Muslime gegen Terror: Protest mit Tücken - DER SPIEGEL
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Muslime gegen Terror Protest mit Tücken

Am Sonntag wollen erstmals bis zu 30.000 Muslime gegen islamistische Gewalt auf die Straße gehen. Doch die muslimischen Verbände bleiben zerstritten – selbst nach dem Brandanschlag auf eine Moschee der veranstaltenden Organisation.
Von David Costanzo
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Es ist selten, dass die Grünen-Chefin Claudia Roth Seite an Seite mit dem bayerischen CSU-Innenminister Günther Beckstein für ein Ziel marschiert. Bei der muslimischen Anti-Terror-Demonstration am Sonntag wird das anders sein. Da versammeln sich Politiker aller Parteien zu einer ganz großen Koalition der Unterstützer. Auch viele Vertreter christlicher und jüdischer Gemeinden haben sich angesagt.

So groß ist die Erleichterung darüber, dass die Muslime in Deutschland endlich auf die Straße gehen. Bis zu 30.000 Menschen erwarten die Veranstalter zur Demonstration unter dem Motto "Gemeinsam für Frieden und gegen Terror" am Sonntag in Köln. "Wir wissen, dass die deutsche Öffentlichkeit dieses Zeichen von uns erwartet", sagt Mehmet Yildirim vom organisierenden Verband Ditib. Es ist die erste große Protestaktion der Muslime in Deutschland.

Während aber die Reihen der deutschen Politiker geschlossen stehen, bröckelt dagegen die Front unter den Muslimen. Die Glaubensverbände in Deutschland sind zerstritten, mehrere Organisationen versagen der Demonstration ihre Unterstützung. Prominente Vertreter etwa der türkischen Community werden auch nicht da sein. "Da wird viel verschenkt", kritisiert der grüne Europaabgeordnete Cem Özdemir, "das wird eine rein türkisch-islamisch-sunnitische Veranstaltung."

Im Islam gibt es keine Amtskirche, sondern viele Glaubensrichtungen, die von unterschiedlichen Organisationen getragen werden. Der mit 150.000 Mitgliedern größte Dachverband in Deutschland veranstaltet die Kölner Demonstration - die Türkisch-Islamische Union der Anstalt der Religion, kurz: Ditib. Der Verband vertritt zwar moderate Glaubenspositionen, aber auch einen sehr strengen Vertretungsanspruch der Muslime in Deutschland, verbunden mit einem straffen, hierarchischen Verbandsapparat.

Die Organisation der Kölner Demo hat Ditib im Alleingang durchgezogen. "Wir haben aber alle anderen Verbände eingeladen", sagt Mehmet Yildirim, Ditib-Generalsekretär. Die Vertreter der anderen Organisationen erklären, sie hätten zuerst aus den Zeitungen von der Demonstration erfahren. "Nicht einmal bei den wichtigsten Fragen können die Verbände zusammenarbeiten", lästert Bülent Arslan, Chef des Deutsch-Türkischen Forums in der nordrhein-westfälischen CDU.

Hintergrund ist die Organisation von Ditib. Der Verband orientiert sich stark an der Türkei, der Chef ist türkischer Beamter, der "per ordre de mufti" - wie Özdemir es nennt - entsandt wird. Ditib weigere sich hartnäckig mit den anderen Organisationen zusammenzuarbeiten. Özdemir habe schon früher versucht einen gemeinsamen Aufruf aller deutschen Muslime gegen islamistischen Terror durchzusetzen - vergeblich. "Ditib unterschreibt nichts, was nicht aus ihrem Haus kommt."

Die vom Verfassungsschutz beobachtete Organisation Milli Görüs sei dagegen damals unter den Unterzeichnern gewesen. Milli Görüs dominiert den zweitgrößten muslimischen Verband in Deutschland, den Islamrat. Der wird die Kölner Demo nicht mittragen. Ebenso wird der drittgrößte Verband, der Zentralrat der Muslime, seine Mitglieder nicht zur Teilnahme auffordern, erklärte deren Vorsitzender Nadeem Elyas.

Immerhin: Die Verbände stehen hinter dem Ziel der Ditib-Demonstration. Erst recht nach dem Brandanschlag auf eine Moschee am Donnerstag in Sinsheim. Sie wird von Ditib getragen. "Eine schreckliche, eine abscheuliche Tat", sagt Generalsekretär Yildirim. Ob es einen Zusammenhang zur geplanten Demonstration gibt, ist unklar. Die Polizei tappt im Dunkeln.

Denkbar ist sogar, dass islamische Fundamentalisten den Brandsatz warfen. Yildirim schließt das nicht aus. "Das war ein Verrückter, der Unruhe stiften will", sagt er. An der geplanten Demonstration werde das nichts ändern. "Wir alle gehen für eine gute Sache auf die Straße", sagt der Generalsekretär, "davon hält uns keiner ab."