Kretschmann und Fischer im Wahlkampf Die Welterklärer
Was hätte die Kanzlerin denn machen sollen, wie hätten Sie reagiert, fragt Joschka Fischer ins Publikum: "Die Flüchtlinge waren ja in Budapest, ohne dass Angela Merkel irgendeinen Pieps gesagt hätte." Die Menschen mit Gewalt von Deutschland fern halten, eine humanitäre Katastrophe riskieren? Das hätte die Bundesregierung keinen Tag durchgehalten, sagt Fischer zur Situation im vergangenen Sommer.
Die Kanzlerin zu loben, das geht auch dem ehemaligen Außenminister leicht über die Lippen, wenn auch nicht in so routinierten Textblöcken wie seinem Nebensitzer auf dem Podium, Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
Zehn Tage vor der Landtagswahl absolvieren die beiden Grünen-Promis in der Karlsruher Stadthalle einen gemeinsamen Wahlkampfauftritt. Titel der Veranstaltung: "Auf dem richtigen Weg für die Zukunft Europas." Es ist einer der raren Termine, die Fischer noch für seine Partei absolviert.
Die Botschaft des moderierten Gesprächs an die rund tausend Zuhörer: Hier sitzen zwei, die die Welt deuten können, auch wenn sie komplex ist. Und einer davon möchte sein Bundesland als Ministerpräsident weiter regieren.
Fragen unerwünscht - auch zu Beck
Kretschmann und sein mitgereister Tross haben gute Laune: Kurz vor Beginn der Veranstaltung veröffentlichte die ARD neue Umfragezahlen, wonach die Grünen mit 32 Prozentpunkten stärkste Partei im Ländle werden, vor der CDU mit 28.
Nur die Drogenaffäre des Berliner Grünen-Politikers Volker Beck trübt das Bild. Am Morgen hat ihn Kretschmann kritisiert: "Es ist ja schon ein schweres Vergehen." Und: "Ich kann nur hoffen, dass jetzt solch ein einzelnes Fehlverhalten nicht auf alle übertragen wird."
Man wüsste gerne, was Fischer zu der Sache sagt, oder ob Kretschmann zu seinem harten Votum noch etwas nachreichen möchte. Doch Fragen sind in Karlsruhe nicht vorgesehen. Es geht um die höheren Dinge, um Europa, Krisen, die Philosophie der Macht. Die beiden Welterklärer springen durch die Themen und über die Kontinente.
Die Flüchtlingsfrage werde nicht verschwinden, prophezeit Fischer: "Der Nahe Osten ist unsere Nachbarregion. Die Leute können zu Fuß zu uns kommen." Und die Dublin-Regelung werde sich nicht wieder installieren lassen. Der Glaube, Italiener und Griechen könnten das regeln, sei falsch gewesen.
Kretschmann berichtet von seiner Begeisterung für Europa und davon, wie es ist, Ministerpräsident zu sein. In der Opposition denke man häufig, die Regierenden wollten nicht. "Wenn du im Amt hockst, merkst du, man kann oft nicht." Es gebe viele Zwänge und auch die Biegekräfte der Macht. "Nur muss man aufpassen, dass man sich nicht verbiegen lässt." Seinen Regierungsstil beschreibt Kretschmann so: "In Krisen gehe ich auf Konsens. Das ist mein Prinzip."
Kretschmann und Fischer - eine lange Beziehung
Vor fast 30 Jahren war Kretschmann einmal Fischers Mitarbeiter gewesen. Als Grundsatzreferent im hessischen Umweltministerium, das Fischer als erster grüner Minister überhaupt bekleidete, vereidigt damals in seinen Turnschuhen.
"Eine harte Schule", so bezeichnete Kretschmann in einem Zeitungsinterview einmal seine Zeit bei Fischer. "Fischer war kein leichter Chef, er hatte einen unerbittlichen Führungsstil." Auf dem Karlsruher Podium erzählt Kretschmann, das Verhältnis zu Fischer sei "nicht frei von Spannungen" gewesen.
Fischer und Kretschmann sind ein Jahrgang, 1948, beide wuchsen sie als Söhne von Heimatvertriebenen in Baden-Württemberg auf, beide sind katholisch. Nach der Schulzeit laufen die Biografien auseinander, Kretschmann studiert in Hohenheim, Fischer geht nach Frankfurt und wird dort Buchhändler und Sponti. Während sich Fischer in den Siebzigerjahren an Straßenschlachten beteiligt, ist der ehemalige Maoist Kretschmann zu der Zeit schon geläutert und staatstreuer Lehrer.
Als Fischer 1998 Bundesaußenaußenminister wird, hat Kretschmann im Ländle noch lange Jahre der Opposition vor sich. 2011 nimmt er der CDU mit einer grün-roten Koalition die Macht ab. Sollte er sein Amt entgegen dem Umfragetrend doch nicht behaupten können, dann würde Kretschmann seinen Ruhestand kaum verbringen wie Fischer: als Lobbyist, Buchautor und gut bezahlter Vortragsredner.
Öko-Partei in der Mitte
Der eine ehemalige Außenpolitiker, der andere Landesvater: Gemeinsam stehen die beiden Grünen-Gründer für den langen Marsch der Grünen durch die Institutionen. Und dafür, dass sich die Ökopartei in der politischen Mitte eingerichtet hat.
Er könne Kretschmann nur zustimmen, wenn der sage, er bete für die Kanzlerin, sagt Fischer: "Wir müssen über parteipolitische Schatten springen und anerkennen, was geleistet wird in einem Amt."
Und die eigene Partei, die Grünen? Wo sind Konflikte wie 1999, als Fischer auf einem Sonderparteitag zur geplanten Kosovo-Mission der Bundeswehr einen Farbbeutel aufs Ohr bekam? Zwar seien die Grünen keine Partei, in der jeder "immer nur ja und amen sagt", erklärt Fischer. Jedoch: "Ich sehe keinen Widerspruch zwischen den Grünen als Regierungspartei und dem Anspruch, Menschenrechtspartei zu sein."