Krippenplatz: Protokoll einer Suche - DER SPIEGEL
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Protokoll einer Krippenplatzsuche Die Not besiegt das Gewissen

Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz? Schön und gut. Die Suche danach bleibt dennoch eine entwürdigende Prozedur. Eine Mutter berichtet von Telefonaten noch vor der Geburt, über Bord geworfenen Überzeugungen und Vermarktung der eigenen Familie.
Kleinkind in der Krippe: "Tatsächlich, wir haben einen Platz"
Kleinkind in der Krippe: "Tatsächlich, wir haben einen Platz"

Kleinkind in der Krippe: "Tatsächlich, wir haben einen Platz"

Foto: Uli Deck/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Meine Tochter, sie soll hier Elsa heißen, ist noch nicht einmal auf der Welt - und schon bin ich dabei, sie wegzuorganisieren. Es ist September 2012. Mit kugelrundem Bauch, schwanger im siebten Monat, sitze ich am Telefon. Vor mir liegt der rote Flyer des Familien-Service-Büros der Stadt Hannover mit den Telefonnummern von Krippen und Elterninitiativen. Es fühlt sich absurd an, die Liste schon jetzt durchzutelefonieren. Ich brauche den Betreuungsplatz schließlich erst ab Anfang 2014, wenn Elsa 14 Monate alt sein wird und die Elternzeit von meinem Freund und mir endet. Doch meine Hebamme und andere Eltern haben uns empfohlen, uns so früh wie möglich zu kümmern.

Am aussichtsreichsten erscheinen mir die städtischen Krippen und die der großen Träger wie der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Caritas und Diakonie. Als ich die erste Krippe anrufe, erwarte ich insgeheim, dass man mich auf die Zeit nach der Geburt vertröstet. Doch nichts dergleichen. Die Kita-Leiterin lädt mich zum Besuch und zur Voranmeldung ein. Alle Telefonate verlaufen ähnlich. Einige Einrichtungen haben feste Info-Termine, mit anderen vereinbare ich individuelle Gespräche. Es geht voran, denke ich.

Doch je tiefer ich in die Suche einsteige, desto komplizierter wird sie. Trotz Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab 1. August 2013 zeichnen die Kita-Leiter ein düsteres Bild. Noch Anfang des Jahres wissen die Verantwortlichen in den Krippen nicht, wie sie das neue Gesetz umsetzen sollen. Jedes Jahr würden nur wenige Plätze frei - auf viele davon rückten direkt Geschwisterkinder nach.

Explodierende Wartelisten

Ein Kita-Leiter berichtet, im vergangenen Jahr hätten sich 150 Eltern auf einen freien Platz beworben. Den genauen Bedarf spiegelt diese Zahl allerdings nicht. Um ihre Chancen zu erhöhen, melden sich viele Eltern bei mehreren Einrichtungen an - im Schnitt bei zehn bis 15.

Bei einem Info-Termin erzählt mir eine Frau, sie habe bereits gut 25 Voranmeldungen ausgefüllt. Auch wir werden wohl mehr als nur eine für Elsa abgeben. Diese Praxis ist nicht nur zeit- und organisationsintensiv für die Eltern, sie verschärft auch das Problem: Die Wartelisten der Kitas explodieren, sagen aber nichts über das tatsächliche Verhältnis von Suchenden und freien Plätzen aus. 150 zu eins hält allerdings Hagen Zywicki von der AWO für "deutlich zu hoch". Nach wie vor gebe es aber nicht genügend Plätze.

Dabei hat die Stadt Hannover nach eigenen Angaben mit ihrem Krippenausbauprogramm in den vergangenen fünf Jahren etwa 1700 neue Plätze für Kinder von ein und zwei Jahren geschaffen. Rund hundert weitere sollen bis Ende 2013 dazu kommen. Zum Stichtag 1. August erreiche Hannover eine Versorgungsquote von 55,2 Prozent. Ob das genügt, bleibe abzuwarten, hieß es von Seiten der Stadt noch Ende Juni 2013.

