Kanzlerschaft Wem vertraut Merkel?
Berlin - Montagabend im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlins Mitte. Wenige Stunden, nachdem Angela Merkels Kanzlerschaft offiziell verkündet worden ist, wird im Tiefgeschoss das Buch "Frauen an der Macht" der ZDF-Moderatorin Maybrit Illner vorgestellt. Im Kreis der prominenten Frauen aus Politik und Medien, die an diesem Abend auf dem Podium diskutieren, sitzt auch Annette Schavan.
Sie ist eine von Merkels langjährigen Vertrauten und wird in diesen Tagen als künftige Bildungsministerin oder Kulturstaatsministerin gehandelt. Schavan muss, wieder einmal, auf die Frage eingehen, warum die künftige Kanzlerin so ist wie sie ist. "Es wird den Tag geben, da wird sie auch mal strahlen." Angela Merkel sei "ein verhaltener Mensch", sagt Schavan.
Mancher der Anwesenden hat die Bilder vom frühen Nachmittag desselben Tages im Kopf. Da wurde Merkel im Adenauer-Haus vor laufenden Kameras nach ihrem Gemütszustand gefragt. "Sie sehen mich in sehr guter Stimmung", lautete einer ihrer Antworten. Eine andere: "Es wäre ganz schlimm, wenn ich jetzt griesgrämig wäre".
Diese Haltung, möglichst wenig von sich selbst preiszugeben in einer medial aufgeregten Zeit, in der Dauerbekenntnisse verlangt werden, ist eine Stärke Merkels, zugleich aber auch ihre größte Schwäche.
Es gibt viele in der Union, die, wenn sie über Merkel reden, in der öffentlichen Zurückhaltung spiegelbildlich ein Muster für ihre Arbeitsweise erkennen wollen: Dass sie sich abschotte, nur wenige in Entscheidungen mit einbeziehe. Andere, die ihr politisch nahe stehen, loben hingegen im Gespräch ihre Fähigkeiten zur Moderation, zum Zusammenbringen auch divergierender Positionen. Vor allem im Streit mit der CSU um die Gesundheitspauschale habe sie diese Qualitäten gezeigt, heißt es. Andere in der Fraktion loben, dass erst mit ihr wieder die Diskussion Einzug in die Reihen der Union erhalten habe.
Dass Merkel zusammenbringen kann, was nicht zusammen will, das hat sie vor allem in den neunziger Jahren bewiesen, als in ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern die Große Koalition im Dauerclinch lag. Als damalige Landesvorsitzende vermittelte sie zwischen den beiden wichtigsten Männern, dem CDU-Ministerpräsidenten Berndt Seite und dem SPD-Landeschef Harald Ringstorff. Ringstorff, heute Ministerpräsident einer rot-roten Koalition, lobte Merkel 1998 gar öffentlich: Mit ihr könne man Dinge besser und konkreter besprechen als mit Herrn Seite.
Vielleicht ist Merkel die ideale Besetzung für eine Große Koalition. Und doch hängt der CDU-Chefin in der öffentlichen Wahrnehmung das Bild an, im geschlossenen Raum zu agieren, sich allzu sehr auf ihre engsten Mitarbeiterinnen, ihre Büroleiterin und ihre Pressereferentin, zu stützen. Das war ein Reflex, um sich vor männerdominierte Seilschaften zu schützen. Merkel selbst war jedoch auch nicht gerade zimperlich, wenn es um die Absicherung ihres Aufstiegs ging. Im Verlaufe der Jahre hat sie manche starken Männer in der Union an den Rand gedrängt. Sie stürzte Friedrich Merz vom Fraktionssitz; Horst Seehofer bekämpfte das von ihr propagierte Gesundheitskonzept; Wolfgang Schäuble schließlich wurde als Bundespräsident gehandelt - im Zusammenspiel mit FDP-Chef Guido Westerwelle setzte sie Horst Köhler durch.
