Kommentar Das Ende des Schweigens
Ob Schäuble, Merkel, Koch oder Kiep - von allen Seiten wurde dem biederen Parteisoldaten in den vergangenen Wochen die Schuld für das jahrzehntelange Finanzgemauschel aufgeladen. Schweiger Weyrauch, der getreue Eckart des gefallenen CDU-Stars Helmut Kohl, eignete sich wirklich prächtig zum Sündenbock - bis zu diesem Wochenende.
Er fühle sich von der CDU nicht verraten, sagte Horst Weyrauch, als er seine Erklärung am Sonntag an Journalisten verteilte - und meinte genau das Gegenteil. Er habe der Union nicht mit einem Erdbeben gedroht, das die Republik erschüttert - und ließ mit seinem Fax doch schon mal ein fernes Grollen ertönen.
Ähnliches haben wir schon einmal vernommen. Der Waffenhändler Karlheinz Schreiber, zweiter Kronzeuge der Spenden-Affäre, verteilt sein Wissen im fernen Kanada auch nur in Häppchen und droht mit einer Staatskrise, wenn er wirklich auspackt.
Weyrauch deutet in seiner Erklärung nur an, lässt zwischen den Zeilen seine Trümpfe durchblitzen. Zum Beispiel, wenn er über die jahrelangen Transfers von ausländischen Schwarzgeldkonten an die hessische CDU referiert. Geradezu süffisant bemerkt er, dass er von der Parteispitze des Landes regelmäßig Entlastung für das Finanzgebaren bekommen habe.
Schärfer geht er mit dem ehemaligen CDU-Bundesschatzmeister Walter Leisler-Kiep ins Gericht. Dessen Aussage, Schwarzkonten habe es bis 1992 nicht gegeben, widerspricht Weyrauch ausdrücklich. Die aktuelle Parteispitze ließ er ungeschoren. Noch.
Um so mehr erstaunt es, dass die Erklärung des Finanzberaters die Union blitzartig aufgeschreckt hat. Eidesstattliche Versicherungen müssen her, forderte die Bundeszentrale und drohte abermals mit rechtlichen Mitteln. Das, so scheint es, bekümmert den stets Stillen und Loyalen mehr als alle Vorwürfe. Verwunderlich sei derlei Vorgehen, klagt er in seiner Erklärung. Er werde weiterhin mit der CDU bei der Aufklärung des undurchsichtigen Geldgeschiebes zusammenarbeiten und alles offenlegen. Alles?
Das sind zum Beispiel die 20,8 Millionen Mark, die er auf Schweizer Konten für die hessische Union geführt haben soll. Woher das Geld kam, das will Weyrauch in all den Jahren seit 1984 nicht erfahren oder erfragt haben. Oder die ominösen Spender, denen Kohl sein Ehrenwort gegeben haben will. Weyrauch verliert über sie kein Wort. Oder das undurchsichtige Geflecht von Schmiergeldzahlungen zum Leuna-Verkauf, bei dem die Union partizipiert haben soll. Fehlanzeige.
Weyrauch weiß sicherlich viel mehr als er am Wochenende bekannt gemacht hat. Ob der Spenden-Untersuchungsausschuss die Mauer des Schweigens einreißen kann, ist nach wie vor fraglich. Aber Weyrauch droht allen Mitwissern: Alleiniger Sündenbock wird er nicht sein.