Kommentar: Gnadenloses Ergebnis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kommentar Gnadenloses Ergebnis

In Hamburg wird nichts bleiben, wie es war. Oder doch? Rot-Grün hat zwar die Mehrheit im Landesparlament verloren, doch für Jubel im bürgerlichen Lager ist es noch zu früh.
Von Rüdiger Ditz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist ein Tag der Verlierer. Die SPD und mit ihr der farblose Bürgermeister Ortwin Runde haben zwar leicht zulegen können. Der Nachklang der Terroranschläge in den USA hat den im Stimmungstief versackten Sozialdemokraten offenbar noch einmal Auftrieb gegeben. Doch der Juniorpartner, die Grün-Alternative Liste, kam böse unter die Räder. Die absolute Mehrheit von Rot-Grün ist passé.

Der CDU-Spitzenkandidat Ole von Beust verliert sogar gegenüber 1997, dabei war damals der im Vergleich zu Runde weitaus charismatischere Henning Voscherau sein Widersacher. Das Ergebnis zeigt: Von Beust hat mit seinen Umschmeichelungen den strahlenden Sieger der Wahl, Richter "Gnadenlos" Ronald Schill, erst hoffähig gemacht. Der hat mit seinem Angstthema Kriminalität so überzeugt, dass viele Wähler den unerfahrenen Hardcore-Politiker dem jugendlich-jovialen von Beust vorgezogen haben.

Jetzt hat der CDU-Mann, was er wollte: gemeinsam mit Schill und der FDP eine bürgerliche Mehrheit in Hamburg. Doch ob diese kunterbunte Koalition jemals Regierungsverantwortung übernimmt, ist ungewiss.

Trotz aller Treueschwüre in Hamburg - ob die CDU-Spitze im Bund dem Wahlverlierer Ole von Beust so ohne weiteres freie Hand gibt, auf Teufel komm raus den Machtwechsel zu gestalten, ist fraglich. Denn Schill wird mit seinem herausragenden Ergebnis Bedingungen stellen, die in Teilen der Union noch für erheblichen Unmut sorgen könnten: zum Beispiel in der Sicherheits- und Ausländerpolitik.

Wie das Verhältnis Schill/von Beust in einer Regierung aussehen könnte, davon bekam man schon am Wahlabend eine Ahnung. In allen Äußerungen des Populisten schwang mit, dass nur vor seinen Gnaden ein CDU-Bürgermeister regieren dürfe.

Ganz abgesehen davon: Wie die Liberalen mit Schill auf einen Nenner kommen wollen, ist angesichts der bislang bekannten politischen Entwürfe beider Parteien ein Rätsel.

Womit wieder die SPD ins Spiel kommt. Sie hat mit dem Stimmenanteil von gut 36 Prozent das Vorrecht zur Regierungsbildung. Und wer das ausgeprägte Sitzfleisch der Genossen in der Hansestadt kennt, weiß, sie werden alles daran setzen, ein tragfähiges Bündnis zu schmieden, sei es eine Ampel Rot-grün-gelb oder eine Große Koalition mit der CDU.

Das wäre für beide Volksparteien die letzte Rettung eines völlig verkorksten Wahlkampfs. Runde bliebe Regierungschef, von Beust käme endlich an die Macht, würde Zweiter Bürgermeister, und der lautstarke Schill hätte nichts zu melden. Dann bliebe im gemütlichen Hamburg, wie schon seit 44 Jahren, eigentlich alles beim Alten - mit ein bisschen Wechsel.