Landwirtschaft "Unsinniger Sozialismus"
SPIEGEL ONLINE:
Wegen BSE und Maul- und Klauenseuche haben sich kürzlich in der Öffentlichkeit sogar die grünen Ministerinnen Renate Künast und Bärbel Höhn gestritten. Was läuft falsch in der Agrarpolitik?
Stefan Mörsdorf: Das Grundübel ist der immer noch vorhandene Anspruch, die landwirtschaftliche Produktion staatlich regeln zu wollen. Dieser real existierende Agrarsozialismus mit seinen Subventionsmechanismen ist völlig unsinnig geworden.
SPIEGEL ONLINE: Die Agrarlobby hat genau dafür seit Jahrzehnten gekämpft...
Mörsdorf: Es ist höchste Zeit, die Agrarpolitik den Agrarpolitikern zu entziehen. Die Regelung der Produktion durch den Staat statt durch den Markt versagt heute genauso wie in der Vergangenheit in den sozialistischen Staatswirtschaften Osteuropas. Alle werden irgendwie am Leben gehalten, aber allen geht es von Jahr zu Jahr schlechter.
SPIEGEL ONLINE: Was muss sich ändern?
Mörsdorf: Ein Beispiel: In Regionen, in denen Bullen mit Maissilage gemästet werden, liegt die Förderung bei mehr als 3000 Mark je Hektar. Regionen, in denen Futteranbau betrieben und mit geringen Viehbesatzdichten Milch naturverträglich produziert wird, erhalten Bauern dagegen nur 500 Mark. Bestraft werden die ökologisch wirtschaftenden Landwirte. Das ist absurd.
SPIEGEL ONLINE: Da haben Sie in Frau Künast doch eine Verbündete?
Mörsdorf: Gelingt es nicht, die Subventionen von der Produktion abzukoppeln, wird die Agrarwende nicht das Papier wert sein, auf dem Renate Künast sie verkündet. Und in NRW sitzt Bärbel Höhn im Bremserhäuschen. Der Wechsel muss tiefgreifender sein als das, was bisher von Künast zu hören war. Schon jetzt könnten bis zu 20 Prozent der Produktsubventionen, immerhin fast sechs Milliarden Mark jährlich, in Agrarumweltprogramme umgeschichtet werden. Wir müssen die Förderung an die Fläche und an ökologische Mindeststandards koppeln, nicht an die Produkte.
Das Interview führte Wilfried Voigt