Kommentar: Ausgebadet - DER SPIEGEL
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Kommentar Ausgebadet

Der Rücktritt Rudolf Scharpings ist das Ende eines unaufhaltsamen Abstiegs. Für den Kanzler und die SPD ist der Schaden noch unkalkulierbar.
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"Das kann ich mir nicht vorstellen, denn so etwas tun Sozialdemokraten nicht", hatte Rudolf Scharping noch am Donnerstag geantwortet auf die Frage, ob die Honorar-Affäre vielleicht eine Intrige aus eigenen Reihen sei. Womöglich eine von den vielen Selbsttäuschungen des Rudolf S.

Seitdem Scharping einst auf dem Mannheimer Parteitag von Oskar Lafontaine als Vorsitzender gestürzt worden war, pflegten die Genossen einen verkrampften Umgang mit ihm. Ein Mitleids-Bonus rettete ihn mehrfach über seine Fehler und Fettnäpfchen hinweg. Scharping stand unter Naturschutz, die SPD hatte ihm gegenüber ständig ein schlechtes Gewissen, auch wenn das Geraune in Bundestagsfraktion und Partei über den unglücklich agierenden Mann nie aufhörte.

"Ach, der Rudolf"

Dieses Sonderverhältnis der SPD zum Vorsitzenden ihrer Programmkommission war eines der zentralen Probleme des Rheinland-Pfälzers. Das andere war seine verzerrte Selbstwahrnehmung. Er wähnte sich immer als letzter wahrer Sozialdemokrat und Enkel Willy Brandts neben den Selbstdarstellern Schröder und Lafontaine, der für seine roten Werte von der Partei geliebt werde. Doch dass die meisten nur noch mit den Augen rollten, wenn die Sprache auf "ach, den Rudolf" kam, wollte er nicht wahrhaben. Auch das miserable Wahlergebnis für ihn auf dem letzten Parteitag in Nürnberg wertete er nicht als ultimative Warnung. Er lächelte es weg.

Dass die SPD ihren Rudolf nicht mehr liebte und in ständiger Angst vor dem nächsten Fehltritt lebte, zeigte auch die Wahlkampfplanung. Am liebsten hätten sie ihn versteckt: Ein Blick auf die Rednerliste für die großen Auftritte in den letzten sechs Wochen vor dem 22. September zeigt haufenweise die Namen Schröder, Eichel, Schily. Einen Scharping sucht man dort fast vergebens. Die SPD plante nicht mehr mit ihm. Längst war man auf der Suche nach einem "Ehrenposten" für ihn. Er wäre nach einer erfolgreichen Titelverteidigung nicht mehr ins Kabinett zurückgekehrt.

Dass es statt eines stillen, ehrenvollen Abgangs nun noch mal knallt, hat der Bundeskanzler zu verantworten. Schröder hatte zu lange gezögert. Nach dem Eiertanz um Telekom-Chef Ron Sommer macht Schröder innerhalb weniger Tage zum zweiten Mal bei Personalfragen eine schlechte Figur. Führende SPD-Strategen hatten bereits vergangenen Herbst auf eine Auswechslung Scharpings gedrängt. Nach den "Bade-Fotos", der Diskussion über die Nutzung der Flugbereitschaft, Mallorca-Ausflüge, während seine Soldaten in das Kosovo zogen, voreilige Ankündigungen über Marschpläne deutscher Soldaten und internen Plaudereien über Angriffspläne der USA sahen viele in der SPD-Fraktion in Scharping nur noch eines: ein Sicherheitsrisiko.

Bloß nicht auffallen!

Der 11. September und ein zögerlicher Schröder retteten ihm damals den Kopf. Der Kanzler, der bereits einen Minister-Aderlass hinter sich hatte wie keiner seiner Vorgänger, wollte nicht schon wieder auswechseln - und schon gar nicht einen Verteidigungsminister in militärischen Krisenzeiten. Und Schröder täuschte sich auch über den Rückhalt Scharpings an der Basis, wo aus Mitleid längst Kopfschütteln geworden war. Schröder beließ es bei einem schulterklopfenden Rüffel für "den Rudolf" und stellte Scharping in die zweite Reihe mit dem Auftrag: Bloß nicht auffallen.

Dass der monatelangen (Selbst-)Demontage des Rudolf S. nun ein Finale nach dem Motto "lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende" folgt, wird auch an Schröder kleben bleiben. Das sah nicht nach Führungsstärke aus. Auch zeigt sich ein Personalproblem der SPD. Schröders Wunschkandidat, Peter Struck, wollte nie ins Kabinett. Als Fraktionsvorsitzender ist er mächtiger und hat viel mehr Gestaltungsspielraum. Auch Scharping wäre nach dem Wahlsieg 1998 gerne Fraktionschef geblieben, musste sich aber Lafontaine beugen, der damit drohte, dann selbst anzutreten. Man kann sicher sein, dass Struck das Amt nur als Übergangskandidat bis zum Ende der Legislaturperiode einnehmen will. Aus der Führungsreserve steht Matthias Platzeck noch nicht zur Verfügung, weil er gerade erst Ministerpräsident in Brandenburg geworden ist. Mit der innenpolitischen Expertin Ute Vogt aus Baden-Württemberg eine Frau an die Spitze des Männerladens Verteidigungsministerium zu stellen, traut sich auch der stets um ein Modernisierer-Image bemühte Schröder nicht. Und Sigmar Gabriel aus Niedersachsen muss erst seine Landtagswahl im kommenden Frühjahr bestehen, bevor er nach Höherem greifen darf.

Der unaufhaltsame Abstieg des Rudolf S. ist auch eine Pleite für Schröder. Vom zumindest wahlkampftechnisch erfolgreichen Enkel-Trio von 1998 ist nicht viel übrig geblieben. Während damals Lafontaine das linke Herz höher schlagen ließ, Scharping die sozialdemokratische Programmtreue repräsentierte und Schröder die neue Mitte umgarnte, muss der Vorsitzende jetzt mitten im harten Wahlkampf zum Schröder-Solo ansetzen. Wenn er gewinnt, wird er nachträglich alles richtig gemacht haben und Alleinherrscher in der SPD sein. Wenn er verliert, droht der SPD eine Sinn- und Führungskrise, die sie schon einmal für 16 Jahre in die Opposition verbannte.