Michael Naumann: "Ich bin kein Proletarierjunge" - DER SPIEGEL
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Michael Naumann "Ich bin kein Proletarierjunge"

Michael Naumann ist der neue Hoffnungsträger der Hamburger SPD. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Seiteneinsteiger über seinen "fröhlichen Lernprozess" in der Lokalpolitik, seinen Ruf als Schöngeist und schlechte Scherze der "Bild"-Zeitung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Sie rauchen ja schon wieder. Dabei hatten Sie in Ihrer Bewerbungsrede doch versprochen aufzuhören.

Naumann: Leider wahr. Ich habe zwei Tage nach dem Parteitag wieder angefangen. Ich rauche einfach gerne - genau wie Helmut Schmidt. Aber ich habe oft schon wieder aufgehört. Einmal habe ich sogar 24 Jahre ohne Zigarette geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Waren die ersten Wochen als Spitzenkandidat so stressig?

Naumann: Ich bin mitten in einem fröhlichen Lernprozess. Nach der großen Politik, in der ich mich ja zwei Jahre als Kulturstaatsminister bewegt habe, komme ich nun in eine andere Welt, in der Politik wesentlich konkreter ist. Ich lerne, um welche nur scheinbar kleinen Probleme es in der Kommunalpolitik geht, die aber in den Alltag von Tausenden reichen. Ich rede den ganzen Tag mit Parteimitgliedern und Experten - ein intensiver Hamburg-Crashkurs.

SPIEGEL ONLINE: Sie erleben die Lokalpolitik als Abenteuer, als neuen Kick?

Naumann: Kein Kick. Es geht um ernsthafte Dinge. Natürlich gibt es Überraschungen. Zum Beispiel die vielen gleichsam parteigenealogischen Verbindungen, die kennen muss, wer überzeugen will. Ich werde mich jedenfalls nicht einfach hinstellen und sagen: Das machen wir jetzt so. Die Parteifreunde haben über die Jahre hinweg ein sehr detailliertes Wissen erworben. Dieses Wissen muss ich zu nutzen lernen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit 99,1 Prozent gewählt worden. Glauben Sie, dass Sie tatsächlich so beliebt sind?

Naumann: Das Ergebnis ist auch der vorangegangenen Krise im Landesverband geschuldet. Die Delegierten haben gesagt: Schluss mit dem Streit. Aber die inhaltlichen Positionsdifferenzen, die hinter der Auseinandersetzung zwischen Mathias Petersen und Dorothee Stapelfeldt lagen, sind nicht mit meiner Wahl verschwunden. Das ist auch legitim. Dass ein neuer Kandidat da ist, heißt nicht, dass nur Tabula Rasa gemacht wird. Ich will und werde diese verschiedenen Positionen zu einem prinzipiellen Konsens führen. Es ist in der Aufregung der letzten Wochen vorübergehend vergessen worden, dass innerparteiliche Kompromisse zum Wesen von Politik gehören. Aber diese Phase ist eigentlich schon vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Welches Klischee über Sie stört Sie am meisten?

Naumann: Schöngeist. Stammt übrigens von Bölling: "Der Schöngeist geht einen schweren Gang."

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Zitat haben Sie sich als Schöngeist geoutet.

Naumann: Geoutet? Wieso? Es ist ja keine Schande. Aber mit meinem Berufsleben hat das Etikett nicht viel zu tun. Ich habe mittelständische Unternehmen geleitet, mit 250 Mitarbeitern. In dem Attribut Schöngeist steckt ja eine merkwürdige Weltsicht. In ihr gibt es eine Gesellschaft, in der wir nicht lesen und keine Musik hören, sondern nur Mehrwert akkumulieren. Und dann gibt es die Parallelwelt der Schöngeister: Die sitzen im Elfenbeinturm und schauen den anderen beim Arbeiten zu. Ich war aber immer ein Mensch, der Bücher gelesen hat und Musik liebt und viel gearbeitet hat.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es eigentlich, dass Sie morgens um sechs in der Badewanne Gedichte lesen, wie "Bild" schrieb?

Naumann: Das stimmt nicht. Ich habe irgendwann einmal dem Poeten Peter Rühmkorf erzählt, dass es Momente gab, in denen ich versucht habe, seine Gedichte auswendig zu lernen, und dass ich dabei in der Badewanne saß. Aber das ist jetzt 22 Jahre her.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben "Bild" schon häufiger kritisiert. Kann man Wahlkampf gegen die Springer-Presse machen, zumal in einer Stadt, die von Springer-Blättern dominiert ist?

Naumann: Ich habe mich aus gegebenem Anlass über die "Bild"-Zeitung beklagt. Im "Hamburger Abendblatt" und in der "Welt" werde ich jedenfalls nicht dargestellt als "Maßschuhträger", was nicht stimmt. Ich werde auch nicht in einem Smoking abgebildet, den ich nur einmal im Jahr trage. Aber das ist für mich kein Thema mehr.

SPIEGEL ONLINE: Um das abgehobene Image loszuwerden, verweisen Sie in Interviews nun auf Ihre arme Kindheit und sagen, Sie seien ein "ganz normaler Zeitgenosse". Kauft Ihnen das jemand ab?

