SPD im Umfragehoch: Das Schulz-Syndrom
Schulz-Euphorie im SPD-Ortsverein Ein bisschen begeistert
Sigrid Beddig musste 60 Jahre alt werden, um hierherzukommen. In die Gaststätte "Zur Eiche" in Hannover. In einem kleinen Hinterzimmer des Gastraumes im Stadtteil Groß-Buchholz sitzt sie an einem Tisch und wartet. Beobachtend, nicht schüchtern.
"Ich habe lange überlegt. Eigentlich wollte ich das nicht", sagt Beddig. Neben ihr sitzt ihr Lebenspartner, Joachim Döring, und nickt. Döring ist seit 28 Jahren SPD-Mitglied, aber sie ist es erst seit ein paar Tagen.
Die beiden sind gemeinsam zur Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins gekommen. Sie, die hier noch niemanden kennt und für die Veranstaltungen wie diese fremd sind. Er, um sie zu unterstützen und weil er selbst Genosse ist. Sie sitzen nebeneinander und nippen an ihrem Mineralwasser.
Unter Gabriel fehlte die Perspektive
Beddig ist Krankenhaus-Seelsorgerin, arbeitet im Diakoniebüro und engagiert sich ehrenamtlich in der evangelischen Kirche.
Dann kam Martin Schulz. Und nun ist die Hannoveranerin Teil der Schulz-Euphorie.
Laut ARD-"Deutschlandtrend" wünschen sich derzeit 50 Prozent der Deutschen ihn als Bundeskanzler, nur 34 Prozent Angela Merkel. Mehr als 2000 Menschen sind in den vergangenen zwei Wochen in die Partei eingetreten, allein in Niedersachsen mehr als 300. Eine davon ist Sigrid Beddig.
Langsam füllt sich der Raum, dessen Tische zu einem großen U zusammengeschoben sind. Der Geräuschpegel steigt. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Tack hat zu diesem Abend in ihrem Wahlkreis geladen. Hier trifft sich die Basis. Man sitzt an Tischen mit vanillepuddingfarbenen Decken, Kellnerinnen bringen Getränke. Die meisten kennen sich.
In den vergangenen Jahren gab es hier nicht viel zu feiern. Die SPD steckte im 20-Prozent-Tief fest, nichts bewegte sich. Auf Sigmar Gabriel waren viele Genossen nicht gut zu sprechen. Es fehlte die Perspektive.
Neugenossin Beddig, politisch geprägt von Willy Brandt und Helmut Schmidt, ist eine Frau der klaren Worte: "Martin Schulz finde ich klasse." Seine Reden im Europaparlament und sein Auftritt bei Anne Will hätten ihr sehr imponiert. Schulz' Art überzeuge sie. "Schulz holt einfach das Volk ab. Das gefällt mir." Also ist sie in die Partei eingetreten.
SPD im Umfragehoch: Das Schulz-Syndrom
Ob es an seinem fehlenden Abitur, seiner Buchhändlerkarriere, seiner überwundenen Alkoholsucht liege, dass er als volksnah empfunden werde? Nein, findet Beddig: "Ich würde sagen, das ist ein Stück Lebenserfahrung." Sie faltet die Hände auf dem Tisch. Beddig wirkt nicht überschwänglich-euphorisch.
Ein Handschlag, dann gibt es das rote Parteibuch
Sie hat ihre Überzeugungen. Über die AfD sagt sie: "Das geht gar nicht!"
Und über Sigmar Gabriel: "Nee, ist nicht mein Fall."
Ob die Große Koalition ein Fehler war? "Das denke ich nicht."
Ein Bündnis mit Linkspartei und Grünen? "Lieber Rot-Grün."
Die Flüchtlingspolitik? "War absolut richtig."
Wenn Beddig spricht, spricht sie für sich, wiederholt immer wieder: "Das ist meine Meinung" oder "So sehe ich das". Sie will ungern verallgemeinern.
Es wird ruhig im Raum. Vorne erhebt sich der Ortsvereinsvorsitzende Chris Jäger und begrüßt die rund 30 Genossen. Mit einem Handschlag überreicht er Beddig das kleine rote Parteibuch. Beddig lächelt, dankt, nimmt das Buch entgegen und setzt sich wieder. Weiter geht's mit der Tagesordnung. Schließlich müssen heute Abend noch Delegierte für diverse Wahlkreiskonferenzen und Parteitage gewählt werden.
Kerstin Tack, die Abgeordnete aus Berlin, hat das Wort, holt aus zu einer langen sozialdemokratischen Grundsatzrede. Sie will sich nicht mit parteipolitischen Entscheidungen aufhalten, nur so viel: Sigmars Rücktritt habe alle überrascht.
Beddig ist nicht in erster Linie wegen der Kommunalpolitik gekommen. Schon lange sei sie mit ihrer SPD-Idee schwanger gegangen, erklärt sie. "Ich habe gedacht, man muss Farbe bekennen." Die großen Themen bewegen sie. "Im Moment wird überall die Demokratie und die Freiheit ausgehebelt", sagt sie. "In Amerika, Russland, in der Türkei - und wir sind so mittendrin."
Für Beddig ist das "S" in SPD wichtig: "Ich finde es falsch, dass Menschen, die den ganzen Tag arbeiten, nicht davon leben, ihre Miete bezahlen und ihre Kinder ernähren können", sagt sie. In ihrer Stimme liegt Empörung. "Wenn eine Krankenschwester heute alleinerziehend ist, muss sie einen Nebenjob annehmen, sie schafft es sonst nicht. Die kriegen wirklich Peanuts für ihre Arbeit."
Berlin ist weit weg
Diese Themen bewegen auch die anderen Mitglieder. Eine Genossin fragt, warum Hartz-IV-Empfängerinnen das Elterngeld mit ihren Sozialleistungen verrechnet würde. "Das treibt mich schon seit Jahren um", sagt sie.
Die Abgeordnete Tack beantwortet alle möglichen Fragen: Koalitionsoptionen, Einwanderungs- und Außenpolitik. Die Genossen, überwiegend bürgerliche Mittelschicht, duzen einander, suchen das Gespräch, statt zu schimpfen. Euphorisch wirkt hier dennoch niemand. Berlin ist weit weg.
Tack erklärt das so: "Viele haben eine Sehnsucht danach, sich mitgenommen zu fühlen." Beddig nickt zustimmend, sie fühlt sich angesprochen. Martin Schulz bekomme einen Vertrauensvorschuss dafür, dass er die Hoffnung der Genossen trage, so Tack.
Beddig glaubt daran, dass Schulz der Richtige ist. "Ich halte ihn für einen sehr fähigen Mann", sagt sie. "Ich vertraue ihm." Und wenn sie jemandem vertraue, nun, dann sei das "schon ein Bonus".