Medizinische Hilfe Frau Gaddafi hofft auf Deutschland
Die Raketen trafen das Auto von Afaf al-Gaddafi, 38, an einem Tag im vergangenen August. Die Libyerin versuchte, mit ihrer Familie einen Flughafen zu erreichen, um vor dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland zu fliehen. Rebellen attackierten das Fahrzeug von Afaf, einer entfernten Verwandten des damaligen libyschen Herrschers. Sie vermuteten Muammar al-Gaddafi oder dessen Verbündete im Wagen.
Bei dem Angriff starben Afafs Töchter, die eine zwei Jahre alt, die andere 19 Tage, ebenso ihre Mutter, ihre Schwester und ihr Neffe. Afaf verlor ein Auge, ihre Nase und ihr linker Arm wurden zertrümmert. Ihr vierjähriger Sohn überlebte nur, weil Afafs Schwester sich über ihn geworfen hatte.
So erzählt es Afaf al-Gaddafi, die heute in München lebt. Helfer hatten sie und ihren Sohn zunächst nach Tunesien gebracht, einige Wochen später erhielten die beiden dann Hilfe aus Deutschland: Das Auswärtige Amt hatte dem libyschen Übergangsrat zugesagt, schwerverletzte Kriegsopfer zu versorgen. Hunderte Zivilisten und Rebellen sollten in deutschen Kliniken behandelt werden, ein humanitärer Beitrag der Bundesrepublik zum Arabischen Frühling.
Inzwischen droht die Hilfsaktion zur Blamage zu werden. Wenige Wochen nach den ersten Operationen entzündete sich, was das Bundesgesundheitsministerium mit "administrativen Schwierigkeiten" umschreibt: ein Streit zwischen den deutschen und den libyschen Organisatoren um Behandlungskosten, Abrechnungen und die Betreuung der traumatisierten Patienten - mit schlimmen Folgen für die Betroffenen. Sie könnten bald ihre Unterkunft verlieren und müssen fürchten, dass dringend nötige weitere Therapien aufgeschoben werden oder ausfallen. Mitarbeiter städtischer Krankenhäuser in München berichteten von Chaos und unbezahlten Rechnungen. Hilflose Patienten waren für Wochen in der Warteschleife gelandet.
Dabei war das Programm vielversprechend gestartet. Nachdem die Bundeswehr im Oktober die ersten Patienten nach Deutschland gebracht hatte, schloss die libysche Finanzverwaltung einen Vertrag mit einer Tochterfirma der Munich Re, dem Medizindienstleister Almeda. Der sollte sich um den weiteren Transport und die Betreuung der meisten Kriegsopfer kümmern: Taschengeld zahlen, Kleidung besorgen, die Familien unterbringen, Dolmetscher und Krankentransporte organisieren. Auch für die Behandlung sollte Almeda aufkommen, mit Geld der libyschen Finanzverwaltung, 60 Millionen Dollar für 600 Verletzte.
Gegenseitige Schuldzuweisungen
Doch schon im November wandten sich Mitarbeiter des Münchner Klinikums rechts der Isar an Almeda. Sie beklagten, manche Patienten aus Libyen besäßen nicht einmal Unterwäsche oder einen warmen Pullover, viele warteten vergebens auf das Taschengeld von 60 Euro im Monat. Ärzte und Pfleger müssten als Dolmetscher einspringen.
Unter einer Telefonnummer, die Patienten für Notfälle erhalten hätten, sei niemand zu erreichen. Almeda antwortete nicht auf die Beschwerden - und stritt mit der libyschen Finanzverwaltung ums Geld. Die Libyer warfen der Münchner Firma vor, Belege zu verheimlichen und die Kosten in die Höhe zu treiben, indem ein höherer Regelsatz als bei deutschen Patienten üblich abgerechnet werde. Almeda widersprach: Die Kosten seien regelmäßig durch Vorlage der Rechnungen nachgewiesen worden, nur bei schwerstverletzten Kriegsopfern habe ein höherer Satz in Rechnung gestellt werden müssen. Eine Einigung wurde nicht erzielt. Auch das Auswärtige Amt und das Bundesgesundheitsministerium konnten den Streit nicht schlichten. Selbst nachdem Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) im April nach Tripolis gereist war und die Einsetzung einer Kommission vereinbart hatte, um den Konflikt zu lösen, verbesserte sich nichts. Die libysche Finanzverwaltung weigerte sich, die Verträge mit Almeda zu verlängern, und stoppte im April weitere Zahlungen nach Deutschland.
Die einstigen Partner weisen sich nun gegenseitig die Schuld zu. Und das Gesundheitsministerium teilt mit, die Bundesregierung bedaure außerordentlich, dass sämtliche Vermittlungsversuche erfolglos geblieben seien. Alle Opfer hätten aber die erforderliche Behandlung erhalten. Doch viele Patienten berichten von Problemen. Ende Mai übernahm die libysche Botschaft die Betreuung. "Wir haben Schwierigkeiten, die Unterbringung der Leute neu zu organisieren, aber zumindest ist das Geld nun wieder freigegeben", sagt der Geschäftsträger der Botschaft, Ali al-Kuthani. Er sandte Mitarbeiter durch Deutschland, die in einigen Unterkünften Garantien abgaben, dass die Kosten beglichen würden. Vorerst können die Patienten ihre Bleibe behalten. Wie lange ist immer noch fraglich.
Afaf al-Gaddafi lebt nun in einem Gästehaus in der Münchner Innenstadt, gemeinsam mit ihrem Sohn und mittlerweile auch ihrem Mann. Verwandte geben ihr Geld für Lebensmittel und Kleidung. Sie soll ein künstliches Auge bekommen, und aus ihrem Gesicht und ihrem Arm müssen Metallsplitter entfernt werden. Wie die Arztkosten beglichen werden, ist ungewiss. Ob sie die nächsten Termine in der Klinik wahrnehmen könne, sagt die Libyerin, wisse sie nicht.