K-Frage der SPD: Operation Krücke - DER SPIEGEL
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K-Frage der SPD Operation Krücke

Hat der das nötig? Peer Steinbrück lässt sich von Helmut Schmidt zum nächsten Kanzlerkandidaten der SPD ausrufen. So hofft er, seine Kritiker in der SPD mundtot machen zu können - doch dieses Schauspiel könnte gefährlich werden.
Von Christoph Schwennicke
Kandidaten-Kandidat Steinbrück, Unterstützer Schmidt: Fadenscheiniges Verfahren
Kandidaten-Kandidat Steinbrück, Unterstützer Schmidt: Fadenscheiniges Verfahren

Kandidaten-Kandidat Steinbrück, Unterstützer Schmidt: Fadenscheiniges Verfahren

Foto: Fredrik von Erichsen/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Peer Steinbrück ist an diesem Wochenende dem Ziel seiner innerparteilichen Gegner ein gutes, vielleicht entscheidendes Stück näher gekommen. Die Wahrscheinlichkeit, zum Kanzlerkandidaten der SPD ausgerufen zu werden, hat er aktiv halbiert bis gevierteilt durch seine gemeinsamen Auftritte mit dem SPD-Altkanzler Helmut Schmidt. Keine einzige der zuletzt massiven Attacken aus der Parteilinken gegen seine Kanzlerkandidatur hat ihm so geschadet wie die "Operation Krücke". Steinbrück hakt sich beim großen alten Schmidt unter und lässt sich von ihm in einem vornehmen hanseatischen Vornamen-Sie zum Kanzlerkandidaten promovieren. Doch das Verfahren ist so fadenscheinig wie eine dünngewordene Socke.

Das ganze Schauspiel vollzieht sich vor dem bedingt bedeutsamen Hintergrund eines gemeinsamen Buches übers Schachspielen. Natürlich fragt keiner wirklich nach dem Schachspielen, oder nur höflichkeitshalber. Sondern nach Kanzlerschaften, vergangenen und etwaigen künftigen. "Peer, Sie sind es", sagt dann der gewesene Kanzler, worauf Peer, der etwaige künftige Kanzler, bescheiden berührt abwinkt. "Ach Helmut, Sie sind zu gut zu mir."

So versucht Steinbrück, um all jene in der SPD herumzukommen, die ihm immer noch übelnehmen, sie seinerzeit kollektiv als "Heulsusen" bezeichnet zu haben. Das eigentliche Problem aber ist Steinbrück selbst. Schon damals auf dem Schulhof kannte man diesen Typus, als den er sich geriert. Diese Art Mitschüler riskierte eine dicke Lippe, und wenn man ihn zu einem verbalen oder auch physischen Kräftemessen herausforderte, dann zog er ab und kam anderntags mit seinem großen Bruder oder seinem Papa wieder. Freunde oder gar Bewunderer schuf sich dieser Mitschüler nie.

Es gibt einige valide Indizien dafür, dass es Steinbrück nötig haben könnte, sich auf den Gehstock des weisen alten Mannes zu stützen, gerade in jüngster Zeit. Denn wenn der ehemalige Finanzminister auf sich allein gestellt ist, dann kommen manchmal nicht ganz so glorreiche Auftritte dabei heraus wie jene mit seinem politischen Mentor Schmidt. Als er zuletzt die entscheidende Rede im Bundestag halten musste als Herausforderer der Bundesregierung in der Europa-Krisenpolitik, da schwurbelte er etwas von Kirchen in Cornwall und einer fehlenden Erzählung zu Europa. Selbst ihm geneigte Genossen schauten betreten nieder.

Gabriel hat die Hoheit über die K-Frage

Peer Steinbrück ist nach wie vor der aussichtsreichste Kanzlerkandidat, den die SPD aufzubieten hat. Ein ähnlicher Solitär hatte es vor Jahren auch versucht und geschafft, zum Kandidaten und schließlich zum Kanzler zu werden. Aber von wegen Schach: Gerhard Schröders Kampf um die Kandidatur mit Oskar Lafontaine war wesentlich komplexer und strategischer angelegt als dieser Angriff Steinbrücks. Schröder konnte als wiederzuwählender Ministerpräsident von Niedersachsen selbst die Elle bestimmen, an der seine Eignung für den Posten zu messen sei. Höchstens zwei Prozentpunkte Schwund legte er als Vorgabe für seine Wiederwahl fest und wandelte die Landtagswahl von Niedersachsen zu einer Art Vorwahl über den Kanzlerkandidaten um. Erfolgreich, wie man weiß.

Diese Möglichkeit einer Art Primaries hat Steinbrück nicht. Er steht nirgends zur Wahl, und das aktuelle Vorbild der französischen Sozialisten einer generellen Volksbefragung über den Kandidaten werden die deutschen Sozialdemokraten wohl nicht aufgreifen. Mit einem entsprechenden Reformvorschlag ist die SPD-Führung eben erst krachend gescheitert.

Im Unterschied zu der Causa Schröder/Lafontaine hat also der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel weiterhin die Hoheit über diese Frage. Im Grunde ist es für ihn jetzt sehr komfortabel. Möchte er Steinbrück als aussichtsreichsten Kandidaten erhalten, dann muss er ihn vor dessen gefährlichstem Gegner schützen: sich selbst.

Möchte er das nicht, dann muss er Steinbrück jetzt einfach gewähren lassen oder sogar noch aufpumpen - bis er lange vor der Zeit als denkbarer Kandidat platzt.