Und die Frage der Qualität ist damit noch gar nicht gestellt. Nach Einschätzung von Regina Struwe vom Diakonischen Werk mangelt es eindeutig an angemessenen Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren. Sie kritisiert insbesondere den schlechten Betreuungsschlüssel: Zwei pädagogische Fachkräfte für 15 Kinder seien die Regel. Das Land Niedersachsen habe zwar Finanzhilfen für Kita-Personal bereitgestellt, doch häufig versickert das Geld bei den Kommunen. "Wir haben in ganz Niedersachsen zu wenig Personal, um die Bildungsziele zu erreichen", sagt auch Zywicki von der AWO.

Und noch ein Problem

Bei meiner Suche stellt sich ein weiteres Problem heraus: Elsa ist im Dezember 2012 geboren, unsere Elternzeit endet im Februar 2014 - das passt nicht zum Rhythmus des Krippenjahres. Das beginnt nämlich im August, wenn die Kindergartenkinder in die Schule kommen und die Krippenkinder in den Kindergarten nachrücken. Außerhalb dieser Wechselzeit aufgenommen zu werden, ist sehr unwahrscheinlich. Noch komplizierter wird die Sache dadurch, dass viele Einrichtungen Kinder frühestens im Alter von 18 Monaten aufnehmen.

Es ist Mitte Februar, Elsa ist seit zwei Monaten auf der Welt, und wir haben zehn Voranmeldungen für Krippen ausgefüllt. Keine davon hat uns große Hoffnung gemacht. Langsam denke ich auch auch ernsthaft über eine Elterninitiative nach.

Die erste, die ich kontaktiere, fordert mein soziales Gewissen heraus. Ich soll eine Bewerbung schreiben - mit Familienfoto, Infos zu meinem Kind und einer Erklärung, warum wir uns für eine Elterninitiative interessieren und wie wir uns einbringen können. Klar, als Journalistin könnte ich all das gewandt aufschreiben und ansprechend gestalten. Doch möchte ich wirklich bei dieser Leistungsschau mitmachen und mein Kind und uns vermarkten? Plädiere ich nicht sonst immer dafür, dass Kinder aller Milieus gemeinsam aufwachsen, und würde ich nicht gegen diese Überzeugung verstoßen, wenn ich mich darauf einlasse? Ich bin hin- und hergerissen. Am Ende siegt die Not über das Gewissen.

Sechser im Lotto

Ein paar Voranmeldungen später öffne ich am 10. April unseren Briefkasten. Den Brief der Kita reiße ich sofort auf: "Es ist so weit: Ihre Tochter Elsa kann zum 1. August 2013 in unsere Kindertagesstätte aufgenommen werden", steht da. Ich muss den Satz ein zweites Mal lesen. Tatsächlich, wir haben einen Platz.

Meine Gefühle fahren Achterbahn: August 2013 statt Januar oder Februar 2014. Ist das nicht ein bisschen früh? Mein Baby erscheint mir noch so klein! Und dann die Lage der Krippe. Zu Fuß brauchen wir 40 Minuten. Mit Bus und Bahn 20 bis 30 Minuten. Unser Weg zur Arbeit führt in die entgegengesetzte Richtung. Andererseits: Ist das nicht der Sechser im Lotto? Und das Konzept der Einrichtung überzeugt uns auch. Wir bekommen sechs Tage Zeit für unsere Entscheidung.

Wir sagen zu. Doch Unbehagen bleibt. Von den anderen Krippen und Elterninitiativen haben wir noch keine Nachricht. Was, wenn uns morgen unsere Wunschkita einen Platz anbietet?

Tatsächlich hätten wir bis heute noch zwei weitere Krippenplätze für Elsa bekommen können. Die Wunschkita war nicht darunter. Die Absagen sind uns daher leichtgefallen. Von Wahlfreiheit zu sprechen, wäre dennoch eine Illusion.