Naumann: Seltsam. Ich kämpfe nicht gegen Imageprobleme. Aber ich will mich nicht verstellen lassen - das ist alles. Ich bin kein Proletarierjunge. Ich komme aus einem gutbürgerlichen Haus, mein Vater war Rechtsanwalt. Aber ich gehöre zu jener Generation, die nach dem Krieg unten war, und zwar richtig unten. Ich weiß, was es heißt, tagelang von trocken Brot zu leben. Wir haben als Flüchtlinge auf Apfelsinenkisten in Ruinen gesessen. Das sage ich, wenn mir jemand vorwirft, ich wisse nicht, was es heißt, arm zu sein. Da lernt man früh "Sozialdemokratie".

Michael Naumann erklärt, warum Michael Bloomberg kein Vorbild für ihn ist und er sich nicht die Haare färbt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein politischer Seiteneinsteiger, präsentieren sich als Managertyp - genau wie Michael Bloomberg, der Bürgermeister von New York. Ist der ein Vorbild für Sie?

Naumann: Nein. Wie kann ein Milliardär für einen normalen Menschen ein Vorbild sein? Aber tatsächlich gibt es andere Modelle angemessener Führung. Es gibt in Hamburg einen Nine-to-five-Bürgermeister, einerseits, der am Wochenende bei der Ernennung des Ehrenbürgers Siegfried Lenz nicht die Zeit findet, von Sylt ins Rathaus zu kommen. Diese Form der präsidialen Führung ist mir andererseits nicht in die Wiege gelegt. Ich bin kein Workaholic, aber fleißig. Im Übrigen finde ich, dass ein Bürgermeister zuerst die Richtlinien der Politik bestimmen sollte, statt sie später nur zu repräsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen gerne Basta wie Ihr Freund Gerhard Schröder?

Naumann: Ach. Ich ziehe ein kleines Rettungsboot hinter meinem Segelboot her, das heißt Basta (lacht). Wenn genug diskutiert wurde, muss ein Bürgermeister jedenfalls sagen: So machen wir es, oder so machen wir es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Dies ist Ihr zweiter Wahlkampf nach dem Bundestagswahlkampf 1998…

Naumann: …das war eine aufregende und lehrreiche Erfahrung. Jeden Tag vier, fünf Auftritte. Das Adrenalin fließt, wer will das bestreiten?

SPIEGEL ONLINE: Wie bereiten Sie sich jetzt vor? Nehmen Sie Rhetorikunterricht?

Naumann: Ich nehme keinen Rhetorikunterricht, auch keinen Fernsehunterricht, ich werde mich nicht schminken, und ich werde mir auch nicht die Haare färben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 65 Jahre alt. Ein Herausforderer, der älter ist als der Amtsinhaber - das ist nicht gerade ein Aufbruchsignal. Hat die SPD ein Nachwuchsproblem?

Naumann: Natürlich nicht. Es ist ja keine Schande, 65 Jahre alt zu sein. Eine Ehre ist es natürlich auch nicht. Aber Lebenserfahrung bringe ich mit.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie gegen einen populären Bürgermeister gewinnen, der gute Wirtschaftszahlen vorzuweisen hat?

Naumann: Indem ich die Wahrheit erzähle. Hamburg ist pro Kopf der Bevölkerung die höchstverschuldete Stadt nach Berlin und Bremen. Wir haben nicht etwa 15.000 Euro pro Kopf Staatsschulden, wie der Senat immer behauptet, sondern 17.000 Euro. Die Verschuldung ist stark gestiegen in den letzten Jahren. Für eine bessere Optik sorgt derzeit nur der Wirtschaftsaufschwung, der vor allem den rot-grünen Reformen zu verdanken ist.

SPIEGEL ONLINE: Obendrein wildert Ole von Beust mit seinem Programm für benachteiligte Stadtviertel auch auf sozialdemokratischem Terrain.

Naumann: Er hat unter Hamburgs 15 Problemvierteln fünf entdeckt und schüttet sein kleines Füllhorn sozialer Benevolenz über sie aus. Zu spät. Gleichzeitig kürzt er Stellen beim Quartiersmanagement und bei der Polizei.

SPIEGEL ONLINE: Welche Zielgruppe müssen Sie ansprechen, um die Wahl zu gewinnen?

Naumann: Alle Hamburger natürlich, aber vor allem die von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht und die Arbeiter. Sie alle erleben nun schon allzu lange, dass sich ihre Einkommenssituation nicht wirklich verbessert.

SPIEGEL ONLINE: Daran können Sie als Bürgermeister aber nichts ändern.

Naumann: Wenn wir die Wahlen gewinnen, wird es sofort neue Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen geben. Dafür werden wir über 100 Millionen Euro pro Jahr ausgeben.

SPIEGEL ONLINE: Klaus Wowereit hat den Satz geprägt: Berlin ist arm, aber sexy. Was sagen Sie?

Naumann: Hamburg ist solider und schöner.

SPIEGEL ONLINE: Bei Landtagswahlen spielt meist auch die Bundespolitik eine Rolle. Aus der Bundes-SPD kommt im Moment kein Rückenwind. Erfüllt Sie das mit Sorge?

Naumann: Nein. Juniorpartner in einer Großen Koalition ist eben ein undankbares Geschäft. In Hamburg hat die SPD im nächsten Jahr große Chancen. Berlin braucht die Metropolen. Darum wird das hier ein Wahlkampf, bei dem die Zukunft der SPD in den Metropolen mit definiert wird.

Das Interview führte Carsten Volkery

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