Interview zu Absprache-Vorwürfen: "Das System Kohl lebt" - DER SPIEGEL
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Interview zu Absprache-Vorwürfen "Das System Kohl lebt"

Die CDU-Mitglieder des Untersuchungsausschusses haben sich regelmäßig vor Zeugenbefragungen mit Helmut Kohl getroffen. Die SPD vermutet Manipulationen und Absprachen. Rainer Wend, für die SPD im Ausschuss, fordert im Interview mit SPIEGEL ONLINE, die CDU-Mitglieder nun als Zeugen zu befragen. Zudem hat er Hinweise, dass Kohl mit dem ehemaligen Generalbevollmächtigten Uwe Lüthje ebenfalls Absprachen getroffen hat.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Hat Kohl die CDU-Mitglieder des Ausschusses beeinflusst?

Wend: Das System Kohl lebt. Vor jeder Ausschusssitzung trifft er sich mit den CDU-Repräsentanten und bereitet die Sitzungen vor. Weiß Frau Merkel, weiß Herr Merz eigentlich davon?

SPIEGEL ONLINE: Seit wann wissen Sie von diesen Treffen?

Wend: Wir haben vergangene Woche die Kalender von Kohls Büroleiterin Juliane Weber bekommen. Dort stehen die Termine drin. Wir waren überrascht, dass wir solche Informationen bekommen und dachten schon, das sei eine Finte. Die CDU-Mitglieder saßen laut Kalender bis zu zweieinhalb Stunden beim Ex-Kanzler.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die weitere Arbeit des Gremiums?

Wend: Wir müssen jetzt überlegen, ob die CDU-Mitglieder nicht sogar als Zeugen befragt werden müssen. Mich interessiert schon, über was da im Zimmer von Kohl geredet wurde. Wenn sie hier als Zeugen auftreten, muss man überlegen, ob sie noch als Ausschussmitglieder in Betracht kommen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn ernsthaft geglaubt, dass Kohl sich nicht mit den CDU-Mitgliedern berät?

Wend: Meine persönliche Vorstellungskraft ist das eine. Dass ich es jetzt aber schwarz auf weiß habe, ist etwas anderes.

SPIEGEL ONLINE: Und wer hat wen beraten?

Wend: Ich denke, die CDU-Mitglieder haben sich von Kohl zu den einzelnen Zeugen beraten lassen. Kohl hat ihnen gesagt, was zu beachten ist, was gegebenenfalls zu fragen ist.

SPIEGEL ONLINE: Hat Kohl über diesen Kanal vertrauliche Unterlagen aus dem Ausschuss erhalten?

Wend: Das kann ich nur vermuten, aber nicht beweisen. Da frage ich zurück: Was sagt Ihnen der gesunde Menschenverstand zu dem Thema?

SPIEGEL ONLINE: Aber die CDU-Mitglieder stellen in den Ausschusssitzungen doch kaum verfängliche Fragen.

Wend: Man kann auch darauf hinarbeiten, wo nicht gefragt werden darf. Auch das ist eine Art von Vorbereitung. Ob der CDU-Obmann Unterlagen übergeben hat, müsste man ihn als Zeugen fragen, denn dann muss er die Wahrheit sagen. Aber die Konsequenz ist gravierend: Dann kommt er als Obmann nicht mehr in Frage.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie den Auftritt von Helmut Kohl heute?

Wend: Mit einem Wort: Realitätsverlust. Er sieht das so: Die Medien, die Gewerkschaften, die Wirtschaft und natürlich Rot-Grün planen gemeinsam die große Intrige gegen den europäischen Staatsmann. Er wollte immer aussagen. Heute hat er die Gelegenheit, und dann macht er bei den entscheidenden Punkten zur Parteispendenaffäre von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im Ausschuss davon gesprochen, dass es eine Art Drehbuch gebe, Absprachen mit Helmut Kohl, wer von den CDU-Zeugen was sagen soll.

Wend: Wir wissen, dass bei der Flick-Affäre so ein Drehbuch gab, abgestimmt zwischen Kohl und dem ehemaligen Generalbevollmächtigten Uwe Lüthje. Heute haben wir eine handschriftliche Terminliste von Lüthje, die schön akribisch alle wichtigen Termine auflistet. Dazu kommt ein Schreiben von Lüthje an Kohl, in dem er ihm suggeriert, was er wissen muss und was nicht. Hinzu kommen die Treffen mit den Ausschussmitgliedern. Die Schlussfolgerung für uns ist: Hier gibt es ein ähnliches Drehbuch wie damals.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat das Drehbuch geschrieben?

Wend: Lüthje, sicher in Zusammenarbeit mit Kohl. Von Lüthje haben wir schriftliche Belege aus der Staatsanwaltschaft Bonn, dass er sich mit Kohl getroffen und die Zeugenaussagen vorbereitet hat.

SPIEGEL ONLINE: Lüthje ist also so krank, dass er nicht vor dem Ausschuss erscheinen, aber sich mehrmals mit Kohl treffen kann?

Wend: So ist es.

Das Interview führte Markus Deggerich