meinung •S.P.O.N. - Im Zweifel links Was der Papst schon immer über Sex wissen wollte
Deutsche Bischofskonferenz (in Fulda): Seit 2000 Jahren eine sexfeindliche Religion
Foto: Arne Dedert/ dpaBei Matthäus heißt es: "Suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan." Da steht nicht: Fragt, so werdet ihr Antwort bekommen - aber sie wird euch nicht gefallen. Diese Erfahrung macht die katholische Kirche gerade, die von ihren Gläubigen wissen wollte, was sie von der kirchlichen Sexualmoral halten. Das Ergebnis - nichts - ist weniger überraschend als die Tatsache der Umfrage selbst, über die der neue SPIEGEL berichtet. Was soll das? Das Christentum ist seit 2000 Jahren eine sexfeindliche Religion - geschadet hat das dem Abendland nicht. Wo wären wir ohne unsere Scheinheiligkeit?
Alles, was der Papst schon immer über Sex wissen wollte, wird er jetzt erfahren. Die katholische Kirche macht auf SPD und führt eine Mitgliederbefragung durch. In einer Umfrage waren die Gläubigen in aller Welt aufgerufen, sich zu den Moralvorschriften ihrer Religion zu äußern: vom Familienbild bis zur Sexualmoral. Die Ergebnisse werden in Rom gesammelt und analysiert, im Herbst will Papst Franziskus mit seinen Bischöfen auf einer außerordentlichen Synode darüber beraten. Schockstarre in der Kurie?
"Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn." Das steht bei Markus. Aber das ist natürlich ganz anders gemeint, als die Jugendlichen es im Religionsunterricht heutzutage verstehen. Nirgends ist die Kluft zwischen kirchlicher Lehre und echtem Leben so tief wie beim Sex: Egal, ob es um Verhütung geht, um außerehelichen Geschlechtsverkehr oder um Homosexualität - wo gilt noch die katholische Sexualmoral, außer in Iran und im Bibelgürtel der USA?
Berlusconi des Heiligen Stuhls
Das ist keine neue Entwicklung. Papst Gregor I. erstellte zwar schon vor gut 1400 Jahren einen strengen Strafkatalog für die Sünden wider das Fleisch, und die Männer der Kirche achteten auch streng auf Einhaltung - aber nur bei den anderen. Die längste Zeit seit Christi Himmelfahrt hielt sich der katholische Klerus selbst nicht an seine Regeln. Papst Alexander VI. ließ sich zur Steigerung der religiösen Ekstase römische Freudenmädchen kommen, um ihnen seinen Petersdom zu zeigen. Dieser Berlusconi des Heiligen Stuhls war nur eine besonders krasse Variante der üblichen religiösen Bigotterie: öffentlich gegen den Sex wettern, den man mehr oder weniger heimlich treibt. Erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Macht der Kirche allmählich schwand, begann sich die Kluft zwischen Wort und Wirklichkeit zu schließen - ganz geschlossen ist sie nicht, daran erinnern die Missbrauchsskandale.
Am Anfang tat sich das Christentum mit der Sexualmoral noch nicht so schwer. Im ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus: "Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin" - also züchtig und zölibatär - "aber", fährt der Apostel fort: "jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so." Da war noch ein Spielraum, den der Kirchenvater Augustinus dreihundert Jahre später schloss. Er erfand die Idee von der Erbsünde, die sich seit Adam von Mensch zu Mensch überträgt wie eine Geschlechtskrankheit. Eine "Logik des Schreckens" nennt der Philosophiehistoriker Kurt Flasch diese Lehre, die das Christentum so stark geprägt hat wie kaum eine andere.
Augustinus hatte in seinen jungen Jahren die "Dornen der Lust" selber ausgiebig kennengelernt. Mit bitterem Spott denkt er in seinen "Bekenntnissen" daran zurück. Da erinnert sich der alte Mann, wie er als Jüngling den Herren im Himmel gebeten habe: "Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, doch nicht sogleich."
Augustinus machte die Religion zum Instrument der Bewältigung der eigenen sexuellen Obsessionen - und Kirche und Abendland haben sich damit hervorragend eingerichtet: Triebkontrolle als Bedingung der Zivilisation, das hat ziemlich gut funktioniert. Die Zisterzienser-Mönche fingen vor fast tausend Jahren gezielt damit an, die Energie des Eros in die Arbeit umzuleiten. Sie verzichteten nicht auf Ehe und Sex, um sich der Lust der Askese hinzugeben, sondern der Liebe Gottes in der tätigen Leistung. Die Jesuiten perfektionierten das Prinzip später und der protestantisch geprägte Kapitalismus lebt überhaupt nur davon. Sublimierung heißt das bei Freud.
Aber irgendwie kümmert das die heutigen Gläubigen gar nicht mehr. Mit Blick auf die Untersuchungsergebnisse spricht der Mainzer Bischof Kardinal Karl Lehmann von "einer unglücklichen, fatalen Situation". Die Modernisierung steht vor den Toren Roms. Vielleicht sollte sich der Papst an den Pastorensohn Gottfried Benn erinnern, und an dessen Lob des Doppellebens: "Wir alle leben etwas anderes als wir sind. Wer Synthese sagt, ist schon gebrochen."