Kommentar: Wunder sind eben doch selten - DER SPIEGEL
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Kommentar Wunder sind eben doch selten

"Wir glauben als Christen ja an Wunder", antwortete der frühere CDU-Spitzenkandidat Johannes Gerster kürzlich, als er nach den Chancen der Union bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz gefragt wurde. Seit Sonntagabend steht fest: Auch im Land der Rüben und Reben sind Wunder selten.
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Gersters Nachfolger Christoph Böhr musste schon früh feststellen, dass er einen schier aussichtslosen Feldzug gegen SPD-Landesvater Kurt Beck um die Macht in Mainz führte. Selten war ein Wahlkampf deshalb langweiliger als dieser, wohl auch aus diesem Grund verzichteten so viele Bürger darauf, ihre Stimme abzugeben.

CDU-Mann Böhr war wohl schlicht der falsche Mann zum falschen Zeitpunkt am falschen Platz. Der grauhaarige Philosoph passte mit seiner nur mühsam kaschierten Abgehobenheit einfach nicht als Herausforderer des hemdärmeligen Beck. Zudem wurde sein Wahlkampf immer wieder empfindlich gestört, wenn Neuigkeiten über die finanzielle Verflechtung des inhaftierten Caritas-Managers Doerfert mit der rheinland-pfälzischen CDU bekannt wurden. Auf Rückenwind aus der Parteizentrale in Berlin konnte der Kohl-Anhänger und Freund des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch ohnehin nicht rechnen - zu sehr waren dort Angela Merkel und Friedrich Merz mit ihrem Führungsstreit beschäftigt. Böhr stand also auf aussichtslosem Posten.

Mit seiner Leutseligkeit war Kurt Beck dagegen im konservativen Südwesten offenbar auch für nicht notorische SPD-Anhänger wählbar, zumal er sich bodenständig gerne als Kontrast zum Brioni-Kanzler in Berlin darstellte - und auch eine positive wirtschaftliche Entwicklung während seiner Amtszeit präsentieren konnte. Als die Opposition mit dem massiven wöchentlichen Unterrichtsausfall an den Schulen endlich ein erfolgversprechendes Wahlkampfthema entdeckt hatte, wusste der Ministerpräsident seine Rivalen schnell auszubremsen. Er lenkte das Interesse einfach auf ein neues Vorhaben: die geplante flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen sicherte ihm sogar bundesweit Aufsehen. Ein taktisches Meisterwerk des Regierungschefs.

Von den Grünen als zweiter Oppositionspartei ging in diesem Wahlkampf ohnehin keine echte Gefahr aus - so sehr sich die emsige Spitzenkandidatin Ise Thomas auch bemühte. Zu sehr ist die potentielle Wählerschaft offenbar verunsichert über den möglichen Kurs der einstigen Ökogruppierung zu einer ganz "normalen" Partei, die auch bei einem Thema wie Atomenergie Kompromisse eingeht. Die Qittung: Noch ist unklar, ob es die Grünen erneut in den Landtag schaffen.

Ruhig zurücklehnen darf sich deshalb nach diesem Sonntag neben Beck aber auch Gerhard Schröder. Die Koalition aus SPD und FDP bleibt in Mainz bestehen - und das erfolgreiche Modell im Südwesten lässt dem Kanzler für Berlin weiterhin alle Optionen offen - wenn ihm eines Tages doch die mühsame Zusammenarbeit mit den Grünen nicht mehr für sinnvoll erscheinen sollte. Deshalb darf auch die FDP - im Südwesten als Regierungspartner so unauffällig wie ihr Spitzenkandidat Hans-Artur Bauckhage - trotz der Stimmenverluste in Mainz wieder an bessere Zeiten glauben und immerhin auf ein vielleicht gar nicht einmal so seltenes Wunder in Berlin hoffen.