Klaus Wowereits Outing: Wer ist der Nächste? - DER SPIEGEL
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Klaus Wowereits Outing Wer ist der Nächste?

Das Bekenntnis des designierten Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit als Homosexueller hat zwar keine Empörung ausgelöst, aber zumindest war es eine Überraschung. Gespannt wartet man nun in der Hauptstadt, ob der gewagte Schritt Wowereits schon bald Nachahmer findet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - So viel Respekt vor der Privatsphäre von Politikern haben die Berliner Zeitungsleser bei ihrer größten Zeitung "BZ" schon lange nicht mehr erlebt. Erst ganz am Ende ihres Beitrags über den Sonderparteitag der SPD erwähnten die Schreiber um den konserativen Medienmacher Georg Gafron am Montag das Outing des neuen SPD-Spitzenmanns - neutral formuliert und ohne Ausrufezeichen.

Die vornehme Zurückhaltung hat einen konkreten Grund, denn die "BZ" war an dem überraschenden Bekenntnis Wowereits nicht ganz unbeteiligt. In kleiner Runde hatte Gafron eine Woche zuvor seine stärksten Rechercheure, die sonst Bilder von Unfalltoten oder betrunkenen Harald Juhnkes besorgen, zusammengetrommelt und auf Linie gebracht. Da die "BZ"-Redakteure wie die meisten Berliner Lokaljournalisten von Wowereits Homosexualität wussten, sollte jetzt das Privatleben durchstöbert werden.

Vorspiel bei der Fraktionssitzung

Doch der Plan scheiterte, da Wowereit von den Recherchen Wind bekam und sich zum Überraschungscoup auf dem Parteitag entschloss. Bereits am Donnerstag hatte er vor der gesamten Fraktion Stellung bezogen und seine geschlechtliche Orientierung thematisiert. "Er wollte einfach, dass hinterher niemand sagen kann, er habe von nichts gewusst", erklärt ein Fraktionsmitglied.

Am Sonntag dann trat Wowereit in Berlin vor die Kameras. "Er hat das allein entschieden, um das Heft in Hand zu behalten", sagte einer seiner Vertrauten. Das Ergebnis war eindeutig. Nach einer Schrecksekunde brandete Applaus auf, und das Wahlergebnis blieb so deutlich, wie es erwartet worden war.

Von der Opposition kommen intern Respekt, nach außen dumme Witze

Die Reaktionen am Montag waren dann auch eher verhalten. Einzig der bereits geoutete grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck begrüßte Wowereits Schritt und meinte, dass er sich dadurch "unangreifbar" gemacht habe. Der politische Gegner hielt sich zurück und bezeichnete die Angelegenheit als Privatsache.

Nur der Noch-Senatssprecher Michael-Andreas Butz (CDU) konnte sich den faden Witz nicht verkneifen: "Das interessiert mich nicht, ich bin schon verheiratet." Insgeheim jedoch musste auch der eine oder andere Unions-Politiker zugeben, dass Wowereit mit seinem Bekenntnis alle überrascht habe und einen "guten Schachzug" gemacht habe.

Die Tatsache an sich dürfte keinen der Berliner Politiker und Journalisten überrascht haben, denn im Gegensatz zu vielen anderen Politikern war der 47-Jährige schon vorher mit dem Thema Schwulsein offen ungegangen. So zeigte er sich bei Festen auch den Fotografen mit seinem Freund und versteckte ihn nicht. Über Wowereits sexuelle Identität wurde zwar geredet, doch galt sie stets als seine Privatsache.

Meist tragen die Politiker ihr Privatleben selbst nach außen

Als genau dies wird die sexuelle Orientierung von Politikern im Normalfall auch behandelt. Unter Journalisten gilt die Regel, dass intime Details aus dem Privatleben nicht in die Öffentlichkeit gehören, solange sie nicht die Arbeit eines Politikers beeinflussen oder die Politiker ihr Privatleben bewusst nach außen tragen. Das ist nicht selten der Fall: So gehören so genannte Home-Storys genauso zum Wahlkampfkalkül wie die öffentliche Scheidung von Gerhard Schröder und seiner damaligen Frau Hillu, die der SPD-Kanzlerkandidat damals ganz offen auf der Seite eins der "Bild"-Zeitung zelebrierte.

Doch auch die Grundsatzregel weicht mehr und mehr auf. So schnüffelten ebenfalls Reporter der Berliner "BZ" im Privatleben von Außenminister Joschka Fischer und seiner Frau Nicola und fanden heraus, dass beide angeblich getrennt sind. Schon damals war unter Journalisten eine heißer Streit um die Berechtigung solcher Berichte und Recherchen entbrannt.

