Mächtige Souffleure: Der nervende Musterschüler - DER SPIEGEL
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Mächtige Souffleure Der nervende Musterschüler

Unter den Einflüsterern der deutschen Kanzler war er der große Unterhändler bei den weichenstellenden europäischen Vertragsverhandlungen der Nachkriegsgesellschaft: Walter Hallstein. Seine Pedanterie fiel Adenauer gelegentlich auf die Nerven - dann wurde selbst der nüchterne Kanzler zum Spaßvogel.
Von Franz Walter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die meisten grauen Eminenzen im Umfeld der bundesdeutschen Kanzler sind mittlerweile weitgehend vergessen. Das gilt gewiss auch für Walter Hallstein, außenpolitischer Sekundant von Konrad Adenauer in den fünfziger Jahren. Doch verbindet man mit seinem Namen eine historisch gewordene Doktrin: Eben die "Hallstein-Doktrin". Zwar war Hallstein gar nicht der Urheber dieser außenpolitischen Grundsatzbeschreibung, vielmehr war dies der Leiter seiner politischen Abteilung, Wilhelm Grewe, aber seit dem Herbst 1955 gilt Hallstein als Vater der Formel, die für die deutsche Außenpolitik bis in die zweite Hälfte der sechziger Jahre offiziell bestimmend blieb: Mit Staaten, die diplomatische Beziehungen zur DDR unterhielten oder aufnahmen, wurde der diplomatische Kontakt abgebrochen.

Doch darin hatte sich die Lebensleistung der "grauen Eminenz" Walter Hallstein nicht erschöpft. Hallstein, von 1951 bis 1958 Staatsekretär im Auswärtigen Amt, war während der Kanzlerschaft Adenauer lange Chefunterhändler bei den großen europäischen Vertragsverhandlungen in den fünfziger Jahren. Der deutsche Regierungschef hatte einen exzellenten Juristen, der bis 1945 nicht der NSDAP angehörte, bitter nötig. Denn darum ging es für die neue Bundesrepublik in den ersten Jahren ihrer Existenz: durch verlässliche, vertraglich konstituierte Verflechtungen mit den anderen westeuropäischen Staaten einen gesicherten, schließlich souveränen Ort in den westlichen Bündnisstrukturen zu finden.

Exakte juristische Wendungen, akkurate Verträge

Hierfür war Hallstein in der Tat ein ausgezeichneter Kandidat. Er war ein überzeugender Jurist mit einer erstaunlichen Karriere. Hallstein wurde mit 24 Jahren promoviert; drei Jahre später hatte er das Habilitationsverfahren abgeschlossen. Mit 28 Jahren bereits erhielt er, von der Universität Rostock, seinen ersten Ruf auf eine ordentliche Professur, worauf er sein ganzes Leben lang außerordentlich stolz war. 1946 wurde er, mit 44 Jahren, erster Nachkriegsrektor an der Frankfurter Universität. Konrad Adenauer war hoch beeindruckt, als er 1950 erstmals mit Hallstein zusammentraf. Er zögerte daher nicht, ihn zum Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten zu ernennen. Und Hallstein enttäuschte ihn nicht. Er war es, der die außenpolitischen Grundideen Adenauers in exakte juristische Wendungen übersetzte und in akkurate Verträge goss. Er war gleichsam das juristisch-bürokratische Exekutivorgan der Adenauerschen Konzeption und Gedanken.

Hallstein war ein schier unermüdlicher, nahezu besessener Arbeiter. Seine juristische Formulierungskunst war brillant. In Verhandlungen mit den europäischen Partnern trat er zäh und zielstrebig auf. Sein Amt führte er mit großer Souveränität, aber auch mit unnachgiebiger Strenge. Nichts verachtete er mehr als gedankliche Unschärfen, rhetorische Nebelkerzen, weitschweifendes Gerede. Hallstein war gewissermaßen der Typus des Musterschülers, äußerst detailgenau, um Perfektion bemüht, intellektuell jederzeit geordnet, ein unbedingter Befürworter strenger, kompromissloser Logik.

Das machte ihn für Adenauer bei zahlreichen schwierigen Verhandlungen so wertvoll. Hallstein besaß dabei die institutionelle und juristische Strenge, die Adenauer oft und durchaus gerne zu Gunsten des taktischen, jedenfalls politischen Kalküls vernachlässigte. Insofern ergänzte Hallstein sinnvoll den Kanzler, was sich durchaus nicht selten als sehr segensreich erwies.

