Lobbyist Hunzinger: "Bisschen viel Wind" - DER SPIEGEL
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Lobbyist Hunzinger "Bisschen viel Wind"

Moritz Hunzinger lebt von dem Nimbus, jederzeit Unternehmern Kontakte zu Politikern vermitteln zu können. Doch nicht immer profitieren die Kunden vom Wirken des PR-Beraters. Microsoft ist nur das prominenteste Beispiel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann, der früher gern ans offene Fenster trat und aus voller Kehle "Ich bin der Größte" brüllte, fühlt sich plötzlich klein gemacht. Die Reaktion auf seine unermüdliche Arbeit in "Politischen Salons" und bei diskreten Wirtschaftsdinners kommt Moritz Hunzinger, 43, "apokalyptisch" vor. Erst versuchte es der "Beziehungsmakler" (Eigenwerbung) mit einer Drohung an die kontaktbedürftige Elite des Landes. Sollte der vom Kanzler davongejagte Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping durch die Affäre "nachhaltig geschädigt" werden, "werde ich meinen Ranzen schnallen und was ganz anderes machen". Weil das keinen so richtig schreckt, findet Hunzinger in den "total anstrengenden" Tagen nur noch Trost in aufmunternden Mails und Faxen alter Weggefährten ("Du warst und bist das, was man in alten Zeiten einen Herrn nannte") und der Überzeugung, dass jene, "die mit uns zusammenarbeiten, wissen, was sie an uns haben". Immerhin entzündete sich an seiner anrüchigen Rundumbetreuung für Scharping eine Debatte über Politik und (Un-)Moral. Die rot-grüne Bundestagsmehrheit will noch vor der Wahl die Offenlegungspflicht von Nebeneinkünften für Parlamentarier verschärfen. Künftig sollen Benefits wie Vortragshonorare im Internet und im Bundestagshandbuch veröffentlicht werden ­ ähnlich wie im Europaparlament. Doch das ist weniger eine Reaktion auf einen erfolgreichen PR-Berater denn auf das System der Einflüsterer zwischen Politik und Wirtschaft, die auf so formidable Weise das Geben und Nehmen in Einklang zu bringen verstehen. Der Name Hunzinger steht nur als Synonym für dieses ebenso delikate wie diskrete Geschäft. Der vom "Straßenjungen" (Selbsturteil) zum Bundesverdienstkreuz-Träger sowie zur Börsen-Sternschnuppe des Neuen Markts aufgestiegene Hunzinger erlebt dagegen die Diskussionen als größten anzunehmenden persönlichen Unfall. Kaum ist die Diskretion zerstört, ist der Zauber verflogen. Keine Spur von Distanz, eher "eine herzliche Verbundenheit" mit dem heutigen CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz stellten Teilnehmer einer von Hunzinger moderierten Gala im August 1999 in der Deutschen Börse Frankfurt fest. Zum Börsengang des Internet-Providers Gigabell hielt Wirtschaftsexperte Merz die Laudatio. Ein damaliger Gigabell-Manager: "Wir wollten einen Prominenten, und Hunzinger hat Merz vorgeschlagen." Über 150.000 Mark habe der PR-Berater abgerechnet und keine Aktien akzeptiert. Offenbar in weiser Voraussicht: Schon einen Tag später registrierte die von Merz so gepriesene New Economy einen Flop ­ der Gigabell-Kurs fiel unter den Emissionswert. Ein Jahr später folgte die Insolvenz. Heute hören sich vermeintliche Solidaritätserklärungen des Duz-Kumpels Merz für Hunzinger eher wie Häme an: "Der macht seine Arbeit vielleicht ein bisschen mit viel Wind." Tatsächlich rentieren sich Hunzingers Projekte für seine zahlende Kundschaft aus der Industrie nicht immer, wie eine Reihe von internen Firmenunterlagen nahe legen. So hatte die öffentliche Aufkündigung der Zusammenarbeit durch die deutsche Microsoft-Dependance nichts mit der aktuellen Krise zu tun. In dürren Worten teilte das Unternehmen mit, es habe "mit ihrer Kommunikationsstrategie gegenüber politischen Entscheidungsträgern" die Agentur ECC Public Affairs beauftragt ­ einen von Hunzingers Hauptkonkurrenten im politischen Lobby-Business. Die Entscheidung, sich von Hunzinger, der zuletzt über ein Millionen-Budget verfügen