Kirchenkritiker: Sie sind nicht Papst - DER SPIEGEL
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Papst in Deutschland: Benedikt am Schloss Bellevue

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Kirchenkritiker Sie sind nicht Papst

Benedikt XVI. besucht sein Heimatland - doch vielen Deutschen ist er nicht willkommen. In Berlin protestieren Kritiker gegen die Visite, im Bundestag wollen Abgeordnete die Papstrede boykottieren. Einen festlichen Empfang bereiten dem Kirchenoberhaupt dagegen der Bundespräsident und die Kanzlerin.
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Berlin - Seit 10.16 Uhr ist er da - und in der Hauptstadt herrscht Ausnahmezustand. Papst Benedikt XVI. ist zu einem viertägigen Staatsbesuch in seine deutsche Heimat gereist. Am ersten Tag der Visite wurde das Kirchenoberhaupt - zugleich Staatschef des Vatikans - mit militärischen Ehren empfangen, traf Bundespräsident und Kanzlerin. Doch auch die Kritiker der Visite melden sich lautstark zu Wort.

Am Brandenburger Tor haben knapp 100 frühere Heimkinder gegen den Papstbesuch demonstriert - sie waren in ihrer Kindheit und Jugend von katholischen Amtsträgern missbraucht worden. Eine meterhohe Nonnenfigur aus Pappe trug in der einen Hand ein Kreuz, in der anderen einen Stock. Auf der Figur stand: "Nie wieder". Die Demonstranten trugen schwarze T-Shirts.

Peter Bringmann-Henselder von der Bürgerinitiative "Kinder in Heimen" sagte: "Wir wollen den Opfern Mut machen, Gesicht zu zeigen. Der größte Teil der Heimkinder, die missbraucht wurden, hat sich bislang nicht offenbart." Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hatte weltweit Erschütterung und Protest ausgelöst. Die Opfer warten nach eigenen Angaben bis heute auf eine klare Entschuldigung aus dem Mund des Papstes.

Die Aktion am Brandenburger Tor soll erst der Auftakt sein: Am Nachmittag werden zu einer Anti-Papst-Demonstration in Berlin bis zu 20.000 Teilnehmer erwartet. Daran wollen auch Bundestagsabgeordnete teilnehmen, die der Rede des Papstes im Parlament nicht zuhören wollen.

So hat ein großer Teil der Linke-Abgeordneten angekündigt, der Rede aus Protest fern zu bleiben, insgesamt wird mit rund 100 Boykotteuren gerechnet. Auch zahlreiche Politiker der SPD und der Grünen wollen sich die Ansprache des Kirchenoberhaupts nicht anhören.

Wowereit hofft auf friedliche Demonstrationen

Mit Blick auf die drohenden Proteste mahnte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zur Besonnenheit. Der Besuch des Papstes mache den Tag zu einem wichtigen für die Katholiken in der Stadt.

Zu den angekündigten Demos sagte der Regierungschef: "Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut, das unser Staat schützt." Voraussetzung dafür sei aber, dass Proteste gewaltfrei und friedlich verlaufen. Dies hätten die Veranstalter auch angekündigt.

Der Papst war am Vormittag in Berlin-Tegel gelandet, rund 15 Minuten früher als geplant setzte die Maschine der italienischen Airline Alitalia auf dem Boden auf. In weißem Gewand und roten Schuhen trat Benedikt aus dem Flugzeug. Er wurde mit 21 Salutschüssen begrüßt. Im Flugzeug auf dem Weg nach Berlin hatte er sich vor Journalisten gelassen zu den angekündigten Protesten geäußert. "Das ist normal in einer freien Gesellschaft", so der Papst.

Festlicher Empfang und klare Worte

Auf dem Rollfeld wurde Benedikt XVI. von Bundespräsident Christian Wulff und seiner Ehefrau Bettina, Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Vertretern der Regierung und der Kirche in Empfang genommen.

Wenig später fand der Papst in seiner ersten Ansprache vor Schloss Bellevue deutliche Worte und beklagte eine zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber der Religion. Für das Zusammenleben der Menschen bedürfe es einer verbindlichen Basis, sonst lebe jeder nur noch seinen Individualismus.

Dabei sei die Religion eine der Grundlagen für ein gelingendes Miteinander, sagte der Papst vor mehr als tausend Gästen. Bei seinem Besuch in Deutschland wolle er in erster Linie Menschen begegnen und über Gott sprechen, so Benedikt XVI. weiter.

Am Abend wartet der zweite Höhepunkt der Deutschland-Reise: Rund 70.000 Besucher versammeln sich dann im Berliner Olympiastadion zu einer gigantischen Freiluftmesse. Dann wird sich der Papst in Anwesenheit von Wowereit in das Goldene Buch von Berlin eintragen, das dazu ausnahmsweise vom Roten Rathaus in das Stadion gebracht wird.

jok/dpa/dapd