sie einen militärischen Alleingang der USA für möglich?
Tucker: Ich hoffe nicht. Allerdings könnte schon die Unterstützung einiger weniger Staaten dazu verleiten.
SPIEGEL ONLINE: Wie optimistisch sind Sie, dass die laufende Inspektionsrunde die Situation noch entschärfen kann?
Tucker: Ich habe zwar Hoffnung, aber nicht viel. Denn der Irak muss glaubwürdig versichern, nichts zu verheimlichen und seine Waffen abzugeben. Die USA wiederum müssen bereit sein, ein solches Entgegenkommen des Irak zu begrüßen und zu akzeptieren, und der Sicherheitsrat muss einig werden in seiner Bewertung, aber darf sich dabei nicht unter Druck setzen lassen. Dann sehe ich Wege, um aus der Sackgasse zu kommen.
SPIEGEL ONLINE: Aber wirken die Inspektoren nicht längst wie Marionetten in einem abgekarteten Spiel?
Tucker: Dies ist keine Scharade. Die Inspektoren sind allein dem Sicherheitsrat verantwortlich und werden ihm als sachliche Grundlage die wichtigsten Informationen zur Meinungsbildung liefern. Dazu tragen sie nur zusammen, was sie im Irak bewerten können. Über Krieg und Frieden entscheiden sie jedoch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Aber sie liefern die Entscheidungsgrundlage dafür.
Tucker: Nein, die liefert der Irak. Die Beweislast, die "burden of proof", liegt bei der irakischen Regierung. Sie muss glaubwürdig belegen, dass sie keine Massenvernichtungswaffen mehr hat. Aber es macht misstrauisch, wenn ein irakischer General behauptet, dass Irak seine Waffenvernichtung nicht belegen kann, da auch die Belege dafür vernichtet seien. Dann müssten zumindest alle an Waffenprogrammen beteiligten Wissenschaftler vernommen werden können. Das bleibt das große Problem des Irak. Er muss seine Glaubwürdigkeit wieder herstellen. Denn schon bei unseren Inspektionsreisen wurde systematisch gelogen, getäuscht und getarnt.
SPIEGEL ONLINE: Und heute?
Tucker: Bis jetzt ist Irak sehr entgegenkommend. Es gab bislang keine nennenswerten Behinderungen, das bedeutet aber noch nicht Kooperation. Dennoch gibt es ermutigende Indizien, dass der Irak eine neue Haltung eingenommen hat, die hoffentlich nicht nur taktisch ist.
SPIEGEL ONLINE: Aber schon warnen amerikanische Geheimdienstexperten davor, dass der Irak bewusst auf Zeit spiele, um Waffen in Privathäusern zu verstecken?
Tucker: Wenn das so ist, müssen solche Informationen auch vorgelegt werden, statt damit Stimmung zu machen. Den Geheimdiensten ist ihr Informantenschutz wichtig, aber solche Behauptungen können über Krieg und Frieden entscheiden. Deshalb müssen sie als Fakten auf den Tisch.
SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn, sagen wir, nur 95 Prozent aller offenen Fragen geklärt werden können? Sind die fünf restlichen Anlass genug für einen Krieg?
Tucker: Man wird nicht jedes Geschoss aufspüren können, man kann aber herausfinden, ob es noch bedeutende Kapazitäten für chemische Waffenprogramme gibt. Denn für Chemiewaffen müssen große Vorräte besorgt und gehortet werden, die nicht so leicht zu verstecken sind. Im biologischen Bereich ist es dagegen extrem schwierig, weil schon Kleinstmengen reichen, um großes Unheil anzurichten. Daher ist wichtig, dass die langfristige Überwachung aller nur denkbaren Fabrikationsanlagen des Irak garantiert wird.
SPIEGEL ONLINE: Erwarten Sie dieses Ergebnis schon im Februar?
Tucker: Nein, denn es geht ja nicht nur darum, Fabriken oder Depots zu inspizieren und Importlisten, zum Beispiel für Chemikalien zu überprüfen, sondern immer wieder auch darum, mit Wissenschaftlern Gespräche zu führen, am liebsten natürlich, ohne dass ein Bewacher dabei ist. Allein dafür müssen diese Überprüfungen sehr, sehr lange dauern können. So mussten wir damals aufklären, warum der Irak 39 Tonnen Futter für Milzbrandbakterien gekauft hatte. Zunächst wurde behauptet, das Material sei nur für diagnostische Zwecke gedacht. Dazu wären allerdings nur kleine abgepackte Päckchen sinnvoll gewesen. Das Material wurde aber gleich in ganzen Fässern beschafft. Erst ein Überläufer hat dann für endgültige Klarheit gesorgt und Iraks Regierung musste eingestehen, dass sie uns belogen hatte.
SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie der deutschen Bundesregierung? Schließlich sitzt sie ab Januar mit im Weltsicherheitsrat, um in dieser Frage über Krieg und Frieden zu entscheiden.
Tucker: Es ist nicht meine Aufgabe, die Bundesregierung zu beraten. Aber ich nehme doch an, die deutsche Seite wird auf eine nüchterne und objektive Analyse aller Daten pochen, um daraus eigene Konsequenzen zu ziehen. Ihr Bundeskanzler will, wenn möglich, eine kriegerische Auseinandersetzung vermeiden. Hoffentlich ist das möglich. Aber es ist wahrlich schwer vorherzusehen, was im Weltsicherheitsrat passiert.
SPIEGEL ONLINE: Warum wird eigentlich nicht mit der Schärfe, wie der Irak von den USA behandelt wird, Nordkorea ein Eingreifen angedroht? Schließlich geht es dort sogar um Atomwaffen?
Tucker: Zwei Krisenherde zur gleichen Zeit, das wird offensichtlich auch Washington zu viel.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch: Warum konzentriert sich die US-Regierung eigentlich so auf den Irak und sammelt nicht Reputation, zum Beispiel bei der Entschärfung des Nahost-Konflikts?
Tucker: Haben Sie nicht noch eine leichtere Frage?
SPIEGEL ONLINE: Aber wird denn nicht auch in den USA befürchtet, dass durch einen Krieg im Irak die Lage im Nahen Osten explodieren könnte?
Tucker: Dass die Folgen verheerend sein können, dazu muss man kein Prophet sein. Sorgen gibt es viele, ich nenne jetzt nur zwei: Einerseits können Giftgasanschläge auf Israel nicht ausgeschlossen werden, zudem können die Sympathisanten bin Ladens in der Region auf neue, emotionalisierte Mitläufer hoffen. Wenn möglich sollten wir diesen Krieg vermeiden.
Das Gespräch führte Holger Kulick