konnte, zu trennen, war bei Microsoft im Frühjahr gefallen. Da war klar, dass Hunzingers Bemühungen, über Abendessen für Abgeordnete und Präsentationen für Bundestagsbedienstete, nicht den erwartet lukrativen Auftrag für Microsoft gebracht hatten. Das Unternehmen wollte den Bundestag mit seinem System ausrüsten. Doch nach monatelangen Diskussionen hinter verschlossenen Türen entschied sich die Parlamentskommission für Informations- und Kommunikationstechnik am 28. Februar mehrheitlich für den Microsoft-Konkurrenten Linux. Schon gut eineinhalb Jahre zuvor hatte Hunzinger in einer anderen diffizilen Angelegenheit nicht ganz die Erwartungen des Computerunternehmens erfüllen können. Microsoft beauftragte den Frankfurter Spindoctor mit dem Projekt "Krisenkommunikation" ­ im Vorfeld der Entscheidung des zuständigen Bundesgerichts in den USA zur Monopolstellung des Unternehmens. Hunzinger sollte hier zu Lande Unterstützung der Medien und der Politik für Microsoft organisieren. Ganz wie es so seine Art ist, wirbelte der PR-Mann kräftig. Meinungsartikel will er in der "FAZ" und dem "Handelsblatt" "platziert" haben, Politikerstatements wurden blanko vorbereitet ("Ich finde es nicht gerade unbedenklich, dass ein einzelner Bundesrichter die Macht haben soll, eine der wichtigsten Branchen der globalen Ökonomie neu zu ordnen"). Hunzinger, mit seiner Arbeit hoch zufrieden, ließ am 20. Juni 2000 Microsoft mitteilen: "Wenn Sie in einem halben Jahr in jeder Fraktion einen Fürsprecher haben, ist eine Menge erreicht, und wir können alle stolz sein." Doch was Hunzinger für das von ihm veranschlagte Honorar von 75.000 Mark ablieferte, stand für Microsoft "in keinem Verhältnis zum von Ihnen vorgeschlagenen Preis". Besonders verdross die deutsche Microsoft-Dependance, dass es weder gelungen sei, für das Unternehmen positive Äußerungen von "politischen Entscheidungsträgern" zu platzieren, noch ein Statement des damaligen Deutschland-Chefs Richard Roy vor laufenden "Tagesschau"- oder "Tagesthemen"-Kameras zu organisieren. Hunzinger war "unter großen Schmerzen" mit einer Honorarkürzung um ein Drittel einverstanden, doch Microsoft bestand auf Zahlung von nur 20 000 Mark: "In diesem Fall bleiben wir hart." Wie hoch das Honorar wirklich war, darüber schweigen beide Parteien. Hunzinger behauptet unverdrossen, Microsoft sei höchst zufrieden mit ihm gewesen, seine Leute hätten "einen guten Job gemacht". Die Korrespondenz zum Projekt "Krisenkommunikation" wirft aber ein bezeichnendes Licht auf die Usancen des Gewerbes. Unternehmen beauftragen Hunzinger vor allem deswegen, weil sie Politiker und Medien beeinflussen wollen. Dabei scheinen sie geradezu blind den vollmundigen Versprechungen des Multikontakters vertraut zu haben, dass Minister, Parlamentarier und Meinungsführer springen, wenn Hunzinger ruft. An diesem Image hat der Mann, der vom Verkauf von Kontakten lebt, auch lange gearbeitet. Dass er dabei auch gern mal übertreibt, macht ein pittoreskes Hunzinger-Memo aus dem Jahre 1993 an den damaligen Thyssen-Manager Jürgen Maßmann deutlich. In dem Schreiben vom 11. Mai 1993 schwadronierte er nicht nur von seinen guten Kontakten zur CSU-Spitze und brüstete sich, gerade ein "Beratungsgespräch zur Vermarktungsfähigkeit von CSU-Spitzenpolitikern" geführt zu haben. Um Maßmann, den das Landgericht Augsburg in der vorigen Woche wegen Steuerhinterziehung ­ noch nicht rechtskräftig ­ zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt hat, richtig mit Insiderkenntnissen zu beeindrucken, entwarf er gleich auch noch Szenarien, die dem Betrachter aus heutiger Sicht nur ein mildes Schmunzeln entlocken. Nach dem Rücktritt des affärengeplagten Max Streibl "ist damit zu rechnen", analysierte der Alleswisser, "dass Bundesfinanzminister Theo Waigel bayerischer Ministerpräsident in München und Spitzenkandidat bei der Landtagswahl 