Aber es gab auch Tage, an denen die Hallsteinischen Übergenauigkeiten dem Kanzler auf die Nerven gingen. Adenauer war nicht gerade für Albernheiten bekannt. Aber bei Hallstein, diesem überaus spröden und knochentrockenen Professor, konnte er oft nicht anders. Er musste diesen Pedanten einfach zuweilen ärgern. Als sich der Kanzler und sein Staatssekretär auf einer gemeinsamen Schiffsüberfahrt in Richtung Amerika befanden, versteckte Adenauer eines Abends die Schuhe Hallsteins, sodass der korrekte Jurist tags darauf allein in Socken seine Gespräche führen musste. Bei einer anderen Gelegenheit bewarf der deutsche Bundeskanzler den verblüfften Hallstein plötzlich mit Walnüssen - und das im Beisein des sichtlich peinlich berührten britischen Botschafters.

Belehrend, dozierend, näselnd

Hallstein eignete sich in der Tat als probates Zielobjekt für dergleichen Spaßtreibereien. Denn ein Sympathieträger war er nicht. Dafür trat er zu belehrend auf, zu dozierend mit seiner arroganten, dabei näselnden Stimme. Hallstein war ein Mann, der ganz in seiner Arbeit aufging, private Passionen daneben kaum besaß. Der Dienst war Elixier und Sinn seines Lebens; das Dienstzimmer bildete den Lebensmittelpunkt. In seine Privatwohnung ließ er, mit Ausnahme der Putzfrau, niemanden hinein. Von Freundschaften des Junggesellen wissen auch wohlwollende Chronisten nichts zu berichten. Mit keinem seiner Mitarbeiter hat sich Hallstein je geduzt. Hallstein blieb unnahbar, kühl, distanziert, abweisend. Er war ein veritabler Hagestolz. Seine Liebe gehörte der Juristerei, den Büchern, der Gelehrsamkeit, dem Amt.

Doch waren das nicht nur private Schrullen oder Eigenarten. Auch der Mann der Politik, der Vertreter der bundesrepublikanischen Regierung leugnete nicht den exakten Juristen, besserwisserischen Professor, übergenauen Vertragsexperten. Damit fuhr Adenauer in den frühen fünfziger Jahren oft nicht schlecht; aber im Laufe der Zeit wurde es doch auch zum Problem für den Kanzler und sein Kabinett. Besonders die Briten kamen mit Hallstein nicht zurecht. Sein Europäismus war ihnen zu dogmatisch; seine Vertragsfixierung zu orthodox.

Auch die Franzosen hielten ihn für einen emotionslosen Technokraten. Psychologie war eben nicht die Stärke Hallsteins, der die strenge Logik völkerrechtlicher Regelungen höher schätzte als den einfühlsamen Umgang mit Verhandlungspartnern. Im Grunde blieb Hallstein immer akademischer Professor, wurde nie zum Politiker. Hallstein dachte nicht, wie ein Politiker, in multiplen Optionen, Perspektiven, Kalkülen oder gar in taktischen Winkelzügen. Das hätte seiner apodiktischen Wissenschaftlichkeit widersprochen.

So aber wirkte Hallstein bald doktrinär und starrsinnig, als sich dann, in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre und mehr noch während der sechziger Jahre, die Koordinaten der Außenpolitik allmählich verschoben. Seine 1955 verkündete Regel, wie mit Staaten zu verfahren sei, die das Ulbricht-Regime völkerrechtlich anerkannten, wurde dadurch zu der nach ihm benannten Doktrin, die der Deutschland- und Ostpolitik zunehmend hinderlich war, ihre Handlungsmöglichkeiten beschränkte und im Grunde schon in den Jahren der Großen Koalition nicht mehr folgerichtig angewandt wurde. Walter Hallstein überlebte sich, hatte am Ende weder eine Schule noch Schüler hinterlassen.

Er war zweifelsohne ein großer Europäer, war wichtig für Adenauer in der ersten Hälfte von dessen Amtszeit, lieferte dem Kanzler Kompetenzen, über die dieser selbst nicht verfügte. Aber Hallstein war im Weiteren auch eine Last. Er sorgte für Unbeweglichkeit, als es auf neue Flexibilitäten, auch neue und kreative Wagnisse ankam. Das aber waren keine Eigenschaften, die Hallstein auszeichneten. Später fand er in Charles de Gaulle einen harten und unerbittlichen Kontrahenten, der ihn zum Rücktritt vom Posten des Kommissionspräsidenten der EWG drängte. Zu Beginn der sozial-liberalen Regierungszeit rückte Hallstein noch einmal für die CDU in den Deutschen Bundestag ein. Doch die Außenpolitik des Kabinetts Brandt-Scheel blieb ihm fremd. Die Jahre seiner Wirksamkeit waren längst vergangen.

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