Kommentar Das Ende der Auskunftsossis
Berlin - Gregor Gysi hatte 1990 einen Plan. Er wollte die ehemalige Staatspartei der DDR in den Westen führen, er wollte die Idee des realen Sozialismus auf deutschem Boden nicht einfach in den Abfalleimer der Geschichte befördern. Gysis Weg in die Bundesrepublik verlief nicht so wie der Auszug von Moses und den Israeliten nach ägyptischer Knechtschaft ins gelobte Land. Er erinnerte eher an das Rückzugsgefecht eines Generals, der seiner verzweifelten Truppe mit fester Stimme aus den Werken von Carl von Clausewitz vorliest, weil die Einschläge näher kommen - und dem ab und zu noch ein passabler Kesseldurchbruch gelingt.
Gregor Gysi war lange Zeit der einzige PDS-Politiker, der im Westen reüssieren konnte. Er punktete auf jedem Marktplatz, stieg in fast jeder Talkshow als Sieger aus dem Sessel. Denn Gysi, ein Rhetoriker vor dem Herrn, erkannte nach dem Zusammenbruch der DDR schnell, wie fremd der Westen dem Osten geworden war. Man verstand sich nicht. Die Stelle eines Auskunftsossis vom Dienst war frei geworden, Gysi musste sich nicht lange bewerben. Es war die Rolle seines Lebens.
Den großen Erklärer gab er nicht nur in den Medien. Auch Politiker wie Wolfgang Schäuble fragten Gysi gern danach, wie die Ossis ticken. Selbst Bundeskanzler Kohl erkundigte sich beim Anwalt nach den Ost-Interessen. Und Gysi gab gerne Antwort, in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung war Gysi praktisch das wandelnde Bonner Orakel der untergegangenen DDR. Gysis Ausdeutung des deutschen Ostens war stets intelligent, witzig, nie ideologisch. Dass er den Granden aus dem Westen den Osten erklären konnte, schmeichelte ihm. Und die West-Politiker hielten ihn im Gegenzug für einen ganz netten Kerl, der blöderweise in die falsche Partei geraten war.
Auf dem Weg nach Westen war Gysi stets der Kapitän. Gestern musste er zusehen, wie sein treuer Steuermann von Bord gespült wurde. Das tat weh. Biskys Niederlage muss Gysi auch als persönlichen Affront empfinden. Doch sein Standardsatz, der deutsche Bundestag habe mit Bisky gleichsam den ganzen Osten ausgegrenzt, verfängt nicht mehr. Diesem (ohnehin falschen) Vorwurf ist in den vergangenen Wochen mit Merkels Aussichten auf die Kanzlerschaft und Platzecks Blitzkarriere in der SPD vollkommen die Grundlage entzogen worden. Die Ostdeutschen werden in der politischen Arena der Republik nicht ausgegrenzt, im Gegenteil, sie sind die neuen Toreros. Für alte Kämpen wie Bisky ist allerdings kein Platz mehr. Das geht politisch in Ordnung, denn der Bundestag ist in seiner Entscheidung frei und muss keiner Agenda folgen wie weiland die Volkskammer.
Persönlich tut man dem ehemaligen Direktor der Filmhochschule Babelsberg damit dennoch Unrecht. Bisky war Kommunist, aber er war kein SED-Idiot. Im Gegensatz zu den meisten Parteikarrieristen hat er an den Sozialismus geglaubt. Bisky wurde in die DDR nicht hineingeboren sondern entschied sich in den fünfziger Jahren bewusst für ein Leben im Osten - als junger Mann floh er aus Adenauers Republik in Ulbrichts vermeintliches Arbeiter- und Bauernparadies. Dennoch war ihm die sozialistische Sache immer wichtiger als die Statuten der DDR. Mehr als einmal half er Genossen, die oben in Ungnade gefallen waren. Der von konservativer Seite erhobene Vorwurf, Bisky stehe für die alte DDR, ist deshalb falsch und beweist höhstens die Ahnungslosigkeit derer, die ihn erheben.
Aber für das neue Deutschland, 15 Jahre nach der Wiedervereinigung, steht Bisky eben auch nicht - zumal er als PDS-Parteivorsitzender ins Rennen geschickt wurde. Das Martyrium kam denn auch wie bestellt. In Momenten der Niederlage hat sich die Linke in Deutschland nie ganz unwohl gefühlt, und so ist es nun auch: Das Wir-Gefühl in der PDS grassiert. Vielleicht zum letzten Mal.
Denn den Ost-Bonus hat die PDS angesichts einer christdemokratischen Kanzlerkandidatin aus der Uckermark schon in diesem Sommer verloren. Die PDS hat ihre Überlebens- und Identitätsgarantie in dem Moment zur Disposition gestellt, als sie die West-Linke an Bord ließ. Ob diese Strategiewende bei der im Grunde knallkonservativen PDS-Klientel im Osten nachvollzogen wird, die lieber eine Gysi-CSU wollte als einen westgetränkten Linkshaberverein, darf man bezweifeln. Denn eine Linkspartei mit Lafontaine riecht eben nach kalter Zigarre und gegorenem Schampus, aber nicht mehr nach heimatlichem Kohlenstaub à la DDR. Etwas grober formuliert: Gysis historische Aufgabe, das renitente SED-Volk zu Bett und den Osten gesamtdeutsch in Stellung zu bringen, hat sich erledigt. Was nun?
Ideen für die Zukunft der Linkspartei liefert die Vergangenheit der SPD zuhauf. Am 9. Dezember 1918 verfasste eine Gruppe frustrierter Sozialdemokraten folgenden Aufruf für die Nationalversammlung: "Als die Politik der alten Sozialdemokratie immer weiter abwich von den Pflichten, deren Erfüllung das Klasseninteresse des Proletariats gebieterisch fordert, als uns durch Gewalt und List das Wirken für den Sozialismus unmöglich gemacht wurde, da haben wir die alte Partei, an deren Größe wir unablässig mitgearbeitet hatten, verlassen."
Viele Austrittserklärungen von Sozialdemokraten haben in den vergangenen Monaten ähnlich geklungen. Die Genossen gingen in die Linkspartei, damals ging man in die USPD, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands. 1918 stritt man sich mit der SPD noch um die Revolution, nicht um eine Reform namens Hartz IV. Das große U hielt aber nicht lange. Am 14. Juli 1922 schlossen sich die Reichstagsfraktionen von USPD und SPD zunächst zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen. Wenige Monate später fusionierten SPD und USPD in Nürnberg, zunächst zur Vereinigten Sozialdemokratischen Partei. Das V ließ man ab 1924 der Einfachheit halber wieder weg.
Anstatt zu schmollen, könnten Gysi und Lafontaine den alten Plan aus der Tasche ziehen. Nichts wäre für die trudelnde SPD heute gefährlicher als eine Charmeoffensive von links. Eine Fusion mit den verlorenen Genossen von Ost und Links wäre, wie man auf neudeutsch sagt, ein nachhaltiges Projekt.
Die Linkspartei als Organisation abgewickelter Auskunftsossis aber würde sich nicht einmal selbst ernst nehmen können. Auch deshalb sollte die PDS so schnell wie möglich einen neuen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten benennen. Der freie Platz vorne im Bundestag taugt nicht als Mahnmal beleidigter Leberwürste.