1994 wird". Bundesinnenminister Rudolf Seiters werde ins Finanzministerium wechseln. Als Seiters-Nachfolger, so Hunzingers prophetische Gabe, komme nur Edmund Stoiber in Frage. Namedropping, vermeintliches Herrschaftswissen en passant fließen lassen ­ das ist Hunzingers Art der Kundenwerbung. Dabei hilft ihm ein ganzes Heer von Politikern oder Polit-Beamten a. D. Das ostdeutsche Recycling-Unternehmen SVZ, für das die Hunzinger-Truppe ein Geschäft im Kosovo einfädeln wollte, wurde von Matthias Zender betreut. Zender war bis zu seiner Versetzung in den einstweiligen Ruhestand 1992 Chef der Staatskanzlei in Mecklenburg-Vorpommern. Das Projekt wurde nie realisiert. Zur politischen Landschaftspflege für ein umstrittenes Hochhausprojekt der Zürich-Versicherungsgruppe in der Finanzmetropole Frankfurt heuerte Hunzinger gegen ein Salär von 20.000 Mark den ehemaligen Stadtkämmerer und Senator h. c. Ernst Gerhardt an. Zwar wird das Hochhaus entgegen dem ursprünglichen Stadtratsbeschluss nun in der von der Versicherungsgruppe von Anfang an favorisierten Höhe von mindestens 160 Metern gebaut. Ein Verdienst von Hunzinger und seinem Helfer Gerhardt sei das aber nicht, beteuert Versicherungssprecher Hanns-Christoph Ruhl. Das Projekt sei erst vorangekommen, nachdem der Vertrag ­ laut Hunzinger mit 500.000 Mark dotiert, laut Angaben der Versicherung "deutlich geringer" ­ gekündigt war. Hunzingers Anteil, so Ruhl, sei "nicht einmal so groß wie Dreck unter dem Fingernagel". Ein Knotenpunkt in Hunzingers Netzwerk ist seit langem der EU-Kommissar a. D. Martin Bangemann. Als Hunzinger im Frühjahr 2000 erfuhr, dass der FDP-Mann zum spanischen Telefon-Giganten Telefónica wechsele, frohlockte der PR-Mann: "Fein, Telefónica wird bei uns eine wichtige Rolle spielen." Was dann folgte, ist Hunzinger-Geschäftsgebaren in Reinkultur. Der spanische Telekommunikationskonzern hatte damals vage Pläne, sich in Osteuropa zu engagieren. Hilfreich, so glaubte der Netzwerker, könne dabei der Vatikan sein, schließlich kommt der Papst ja aus Polen. Seine Truppe erstellte ein "Sponsoring-Konzept zur Vertriebsoptimierung der Telefónica Grupo". Kern: Eine Millionenspende an die päpstliche Stiftung "Populorum Progressio" sollte helfen, "Wohlwollen bei Entscheidungsträgern zu gewinnen". Als milder Spender sollte allerdings nur die Hunzinger Information AG und nicht Telefónica auftauchen. Am 23. Juni 2000, so Recherchen der Illustrierten "Max", reiste der promovierte Theologe Michael Spangenberger, der bei Hunzinger auf der Payroll stand, in diskreter Mission in die Ewige Stadt. Zwei Tage nach einem Treffen mit Vertretern des Heiligen Stuhls meldete Spangenberger Vollzug. Besonders freue ihn, so ließ der Mediator seinen Auftraggeber wissen, dass "wir in aller Offenheit auch über die Erwartungen Ihrerseits sprechen konnten". Ob der Hunzinger-Agent dabei ein wenig geprahlt hat? Spangenberger hüllt sich in Schweigen. Fest steht jedenfalls, dass die Undercover-Aktion nicht zu einem Telefónica-Engagement in Osteuropa führte. Der Geschäftsbericht des Unternehmens weist lediglich eine Fünf-Prozent-Beteiligung an einer ukrainischen Telefongesellschaft aus. Die Spende, beteuert Hunzinger, sei geflossen. An die genaue Höhe mag er sich nicht mehr erinnern: "Siebenstellig war sie schon, und für einen guten Zweck." Es gab bisher nur wenige Momente im Leben des Moritz Hunzinger, in denen er zur Selbstkritik fähig war. Einer davon war der Tag, an dem sein "privates Hobby", die 47,5-Prozent-Beteiligung an der Ingolstädter MBB Security Cars AG, sich als glattes Fehlinvestment erwies. Als der Hersteller für gepanzerte Pkw am 22. Mai 2000 das Insolvenzverfahren beantragte und Hunzinger ("Die Situation ist niederschmetternd") 25 Millionen Mark verloren hatte, räumte er ein: Aufsichtsrat und Controlling hätten versagt ­ "einschließlich mir". ANDREAS WASSERMANN