Konstantin Wecker Neue Liebe PDS
Berlin - Was schenken PDS-Anhänger zu Weihnachten? "Liebe, die ich meine", so heißt eine Liebeslyrik-CD, deren "Release-Party" die Parteispitze gestern in geschlossener Gesellschaft in einer Berliner Künstlerkneipe feierte. Liebeslyrik, na und? möchte man meinen, wenn nicht der Initiator einer der stellvertretenden Parteivorsitzenden wäre (Diether Dehm) und auf der Scheibe prominente Köpfe der Partei linke Liebeslyrik lesen würden. Gregor Gysi trägt etwa Texte von Goethe und Rio Reiser bei ("Ich bin dazu genötigt worden"), Ex-PDS-Chef Bisky liest Volker Brauns "Auseinandergehen" und seine Nachfolgerin Gabi Zimmer trägt in perfektem Russisch Jewgenij Jewtuschenko vor ("..und so wir selbst die Liebe haben, so brauchen wir auch Verse über sie"). Der wäre einer der sie prägenden Dichter gewesen, obwohl dessen vehemente Positionierung für den "undemokratischen Jelzin" schon irritierend gewesen sei. Jetzt schwebt ihr eine "Art Künstleragentur" der PDS für kulturpolitische Initiativen vor, um wieder Dialoge mit Künstlern zu führen, ein Beispiel dafür sei auch diese CD.
Das Zugpferd: Ein Ex-SPD-Genosse wirbt SPD-Enttäuschte ab
Das Projekt aus dem Eulenspiegel-Verlag, das bereits 2000 Käufer gefunden hat, würde aber kaum Schlagzeilen machen, wäre nicht ein West-Künstler unter den Vortragenden, der bislang eher SPD-nah eingeordnet wurde - besonders, weil er eine tiefe Freundschaft mit Rudolf Scharping pflegt. Der Liedermacher Konstantin Wecker liest auf der CD zwei eigene Texte und singt nun live vor der PDS-Spitze in der kleinen Kellerbar des "Club Voltaire" am Prenzlauer Berg. Nicht enden wollend vor allem der Beifall von Diether Dehm, einst Schlagertexter, Kulturmanager und ein führendes Mitglied der Frankfurter SPD, bis nach der Wende Stasi-Verdächtigungen gegen ihn aufkamen. Daraufhin wechselte er mit großem Karrieresprung in die Führungsriege der PDS. Mit Wecker sei er "seit 30 Jahren" befreundet, und so war es ihm ein Leichtes, dessen Zuschlag zu erhalten.
Schließlich sind wir die "Partei der Überraschungen" witzelt Dehm, der auf der CD geschickt Klaus Lage und Ute Lemper selbstverständlich Dehm-Texte singen lässt. Für Wecker ist dies nun der zweite Auftritt auf der Seite der PDS, im Sommer nahm er bereits an einem "Bündnis gegen Bankenmacht" in Frankfurt teil. Jetzt schwärmt er von seiner neuen Liebe zu der linken Partei und ihren Protagonisten ("der Bisky ist ja ein ganz feiner Kerl"), denn "links sein" - diesen Anspruch habe die SPD für ihn aufgegeben, und im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er offen über seine wachsende Distanz zur Neuen-Mitte-Partei Gerhard Schröders: "Wer soll sich denn der New Economy entgegenstellen?"
Ist Wecker nur ein erster SPD-Dissident?
Mit seinem Frust steht Wecker übrigens nicht alleine, wer nachbohrt, stößt häufiger auf wachsende Entfremdung von Künstlern in der SPD, die sich bislang aber nur indirekt äußern. So hat der Heidelberger Grafikprofessor und SPD-Wahlhelfer Klaus Staeck ein Plakat über die neue Mitte herausgebracht, das diese Mitte als dunkle Scheibe einer Sonnenfinsternis charakterisiert, als schwarzes Loch. "Unser Rat ist tatsächlich kaum mehr gefragt", äußert sich Staeck auf telefonische Nachfrage, und irgendwie gäbe es ein Gefühl, "an die Peripherie" gedrängt zu werden. Liebäugeln mit der PDS käme für ihn aber nie in Frage, und so einen wie Dehm fasse er eher "mit der Kneifzange an".
Das Leidmotiv: "Willy Brandt: Mehr Demokratie wagen! - Gerhard Schröder: Mehr Volkswagen!"
Eins ist aber sicher: Konstantin Weckers Fahnenwechsel ist ein deutlicher erster Warnschuss Richtung SPD aus linksintellektuellen Kreisen, die noch unter Willy Brandt und Oskar Lafontaine explizit von der Partei umarmt worden waren. Den Sinneswandel fasst treffend ein Graffiti wieder, das bis vor kurzem eine Toilette in der Berliner Humboldt-Universität zierte: "Willy Brandt: Mehr Demokratie wagen - Gerhard Schröder: Mehr Volkswagen". So scheint auch Konstantin Wecker zumute zu sein: "Das trifft's!" lacht er, als er den Spruch erfährt.