Müllskandal Deo aus Nebelkanonen
Berlin - Kummer mit Müll ist der Rentner aus Berlin gewohnt: Seit 1971 besitzt Heinz Franke ein Wochenendhäuschen am idyllischen Motzener See in Brandenburg. Schon zu DDR-Zeiten vermieste ihm die nahe gelegene Mülldeponie Schöneiche mit ihrem Gestank so manchen Abend im Garten. "Doch so schlimm wie jetzt war es noch nie", sagt der wehrhafte Rentner Franke, 69. "Bestialisch" seien die Schwaden, die von der Großdeponie herüberwehen. Dabei sollte doch seit zwei Jahren im ewigen Kampf mit dem deutschen Hausmüll alles besser sein - bundesweit.
Denn seit Juni 2005 darf unbehandelter Hausmüll nicht mehr einfach auf Deponien gekippt werden. Die Technische Anleitung Siedlungsabfall brachte theoretisch das endgültige Aus für das stinkende und manchmal giftige Ex-und-hopp-Verfahren nach dem Motto: Vergraben und Vergessen.
Der deutsche Zivilisationsdreck von über 24 Millionen Tonnen jährlich muss seitdem entweder in den rund 70 Müllverbrennungsanlagen verfeuert oder in mechanisch-biologischen Anlagen (MBA) sortiert und behandelt werden. Für 1,3 Milliarden Euro wurden an bundesweit 50 Standorten MBA aufgebaut, die ein Viertel des Drecks beseitigen sollten.
Desaster statt Heilsbringer
Doch das Urteil in der Branche über den vermeintlichen Heilsbringer MBA ist nach knapp zwei Jahren desaströs: "Die seinerzeitige Vorstellung, die mechanisch-biologische Abfallbehandlung könne die ungeliebte Verbrennung vermeiden, war ein Trugschluss", klagte bereits das Bundesumweltamt. Außerdem habe sich das neue Verfahren auch im Vergleich zur herkömmlichen Abfallverbrennung "nicht als kostengünstigere Entsorgung erwiesen".
Die Folgen beschäftigen inzwischen Bundesregierung, Staatsanwaltschaften und Bürgerinitiativen. Neue Müllberge wachsen in den Himmel, Millionen Tonnen Müll werden illegal weggekippt. Ein MBA-Betreiber, der Energieriese EnBW, schloss bereits zermürbt seine Anlagen und verabschiedet sich nach Millionenverlusten ganz aus dem Müllgeschäft. 1,5 Millionen Tonnen Hausmüll türmen sich zurzeit in Zwischenlagern, weil es nicht genug Verbrennungsöfen gibt, um den Entsorgungsnotstand abzufedern.
Dabei klang alles so gut: Das Verfahren in mechanisch-biologischen Anlagen sollte auf zwei Wegen noch möglichst viel aus dem Hausmüll rausholen: Zuerst werden wiederverwertbare Stoffe wie Metall und Holz abgetrennt. Dann sortieren die Anlagen ein Gemisch aus Papier, Plastik und Pappe aus, im Mülldeutsch "heizwertreiche Fraktion" genannt. Der Materialmix soll als Brennstoff eingesetzt werden - etwa in Kraftwerken oder Zementöfen. Alles Biologische im Hausmüll soll hingegen im sogenannten Rotte-Verfahren auf Halden oder in Hallen beschleunigt vergammeln, bis es problemlos deponiert werden kann.
MBA-Müll stinkt bestialisch
Doch beide Produkte der MBA - das Brennmaterial und die Gammelmasse - sorgen für erhebliche Probleme: Das Rotte-Verfahren bringt mit Gärungsgasen beispielsweise Kessel zum Platzen. Der MBA-Müll stinkt derart zum Himmel, dass verzweifelte Betreiber bereits mit Nebelkanonen Deo versprühten - vergebens. Der Energiemulti EnBW hatte mit massiven Bürgerprotesten gegen seine Müllanlagen zu kämpfen. Sein Vorstandsvorsitzender Utz Claasen hält "eine wirtschaftlich tragbare technische Sanierung" für "nicht mehr darstellbar".