Verstärkt seit dem vergangenen Jahr hat sich Merkel in der immer noch weitgehend von Männern bestimmten Partei einen Kreis von Vertrauten geschaffen, die nun fast alle für den einen oder anderen Posten in Regierung oder Partei gehandelt werden: Norbert Röttgen, Peter Altmaier, Eckart von Klaeden, Peter Hintze und Ronald Pofalla. Es sind Männer im Alter zwischen Ende 30 und Mitte 50, die ihr loyal zur Seite stehen. Doch repräsentieren sie einen vergleichsweise schmalen Ausschnitt der Volkspartei: allesamt gehören sie dem liberalen Flügel der Partei an, viele von ihnen saßen in Bonn in der schwarz-grünen Pizza-Connection.
Umso mehr braucht Merkel einen Mann, der bis hinein in das konservative Lager für Vertrauen Sorgen kann. Volker Kauder, heute CDU-Generalsekretär, wird diese Aufgabe zugetraut. Der Mann aus dem starken baden-württembergischen Landesverband war ursprünglich kein "Merkelianer", sprach sich noch 2002 für Stoiber als Kanzlerkandidat aus und hat sich doch in den letzten Jahren, zunächst als erster parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer, zu einem engen Mitstreiter entwickelt. Kauder gilt als Paradebeispiel für die gelungene Anbindung. Nun werden ihm auch Chancen eingeräumt, auf den Posten des Fraktionschefs zu rücken - um den Kontakt zum konservativ-traditionellen Milieu zu halten.
Doch ein Kauder allein, ob an der Fraktionsspitze oder im Kanzleramt, wird Merkel nicht den Freiraum verschaffen, der in einer Großen Koalition nötig ist. Eine erste Kurskorrektur zeichnet sich seit geraumer Zeit ab: Der frühere CDU-Partei- und Unions-Fraktionschef Schäuble ist wieder mit von der Partie. Der Politprofi, der Innenminister und Kanzleramtsminister unter Helmut Kohl war, gibt sich, wo immer er in diesen Tagen auftritt, äußerst loyal und spielt frühere Berichte über sein angespanntes Verhältnis zur CDU-Chefin herunter.
Schäuble wird neben Kauder auch als Fraktionschef gehandelt. Doch dürfte er viel wahrscheinlicher als Minister im Kabinett auftauchen - möglicherweise für Inneres oder Verteidigung. Wo auch immer - der 63-Jährige ist für die Zusammenarbeit mit SPD und CSU von zentraler Bedeutung. Merkel brauche politische Schwergewichte wie Schäuble, sagt der CDU-Vordenker Warnfried Dettling. "Sonst wird es sehr einsam für sie am Kabinettstisch", befürchtet der frühere Mitarbeiter von CDU-Generalsekretär Heiner Geißler in der "taz".
Merkel und ihre Personalauswahl, das ist ein Dauerthema, wenn über die CDU-Chefin geurteilt wird. "Sie muss gerade als Kanzlerin die Kraft haben, mit starken Menschen zusammenzuarbeiten", sagt etwa Michael Spreng im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Journalist war 2002 Berater von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Er hat Merkel aus der Nähe erlebt und glaubt, dass sie eine grundlegende Schwäche hat: "Ihre Personalauswahl richtet sich in erster Linie nach dem Prinzip Loyalität. Das hängt ganz offensichtlich mit dem Misstrauen zusammen, das sie geprägt hat."
Um aber eine Große Koalition zu führen, in der die formale Richtlinienkompetenz der Regierungschefin ohnehin stark eingeschränkt sei, bedürfe es zweier Dinge, glaubt Spreng: "Leadership und erfahrener Mitstreiter".
In der "Stuttgarter Zeitung" wird ähnlich geurteilt: "Für den Erfolg muss Merkel sich ändern". Sie könne nicht auf starke Minister verzichten, "weil sie von ihnen abhängig ist", so das Blatt. Andere sehen ihre Lage komfortabler. Bei der Veranstaltung im Kulturkaufhaus "Dussmann" sagte die CDU-Politikerin und frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth: "Es ist schön zu sehen, wie Männer, die sie gar nicht unterstützen möchten, unterstützen müssen".