Interview: Will Kohl die CDU zerstören? - DER SPIEGEL
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Interview Will Kohl die CDU zerstören?

Die Parteispenden-Affäre treibt von einem Höhepunkt zum nächsten. Auch wegen der beharrlichen Weigerung von Altkanzler Kohl, mit der Wahrheit herauszurücken. Was treibt den langjährigen CDU-Vorsitzenden? Und wie sollte seine Partei mit dem 69-Jährigen umgehen? SPIEGEL ONLINE sprach mit Professor Horst-Eberhard Richter, Psychoanalytiker und Familientherapeut.
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: Wenn Sie sich die Trennungsgeschichte von CDU und Kohl anschauen - in welcher Phase steckt die Beziehung?

Richter: An einem unentschiedenen Punkt. Es gibt zwei Gruppierungen, die beide verhindern möchten, dass es zu einer Spaltung der Partei kommt. Die eine hält zu Kohl, möchte die Identität der CDU nicht zu sehr von ihm trennen. Die andere Gruppe ist für eine entschiedenere Loslösung.

SPIEGEL ONLINE: In Teilen der CDU heißt es sogar, man müsse sich von Helmut Kohl befreien. Braucht es tatsächlich eine Befreiung?

Richter: Nach den Jahrzehnten, in denen sich die Partei Kohl ergeben und gefügig untergeordnet hat, ist es nicht einfach, sich jetzt schlagartig zu befreien. Schon weil unter den potenziellen Nachfolgern keinem eine identitätsstiftende Kraft zugetraut wird.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die Partei bisher gehindert, sich von Kohl zu emanzipieren? Die Ämter, die Macht verleihen, hatte er doch längst verloren.

Richter: Sozialpsychologisch sind die Bindungen noch sehr stark. Seine Veranstaltungen in Hamburg und Bremen haben gezeigt, dass es noch eine sehr bedeutende Schar von Anhängern gibt, die Angst davor hätten, dieses Idol, diese Figur, die ja schon Ähnlichkeit mit einem Feudalfürsten des 18. Jahrhunderts hat, zu zerstören.

SPIEGEL ONLINE: Angela Merkel hat vor wenigen Wochen gefordert, die Partei müsse laufen lernen. Was hat sie denn bisher am Laufen gehindert?

Richter: Über die Jahrzehnte hat sich in dieser Partei eine undemokratische Autoritätsergebenheit eingeschlichen. Was dazu geführt hat, dass ein Übervater sich gewaltige Macht angeeignet hat. Kohl wurde so viel an Kompetenz und Verantwortung übereignet, dass man sich in der CDU heute selbst darüber wundert, was man alles an demokratischer Kontrolle versäumt hat.

SPIEGEL ONLINE: Seit kurzem wissen wir, dass Kohl seine Beliebtheit auch mit Geldzuwendungen gesteigert hat. Was muss aber noch dazu kommen, um eine solche, fast absolute Macht in einer Partei zu erringen?

Richter: Kohl hatte sich einen Stab gezüchtet, in dem er jeden, der aufmuckte, sofort mit Entzug von Verantwortung und Vertrauen bestraft hat. Allmählich hat sich in der Führungsriege eine Abhängigkeitssituation entwickelt, die ihm das Manipulieren leicht gemacht hat. Wenn wir aber seine eigene Struktur betrachten: Es wird immer deutlicher, dass das Vertrauen, von dem er so gerne redet, für ihn mehr die Herstellung von Gehorsam und Untertänigkeit bedeutete, auf die er dann bauen konnte. Dabei war auf seiner Seite offenkundig auch eine gehörige Portion Verachtung im Spiel. Seine nächsten Gefolgsleute bitten ihn ja geradezu flehentlich, der Partei zu helfen - er lässt das zynisch an sich abprallen. Man sieht: Er hat sich da eine enorme narzistische Panzerung zugelegt und innerlich großen Abstand zu seiner Umgebung hergestellt.

SPIEGEL ONLINE: Verachtung, Zynismus - was treibt ihn noch in seinem Verhalten? Zerstörungswille?

Richter: In überhöhter, arroganter Selbstsicherheit sagt er sich offenbar: Wenn die Partei meine Gunst nicht mehr verdient, indem sie sich jetzt so hässlich mir gegenüber aufführt - naja, dann habe ich immer noch das Volk. Er vertraut auf Millionen Anhänger. Und die Partei soll dann eben sehen, wo sie bleibt. Dass er die CDU mit seinem Schweigen immer tiefer in die Glaubwürdigkeitskrise treibt, lässt ihn kalt: Die Partei hat selber schuld, wenn sie nicht einsieht, dass mein Ehrenwort höher steht als das Gesetz.

SPIEGEL ONLINE: Die Söhne- und Töchter-Generation in der CDU reagiert uneinheitlich. Die einen wollen Kohl nicht fallen lassen. Andere, wie Angela Merkel, gehen unbeirrt ihren eigenen Weg. Und wieder andere, wie Norbert Blüm, leiden richtiggehend an Kohl. Steht dahinter nur die Frage, wie eng das Verhältnis zu Kohl war, wie lange man sich schon kennt?

Richter: Die Bindung an Kohl ist sicher sehr unterschiedlich. Blüm, der ein treuer Gefährte war und immer seinen Kopf für Kohl hingehalten hat, ist jetzt zutiefst gekränkt, fast depressiv. Anders ist es bei Frau Merkel, die vom ersten Tage an - anders als die meisten Männer - klargemacht hat, wir müssen eine Trennungslinie ziehen. Ihr Vorteil ist, dass sie sich noch weniger in dem Abhängigkeitssystem verfangen hat.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten sie - wie wird die Partei in nächster Zukunft mit Helmut Kohl umgehen?

Richter: Ich bemerke da von Tag zu Tag eine größere Angst, Kohl zu beschädigen - und sich damit der gemeinsamen Identitäts-Sicherheit zu berauben, die in der Gemeinschaft mit dem "Vater", der es immer so gut gerichtet hat, entstanden war. Jetzt überwiegt die panische Sorge: Hoffentlich bricht nicht alles auseinander. Wir müssen wieder eng zusammenhalten und dürfen Kohl nicht länger kränken. Ich vermute, dass dieser Trend anhalten wird. Nämlich, dass man versuchen wird, alles schnell wieder zuzudecken. Nach dem Motto: Was sind schon die zwei Millionen, mit denen Kohl da jongliert hat? Und was hat er nicht alles für uns getan!

Das Interview führte Rita Kohlmaier

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