Joschkas Adieu: "Es wird sicher emotional" - DER SPIEGEL
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Joschkas Adieu "Es wird sicher emotional"

Am Dienstag nimmt Ex-Außenminister Joschka Fischer Abschied von der Grünen-Fraktion. Der Vollblut-Parlamentarier gibt sein Mandat ab, weil er als Gastprofessor nach Princeton geht. Es wird Tränen geben - aber auch Erleichterung. Denn nun ist der Weg frei für die zweite Reihe.
Von Yassin Musharbash
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Wenn Joschka Fischer am kommenden Dienstag, 15 Uhr, an seiner voraussichtlich letzten Fraktionssitzung teilnimmt, wird fast auf den Tag genau ein Jahr vergangen sein, seit er bei seinem letzten großen Auftritt im Bundestag die Umfragewerte der damaligen Oppositionsführerin Angela Merkel als "Soufflé" bezeichnet hat. Das klang, als sehe er für sich selbst noch eine strahlende politische Zukunft in Deutschland.

Neun Monate werden dann vergangen sein, seit der erste grüne Außenminister und langjährige Oberguru seiner Partei nach verlorener Bundestagswahl erstaunlich zügig seinen Rückzug aus der Politik ankündigte.

Und nur noch ein knappes Vierteljahr wird ihn am Dienstag von seinem neuen Job trennen - der Tätigkeit als Professor für Internationale Beziehungen an der US-Eliteuniversität Princeton.

Es ist also ein besonderer Tag, der da auf die grüne Bundestagsfraktion und Joschka Fischer zukommt: Das grüne Schwergewicht verlässt die Nahkampfzone. Der geschmeidige Abtritt auf Raten, für den Fischer sich entschieden hat, wird abgeschlossen, unumkehrbar. Wie markiert man ein solches, für die Partei historisches Datum?

Es wird "warme Worte" der Fraktionsführung um Renate Künast und Fritz Kuhn geben, heißt es. Mehrere Reden. Ein Geschenk. Fischer, ist weiter zu erfahren, habe "ausdrücklich" darum gebeten, "keinen großen Bahnhof" zu veranstalten. "Sicher wird es trotzdem emotional", heißt es aber. Denn schon als Fischer im Herbst ankündigte, sich aus der Parteipolitik herauszuhalten, gab es in der Fraktionssitzung minutenlange standing ovations. "Mit Tränen wird gerechnet", sagt deshalb ein Abgeordneter. Kaum einer, der in der Vergangenheit nicht Schlachten mit Fischer geschlagen hätte oder von ihm beleidigt worden wäre - aber die Zäsur stimmt versöhnlich. Eine Vaterfigur tritt schließlich ab.

Nachrücker aus dem Bundesvorstand

Zugleich herrscht Erleichterung: "Fritz Kuhn, der immer nur 'Fischers Fritze' war, kann jetzt aus seinem Schatten treten, und Renate Künast, die immer die neue Nummer Eins werden wollte, hat jetzt freie Bahn", raunt ein prominenter Grüner, der anonym bleiben möchte. Fischer selbst hat über die zweite Reihe der Partei in einem seiner letzten Interviews noch ziemlich abschätzig gesagt, sie hätte ihn viel früher aus dem Weg räumen müssen. Jetzt haben sie das Alphatier politisch überlebt - was Fischer allerdings nicht mehr kümmert. Denn der denkt seit seiner Außenminister-Ära nur noch in internationalen Maßstäben. Was sorgen ihn da groß die Grünen und ihr etwas klägliches Dasein als kleinste Oppostionspartei? Dass er vor einem Jahr noch unermüdlich mit dem Wahlkampfbus durch die Republik tingelte, scheint weit weg und kaum noch wahr.

Fischers neue Welt wird nicht mehr Berlin-Mitte sein. Sie liegt ab Herbst in Princeton, wo er Krisendiplomatie lehren wird - und teil- oder zweitweise wohl auch im Berliner Westen, wo er dem Vernehmen nach eine Villa nach seinen Wünschen umgestalten lässt.

Das Ende von Fischers parlamentarischer Karriere bereitet also niemanden sonderlichen Verdruss. Dass er sein Mandat noch in diesem Jahr abgeben würde, war erwartet worden - es ging allein noch um den genauen Zeitpunkt. Nachdem der SPIEGEL am vergangenen Wochenende die Berufung Joschka Fischers nach Princeton gemeldet hatte, hielt dieser die Gelegenheit wohl für günstig, die Rückgabe seines Mandats einzuleiten. Aus Istanbul, wird gemunkelt, sei er telefonisch aktiv geworden, um die Nachricht zu streuen.

Dass es nun endlich so weit ist, dürfte zumindest verhaltene Freude auch bei Omid Nouripour auslösen, der für Fischer in den Bundestag nachrücken wird. Nouripour, 31 Jahre alter Frankfurter, wäre übrigens der erste Bundestagsabgeordnete, der wegen der Reform des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts durch Rot-Grün ins Parlament gelangt. Denn geboren ist der Hesse in Teheran, und nur, weil die Bundesrepublik neuerdings doppelte Staatsangehörigkeiten hinnimmt, hat er neben seinem iranischen auch einen deutschen Pass. Nouripour ist bei den Grünen bereits gut bekannt, denn seit 2002 ist er Mitglied des Bundesvorstandes der Partei. Er hat sich bislang vor allem mit den Themen Integration, Rechtsextremismus und Iran beschäftigt.

Fischers Ausscheiden und seinen eigenen, bereits abzusehenden Einzug ins Parlament will Nouripour noch nicht kommentieren. Jedenfalls nicht, bevor Fischer es selbst verkündet hat - voraussichtlich am Dienstag.