160 Millionen Euro belasteten die Bilanz des Unternehmens für den abgebrochenen Ausflug ins Müllgeschäft durch Investitionen in die neuen Anlagen und Rückstellungen bis 2020 - denn so lange sollte der Entsorgungsvertrag mit Teilen der kommunalen Abfallwirtschaft in Baden-Württemberg laufen. Der Müll aus dem Ländle musste stattdessen schon zur Verbrennung nach Nordrhein-Westfalen und bis in die Schweiz gekarrt werden.
Wie der Entsorgungsstau Mülltourismus und dubiose Geschäfte fördert
Das EnBW-Desaster sei nur ein Vorbote, unken Experten. Bernd Bilitewski, Dresdner Professor für Abfallwirtschaft, warnte bereits, die neue Technik sei weitgehend gescheitert: "Probleme mit nichtfunktionierenden Anlagen werden in den nächsten Jahren Landkreise und Städte, die sich auf diese Technik eingelassen haben, noch sehr viel Geld kosten."
Doch nicht nur unsortierter Hausmüll türmt sich inzwischen in Notlagern, auch die in den MBA umständlich als "Energieträger" gewonnene "heizwertreiche Fraktion" wächst in den Himmel. Denn es fehlen die Abnehmer - obwohl die MBA-Betreiber den Kraftwerken im Durchschnitt sogar noch 75 Euro pro Tonne draufzahlen, damit sie den Restmüll verfeuern.
Landen Millionen Tonnen Hausmüll in Bergbaugruben?
Allein in Brandenburg stapeln sich 100.000 Tonnen Brennstoff in einem neuangelegten Zwischenlager bei Senftenberg, ein Genehmigungsverfahren für weitere 100.000 Tonnen läuft bereits. Im beschönigenden Mülldeutsch heißt das aber nicht Zwischenlager, sondern: Transportunterbrechung. Immer wieder kommt es in solchen Zwischenlagern zu gefährlichen Schwelbränden.
Der Entsorgungsstau in Deutschland fördert den Mülltourismus und dubiose Geschäfte. Der Vorstandsvorsitzende des Verbands Kommunale Abfallwirtschaft, Rüdiger Siechau, schimpfte, Abfall gehe immer den "Weg des geringsten Geldes": Unbehandelter Hausmüll werde wieder auf Deponien zwischengelagert, exportiert oder illegal verscharrt. Denn rund 40 Milliarden Euro werden pro Jahr im Müllgeschäft umgesetzt - das lockt zweifelhafte Gestalten.
Das Kompetenznetzwerk Mitteldeutsche Entsorgungswirtschaft schätzt, dass rund sieben Millionen Tonnen Müll jährlich illegal entsorgt werden. Das entspricht der Ladung von mehr als 700.000 Müllwagen. Ein beliebter Trick: Die stinkende Fracht verschwindet in Tongruben und Tagebauen, die nicht den strengen Kontrollen des Abfallrechts, sondern dem Bergrecht unterliegen. Bauschutt und Bodenaushub etwa dürfen dort vergraben werden.
Doch nun besteht der Verdacht, dass Müll-Dealer auch unbehandelten Hausmüll - mit Erde vermischt oder falsch deklariert - in solchen Gruben abkippen. In Sachsen-Anhalt leitete die Staatsanwaltschaft Stendal ein Ermittlungsverfahren gegen Grubenbesitzer ein. Im Bundesumweltministerium wird bereits an einer Verordnung gebastelt, die das Schlupfloch im Bergrecht schleunigst schließen soll.
Zugleich müht sich die Müllwirtschaft, die Folgen aus dem MBA-Problem aufzufangen - durch herkömmliche Brennkessel. Quer durch die Republik laufen derzeit Bauvorhaben für 40 neue Müllverbrennungsanlagen. Würden sie tatsächlich alle gebaut, entstünden dann sogar Überkapazitäten. Und der Müllstandort Deutschland droht, mit Dumpingpreisen zum Importeur für Dreck aus der ganzen Welt zu werden.