Kubicki Gerhardt spielt "High Noon"
SPIEGEL ONLINE:
FDP-Chef Gerhardt hat Jürgen Möllemann aufgefordert, im Kampf um den Bundesvorsitz gegen ihn anzutreten.
Kubicki: Mittlerweile hat die Diskussion um den Parteivorsitz keinen Charme mehr. Ich wundere mich darüber, dass der noch amtierende Bundesvorsitzende diese Frage zu einer persönlichen Auseinandersetzung macht. Wenn jemand Parteivorsitzender werden will, kandidiert er nicht gegen irgendjemanden, sondern für diesen Posten. Gerhardt glaubt offenbar mittlerweile selbst, er sei die Partei. Das ist er aber mit Sicherheit nicht. Man hat das Gefühl, dass Gerhardt den Film "High Noon" zu oft gesehen hat. Dieser Showdown, wo zwei auf die Straße gehen und ausschießen, wer der Größte ist. Das ist das Klischee des vorletzten Jahrhunderts.
SPIEGEL ONLINE: Wie könnten diese Sticheleien beendet werden?
Kubicki: Beendet werden kann der Streit nur durch eine Entscheidung der Partei - spätestens im Mai nächsten Jahres. Und ich bin sicher, sie wird das tun.
SPIEGEL ONLINE: Hildegard Hamm-Brücher, die "große alte Dame" ihrer Partei, wirft Möllemann Größenwahn vor, weil er als Ziel für die Bundestagswahl 18 Prozent vorgegeben hat.
Kubicki: Ich kann solche Äußerungen nur schwer nachvollziehen. Wenn wir das selbst nicht ernst nehmen, macht es der Wähler erst recht nicht. Nach den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg werden wir ganz anders diskutieren. Denn ich gehe davon aus, dass wir bei beiden Wahlen zwischen zwölf und 14 Prozent erreichen werden. Dann wird das "Projekt 18" viel realistischer als jetzt wirken. Die FDP hat den Anspruch, einmal nicht nur intellektuell führende Kraft in Deutschland zu werden.
SPIEGEL ONLINE: Möllemann will Kanzlerkandidat werden. Diese Position hat es früher bei der FDP nicht gegeben. Besteht nicht die Gefahr, sich dadurch beim Wähler lächerlich zu machen?
Kubicki: Wenn man 18 Prozent oder mehr der Wählerstimmen als Ziel ausgibt, muss man auch eine Person präsentieren, die dieses Land regieren soll. Möllemann traut sich das zu. Die Partei wird aber auch darüber rechtzeitig entscheiden - Ende 2001, spätestens 2002.
Das Interview führte Alwin Schröder