Kommentar: Das Ende des Dream-Teams - DER SPIEGEL
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Kommentar Das Ende des Dream-Teams

Weil der Bremer Parteitag der Grünen die Trennung von Amt und Mandat bestätigt, steht die Partei bald ohne ihre Vorsitzenden Fritz Kuhn und Claudia Roth da.
Von Gerd Rosenkranz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach dem größten Wahlerfolg ihrer Geschichte war die grüne Partei nicht auf Krawall aus. Eine klare Mehrheit der Delegierten kam zur 20. Bundesdelegiertenkonferenz nach Bremen, um einen durchaus grün-gewirkten Koalitionsvertrag abzunicken. Ansonsten stand ihnen der Sinn nach feiern - sich selbst, ihren Joschka und das gesamte "Spitzenteam". Das Freudenfest endete im Desaster. Der Kater, der jetzt folgt, wird der Partei weit mehr bereiten als ein paar Tage Kopfschmerz.

Ab sofort sind die Grünen die weltweit erste Partei, die ihre Parteiführung nach einem grandiosen Wahlerfolg in die Wüste schickt. In die Wüste? In die Bundestagsfraktion. Dort können Fritz Kuhn, wenn er mag und kandidiert, als wirtschaftspolitischer Sprecher wirken und Claudia Roth als Beauftragte für Menschenrechte. So enden Dream-Teams bei den Grünen.

254 Delegierte entschieden, dass sie ab Dezember, nach dem nächsten Parteitag, von bundespolitisch unerfahrenen Vorsitzenden geführt werden wollen. Denn alles, was bei den Bündnisgrünen Rang und Namen hat, sitzt schon in Parlamenten oder auf Regierungsbänken. Die klare Mehrheit - 447 Delegierte - wollte, dass Kuhn und Roth mit dem Schwung des Wahlsiegs im Rücken den dritten Platz im bundesdeutschen Parteiensystem sichern. Am Ende fehlten elf Stimmen zur satzungsändernden Mehrheit, die es dem Spitzenduo erlaubt hätte, Parteivorsitzende zu bleiben und die Grünen in einem parteipolitischen Umfeld, wie es günstiger kaum sein könnte, anzuführen.

Die unmittelbare Konkurrenz um den dritten Platz im Parteienspektrum versinkt im Affärensumpf eines durchgeknallten Fallschirmspringers. Die Konservativen dümpeln im Strategiestreit vor sich hin und machen die Grünen durch offene Avancen für wertkonservative Wählerschichten interessant. In der Berliner Koalition verfügen die Ökos nicht nur über den heimlichen Kanzler, der bei einer Direktwahl vermutlich den von ihm so titulierten "Chef" ausstechen würde. Sie gelten in Zeiten wirtschaftlicher Depression als weit beweglicher als die alte Tante SPD.

Und nun? Der neue Schwung ist hin, könnte man in Abwandlung eines alten Sponti-Spruchs kalauern. Die Suche nach den Schuldigen für das Bremer Debakel hat schon begonnen. Eine eindeutige Antwort wird es nicht geben. Denn es war ein ganzes Bündel mittelschwerer Stimmungstöter, die an den beiden Tagen an der Weser ausreichten, um die von keiner Partei sonst so sehr geliebte Misstrauenskultur gegenüber der eigenen Führung ausgerechnet in Zeiten des Triumphs wieder aufleben zu lassen.

Bangkok-Bomber Rezzo Schlauch mochten viele Delegierte seine erschnorrte Luxusreise nach Fernost nicht verzeihen. Das Männer-Wort des Bundeskanzlers zur Nachspielzeit für den Altreaktor Obrigheim traf die Partei an ihrer empfindlichsten Stelle. Unmut herrschte schließlich über die selbstherrliche Personalpolitik, mit der das Spitzenteam unter Joschka Fischer in Berlin die Posten unter sich aufteilte und eine neue Fraktionsführung installierte. Am Ende reichte wieder einmal der begnadete Demagoge Hans-Christian Ströbele, um aus den Wahlsiegern von gestern die Verlierer von heute zu machen. Diese Partei kann sich nicht entscheiden, erwachsen zu werden.

Der "Schatten von Obrigheim", den Kuhn und Umweltminister Jürgen Trittin zu Beginn des Parteitags ausgemacht hatten, verdunkelte sich am Ende zu einer veritablen Sonnenfinsternis. Vor allem die Delegierten aus Hessen und Niedersachsen trollten sich mit langen Gesichtern aus der Bremer Stadthalle. Nach dem Triumph vom 22. September wollten sie bei den Landtagswahlen im Februar fröhlich durchstarten und endlich die Endlosserie deprimierender Wahlschlappen auf Landesebene hinter sich lassen. Wenn den Parteistrategen beim Wahlparteitag im Dezember kein Befreiungsschlag gelingt, können sie das vergessen.