Angst vor Berichten zeigt Ressentiments

Das Outing von Wowereit verrät einiges über den Umgang mit der Homosexualität in Deutschland. Zwar gibt es immer mehr Prominente, die ihre Neigung öffentlich machen. Doch allein die Tatsache, dass Wowereit sich bemüßigt fühlte, möglichen Enthüllungsberichten über seine Homosexualität zuvorzukommen, zeigt, dass Politiker immer noch hartnäckige Vorurteile in der Gesellschaft fürchten müssen und es auch tun. Auch Gesetze wie die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe können über solche Ressentiments nicht hinwegtäuschen.

In Deutschland ist Wowereit damit der erste Spitzenpolitiker, der sich offiziell als homosexuell outet. Im Ausland ist das mittlerweile fast schon nichts Besonderes mehr. Zum Beispiel inszenierte der neue Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, kurze Zeit vor der Wahl ein medienwirksames Coming-out, das Wowereit sich zum Vorbild gemacht haben könnte.

Jahrelang hatte der Sozialist Delanoë sein Schwulsein im kleinen Kreis kommuniziert, aber nie öffentlich thematisiert. Erst vor der Abstimmung über den Pariser Bürgermeister ging er in die Offensive: "Natürlich bin ich homosexuell," bestätigte er in einer Fernseh-Show, um gleich einzuschränken, er denke nicht daran, die Rolle des "Homosexuellen vom Dienst" zu übernehmen. Der Erfolg gab der PR-Strategie von Delanoë Recht, Thema abgehakt.

Große Aufregung in England

Nicht ganz so unaufgeregt geht es in Großbritannien zu. Hier outete die Boulevardpresse vier Minister des Blair-Kabinetts als schwul, unter anderem Handelsminister Peter Mandelson und Landwirtschaftsminister Nick Brown. Mandelson musste zwar seinen Hut nehmen, allerdings wegen eines dubiosen Privat-Darlehens und nicht wegen seiner sexuellen Identität, alle anderen Minister blieben im Amt. Trotzdem wetterte der stock-konservative Lord Norman Tebbit von den Torys, im Blair-Kabinett seien Homosexuelle überrepräsentiert.

Dabei haben selbst die Thatcheristen einen prominenten Schwulen in ihrer Führungsriege. Der ehemalige Verteidigungsminister Michael Portillo hatte vor einiger Zeit bekannt, "vergangene homosexuelle Erfahrungen" zu haben. Aus Angst vor einer Kampagne des rechten Flügels zieht Portillo deswegen in Erwägung, auf die Kandidatur für die Nachfolge des zurückgetretenen Tory-Chefs William Hague zu verzichten.

Entspannt sehen Dänen, Schweden und Niederländer die Homosexualität von Politikern. So lud die dänische Königin Margrethe den früheren Gesundheitsminister und heutigen Europa-Abgeordneten Torben Lund und dessen Ehemann zum Hofball.

Geht Wowereits Kalkül auf?

Wowereits Schritt könnte erfolgreich sein. Die Taktik ist einfach: Durch das Outing kann die sexuelle Orientierung vom politischen Gegner nicht mehr benutzt werden, um vermeintlich schmutzige Wäsche zu waschen. Zwar muss Wowereit damit rechnen, dass gewisse konserative Parteigenossen nun etwas verunsichert sind, doch kann er hoffen, dass diese durch junge Wähler kompensiert werden, die seinen Schritt als mutig empfinden. Der SPD-Mann setzt dabei auf die Liberalität der Berliner, die sich an schwules Leben in der Hauptstadt gewöhnt haben.

Diese Unterstützer werden nicht unbedingt selbst schwul sein, denn - Bekenntnis hin oder her - eine Vorreiterfigur der Berliner Schwulenszene wird der eher biedere Wowereit nicht werden. Und das will er auch gar nicht. Eilig betonte er vor den Kameras, dass er nie Schwulenpolitik, sondern Politik als Schwuler gemacht habe.

Wer ist der Nächste?

Beobachter in der Hauptstadt stellen sich indes auch eine ganz andere Frage: Wer ist der Nächste? Denn auch im Berliner Abgeordnetenhaus gibt es noch den ein oder anderen Kandidaten, der sich outen könnte. Ihnen ist Wowereit mit seinem Schritt zuvorgekommen.