Kirchenflucht Ihr Kinderlein gehet
Frankfurt/Main - Eine Trendwende ist nicht abzusehen. In diesem Jahr belasten die Kirchen neben den Austritten und der demographischen Entwicklung auch noch Einnahmeverluste infolge der vorgezogenen Steuerreform.
Die Zahl der Austritte bewegt sich für beide Kirchen seit Jahren jeweils im sechsstelligen Bereich. Für die Entwicklung in 2003 liegen noch keine offiziellen Angaben vor, doch es gibt keinen Grund, massive Änderungen zu erwarten. Im Jahr 2002 verlor die katholische Kirche in Deutschland 119.405 Mitglieder durch Austritt, für die evangelische Kirche liegen bislang nur offizielle Zahlen für das Jahr 2001 vor. Damals waren es 171.789 Kirchenaustritte.
Betrachtet man die Zahlen seit 1970, so lässt sich feststellen, dass die evangelische Kirche durchgehend wesentlich stärker von den Austritten betroffen war als die katholische. 1970 etwa traten fast drei Mal so viele Menschen aus der evangelischen Kirche aus wie aus der katholischen, 2001 waren es noch rund 50 Prozent mehr.
Einen sprunghaften Anstieg gab es nach der Wiedervereinigung, 1992 erreichte die Austrittswelle ihren Höhepunkt mit mehr als 360.000 Austritten bei den Protestanten und mehr als 190.000 bei den Katholiken. In den vergangenen 30 Jahren traten über 5,2 Millionen Menschen aus der Evangelischen Kirche aus. Allein in den zehn Jahren 1992 bis 2001 waren es fast 2,4 Millionen; bei den Katholiken war es im gleichen Zeitraum knapp eine Million weniger.
"Die Kirchenaustritte sind vor allem in der alten Bundesrepublik - anders als unter der atheistischen Gesellschaftsdoktrin in der DDR - wesentlich auf eine negative Kosten-Nutzen-Bilanz zurückzuführen", resümieren die Autoren der jüngsten EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft. Man habe mit der Kirche längst nicht mehr viel zu tun und spare sich die Kirchensteuer.
Auch der Austritt ist nicht kostenlos
Die Kirchensteuer wird als Zuschlag zur Einkommen- oder Lohnsteuer erhoben. Acht Prozent beträgt der Steuersatz in Bayern und Baden-Württemberg, in allen anderen Bundesländern sind es neun Prozent. Geringverdiener und Rentner werden oft überhaupt nicht veranlagt, nur einige Länder verlangen einen Mindestbetrag von 1,80 bis 3,60 Euro pro Jahr. Wer 2500 Euro brutto im Monat verdient, zahlt etwas mehr als 16 Euro Kirchensteuer monatlich. Die Kirchensteuer kann zudem als Sonderausgabe von der Einkommensteuer abgesetzt werden.
Nicht kostenlos ist auch der Kirchenaustritt. Der Austrittswillige muss ihn persönlich je nach Bundesland entweder beim Amtsgericht oder beim Standesamt beantragen und an die Ämter Gebühren bis zu 50 Euro entrichten. Im Internet gibt es mittlerweile zahlreiche Adressen, die genaue Hinweise zum Procedere sowie Argumentationshilfen liefern. Auf den Ämtern ist eine Begründung für den Austritt jedoch nicht nötig.
Die Kirchen haben mittlerweile auf die Austrittswellen der jüngsten Zeit reagiert. So gibt es inzwischen in zahlreichen Innenstädten so genannte Wiedereintrittstellen. Die Austritte sind seit 1992 insgesamt rückläufig, außerdem lässt sich die Zahl der Ausgetretenen zumindest laut EKD den Wiedereintritten und Spättaufen gegenüberstellen.
Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber verweist auf die in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegenen Zahlen der Gottesdienstteilnehmer. `Dieses Jahr werden wir die höchste Besucherzahl bei Weihnachtsgottesdiensten in der Geschichte haben", sagt der Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Angesichts dieser Entwicklung und der hohen Eintrittsraten in die Kirche störe es ihn, wenn man sich einseitig auf das Thema Austritte fixiere. "Über Kirchenaustritte redet man viel mehr als über Austritte in anderen Bereichen, obwohl bei uns die Austrittsraten vergleichsweise geringer und die Eintrittsraten durchaus beachtlich sind", sagte Huber.
Wirklich massiv zu schaffen machen wird den Kirchen in Deutschland künftig jedoch die Bevölkerungsentwicklung: Der Überhang von Sterbefällen gegenüber den niedrigen Geburtenraten wird nach allen Bevölkerungsvorausberechnungen in den kommenden Jahren immer rascher zunehmen und gegenüber den Kirchenaustritten erheblich an Gewicht gewinnen.
Stephan Köhnlein, AP