Kanzler-Reise: "Den Jammer-Ossi gibt's hier nicht" - DER SPIEGEL
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Kanzler-Reise "Den Jammer-Ossi gibt's hier nicht"

Freitag, Tag fünf seiner Sommerreise, führt Gerhard Schröder nach Jena. Um die Uni herum ist dort eine erfolgreiche Gründer-Schmiede entstanden. Anders als viele ihrer westlichen Pendants blieb die Ideenfabrik halbwegs verschont von der Krise der New Economy.
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"Dieser Bahnhof ist 'ne Katastrophe", stöhnt Thomas Wagner. "Wenn Kunden uns zum ersten Mal besuchen, dann steigen die häufig erst gar nicht aus. Die denken, der Zug tankt hier nur Wasser nach oder so was." Die Station Jena Paradies - benannt nach einem angrenzenden Park - Bahnhof zu nennen, ist in der Tat ein Euphemismus: Neben den Gleisen zusammengenagelte Bretter dienen als Bahnsteig. Wer sich hier vor Regen schützen will, der stellt sich unter eine von Holzbalken gehaltene Plastikfolie. Das DB-Reisezentrum besteht aus weiß lackierten Bau-Containern.

Wagner ist Ende vergangenen Jahres aus Braunschweig nach Jena gekommen. Er ist Geschäftsführer von Integrated Genomics, Tochterfirma eines gleichnamigen US-Biotech-Unternehmens, das sich Jena als Standort für seine europäische Tochter ausgesucht hat. In den Labors analysieren die bislang zehn Mitarbeiter Stoffwechselwege unterschiedlicher Organismen. Die Gründe, warum sich das Unternehmen ausgerechnet in Jena angesiedelt hat, sprudeln nur so aus Wagner heraus. "Hier gibt es hervorragend ausgebildetes Personal, eine gute Zusammenarbeit mit der Uni, ein tolles Netzwerk, die Gesprächspartner bei Banken und Behörden für Unternehmensgründer kennen sich aus, und nicht zuletzt zählt natürlich das Finanzielle: Hier gibt es eine Förderquote von 50 Prozent."

Biotech hinter Apfelbäumen

Wagners Firma hat ihren Sitz gemeinsam mit rund einem dutzend anderer junger Unternehmen im Bioinstrumentezentrum, einem nicht mal ein Jahr alten Gründerzentrum, das hinter Apfelbaumwiesen und geranienbehängten Einfamilienhäusern an einem Hang am Rand von Jena liegt. Von hier oben aus überblickt man das ganze 100.000-Seelen-Städtchen, das sich ins Tal kuschelt, als wäre es in ein gigantisches, grün bezogenes Federbett geplumpst. Dieser Blick bleibt Gerhard Schröder allerdings verborgen, denn das Bioinstrumentezentrum steht nicht auf seinem Besuchsprogramm - was die Mieter und auch der Betreiber bedauern.

Das Zentrum ist aus einem Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums vor fünf Jahren hervorgegangen, der das Ziel hatte, Biotech-Standorte in Deutschland zu fördern. Jena gehörte damals zwar nicht zu den Gewinnern, erhielt aber einen Sonderpreis in Höhe von 30 Millionen Mark für eine "in besonderem Maße positiv zu bewertende Neuorientierung".

Der von Klaus Ullrich geführte Verein BioRegio Jena, in dem sich diverse Banken, ortsansässige Firmen und die Stadt zusammengeschlossen haben, hatte das Konzept für die Teilnahme an dem Wettbewerb entworfen und schließlich auch das Geld verteilt. "Wir haben 20 Projekte gefördert. Insgesamt haben sich aber in den vergangenen fünf Jahren 32 Firmen hier angesiedelt - unser BioRegio-Konzept hat eine regelrechte Sogwirkung gehabt."

Schicki-Micki gibt's hier nicht

Trotz des Gründungsbooms ist Jena ein bodenständiges Städtchen geblieben. Auf dem Markt in der Fußgängerzone bieten Fliegende Händler zeltförmige Nachthemden mit rosa Blümchen an. Eine runzlige alte Frau mit blauem Kopftuch sitzt hinter einem Campingtisch und versucht zwei Bund Möhren, ein paar Gurken und eine Handvoll Radieschen zu verkaufen. Schicki-Micki gibt's hier nicht. Wer ausgehen will, wählt zwischen Kino, Kneipe oder Goethegalerie, dem neuen Einkaufszentrum, wo die deutsche Stimme von Spock aus "Raumschiff Enterprise" immer zur vollen Stunde die Funktionsweise eines Planetariums erklärt - "faszinierend". "Das Einzige, was hier an München erinnert, sind inzwischen die Mieten", räumt denn auch Thomas Wagner ein.

Die meisten jungen Firmen in Jena arbeiten in den Bereichen Biotechnologie oder Optik. Und egal, wen man zum Standort Jena befragt: Immer wieder fällt begeistert das Wort "Netzwerk". "Wissen Sie," erklärt Ullrich das Phänomen, "man stellt sich hier auf den Berg und pfeift und schon hat man alle Leute, die man braucht, zusammen. Man stolpert in so einer kleinen Stadt einfach ständig übereinander und so geht vieles viel unkomplizierter als anderswo." Und man kennt sich halt schon lange - denn bereits zu DDR-Zeiten war Jena ein Technikzentrum.

Idole aus der alten und der neuen Zeit

Hier entstand der im Westen als "begehbarer Chip" verspottete erste Ein-Megabit-Speicher der DDR und der VEB Carl Zeiss schaffte mit seinen optischen Geräten mehr oder weniger den Anschluss an das viel beschworene "Weltniveau". Gern berufen sich die Jungunternehmer auf die noch viel ältere Tradition von Carl Zeiss, dem schon im 19. Jahrhundert der Spagat zwischen Forschung und Wirtschaft gelungen ist und auf das jüngste Idol der Stadt, Baden-Württembergs Ex-Ministerpräsident Lothar Späth, der nach der Wende aus den Resten des zerschlagenen VEB Carl Zeiss mit stattlichen Steuergeldern ausgestattet das Hightech-Unternehmen Jenoptik aufbaute.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum die Krise der New Economy in Jena keinen schockt.

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