meinung •Die Lage am Abend Die CDU blamiert sich mit ihrer Kuppel-Show
Die drei Fragezeichen heute:
CDU-Patzer – Ist das der Reichstag oder nicht?
SPD-Patzer – Leidet Faesers Partei an Wortfindungschwierigkeiten?
Bergkarabach – Haben die Armenier kapituliert?
1. Dem georgischen Volke?
Das hätten sich »Titanic« und »Postillon« nicht besser ausdenken können: Die CDU hat in ihrem neuen Imagefilm den Reichstag mit dem georgischen Präsidentenpalast verwechselt und die falsche Kuppel reingeschnitten (hier mehr dazu). Es stellen sich Anschlussfragen: Was war da los im Konrad-Adenauer-Haus, als der Fehler auffiel? Wer hat’s dem Chef gesagt? Und wie?
Vielleicht war’s Generalsekretär Linnemann, der gerade noch stolz und mit unerschütterlicher Christian-Lindner-Verve das neue CDU-Logo und die neuen Parteifarben präsentiert hatte. (Kein Witz: »Cadenabbia«-Türkis und »Rhöndorf«-Blau sind nach dem Urlaubs- und dem Wohnort Adenauers benannt. Sie stehen laut Linnemann für »Freiheit, Vitalität, Dynamik« und für »Sicherheit, Substanz, Kompetenz« – »so wollen wir die Zukunft gewinnen.«) Ganz vielleicht schlich Linnemann ins Chefbüro: Friedrich, ich hab’ eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Im neuen Imagefilm zeigen wir die Merkel nur ganz kurz und den Kiesinger gar nicht, damit Platz für dich ist. Die schlechte: Beim Parlament müssen wir nacharbeiten.
Wichtige Lektionen der Krisenkommunikation: Korrigiere Fehler transparent, duck dich nicht weg. Die CDU hat sie befolgt und getwittert : »Hey Community, großen Dank für Eure zahlreichen Hinweise! Wir hatten echt viele Kuppeln zur Auswahl und haben uns jetzt für die einzig richtige entschieden.« Dazu die Bilder vom Reichstag, dem Präsidentenpalast, einer Käseglocke und einem Foto, von dem Google sagt, es sei das Kapitol in Wisconsin. Und einem 😅. Sofort hat man wieder Linnemann im Ohr: Der Smiley steht für Modernität, Selbstironie, Aufbruch.
Lesen Sie hier mehr: Wie drei miteinander tuschelnde Dorfpfarrer am Rande des CSD
2. Faeser im Innenausschuss – ja, das ist eine Nachricht
Fehler macht natürlich nicht nur die CDU; auch die SPD braucht für Spott nicht zu sorgen: Im hessischen Wahlprogramm der Sozialdemokraten heißt es, Nicht-EU-Ausländer sollen »nach sechs Monaten in Deutschland« bei Kommunalwahlen abstimmen dürfen. Gemeint waren aber »Jahre«. (Hier mehr dazu.)
Die SPD-Spitzenkandidatin Nancy Faeser, im Nebenjob Bundesinnenministerin, hat heute einen anderen, für sie eher unerfreulichen Termin hinter sich gebracht: Im Innenausschuss des Bundestages äußerte sie sich zum Fall Schönbohm (hier mehr Hintergründe ), nachdem sie mehrfach abgesagt hatte.
Faeser gab sich kämpferisch. »Ich habe umfassend alle Fragen beantworten können und auch alle Vorwürfe ausgeräumt«, sagte sie nach der nicht öffentlichen Anhörung. Die Opposition sieht das anders. Böser Verdacht: Womöglich hat Faeser die Wörter »alle« und »einige« verwechselt.
Lesen Sie hier mehr: Wie Nancy Faeser zur Belastung für Olaf Scholz wird
3. Kapitulation im Kaukasus
Die Armenier in Bergkarabach haben offenbar zugestimmt, den Widerstand gegen die Truppen Aserbaidschans aufzugeben und ihre Waffen niederzulegen. Es wäre eine Kapitulation.
»Drei Kriege sind in den letzten Jahrzehnten um Bergkarabach geführt worden«, sagt mein Kollege Christian Esch. »Der erste endete 1994 nach Jahren mit einem Sieg der armenischen Seite. Der zweite endete 2020 nach eineinhalb Monaten mit einem Sieg der Aserbaidschaner. Der dritte, dessen Zeuge wir soeben geworden sind, dauerte nicht einmal 24 Stunden.« Nach ihm werde es voraussichtlich keine Kriege dort mehr geben: »Er hat nämlich mit der vollständigen Kapitulation einer Seite geendet. Ob es anschließend überhaupt noch ein armenisch besiedeltes Bergkarabach auf dem Territorium Aserbaidschans geben wird, das ist höchst ungewiss.«
Der aserbaidschanische Diktator Ilham Alijew habe damit genau das erreicht, was er stets wollte und was er im Mai in brutaler Einfachheit formulierte: dass die Separatisten »ihren Nacken beugen«. Das Nachbarland Armenien habe die Landsleute in Bergkarabach militärisch im Stich gelassen, um nicht selbst zum Opfer zu werden.
Lesen Sie hier den ganzen Kommentar: Kapitulation mit Zuschauern
Was heute sonst noch wichtig ist
Mehrwertsteuer auf Gas soll bald wieder steigen: Auf dem Höhepunkt der Energiekrise hat die Regierung den Steuersatz auf Gas und Fernwärme gesenkt. Nun soll die Entlastung für Millionen Haushalte früher enden als geplant. Energieversorger, Länder und Opposition kritisieren den Plan.
Deutsche Konzerne investieren verstärkt in China: Die Bundesregierung pocht eigentlich auf eine Strategie des »De-Risking« gegenüber China. Doch eine Auswertung der Auslandsinvestitionen zeigt: Im ersten Halbjahr setzten deutsche Firmen sogar noch stärker auf China als bisher.
»New York Times«-Recherche deutet auf Ukraine als Verursacher von Raketeneinschlag hin: Bei einem Raketeneinschlag in der Ostukraine starben Anfang September mindestens 16 Menschen. Kiew machte dafür umgehend Moskau verantwortlich. Die »New York Times« will nun Belege haben, die ein anderes Bild ergeben.
Wohnungen in München sind deutlich überbewertet – trotz Zinskrise: Wo ist die Gefahr am größten, dass die Immobilienblase platzt? Die Lage in Frankfurt und München hat sich laut einer Studie etwas entspannt. Doch im Vergleich sieht es in der »Weltstadt mit Herz« noch immer schlecht aus.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Wie der Justizminister die Justiz gegen sich aufbringt: Marco Buschmann will Hauptverhandlungen in Strafprozessen verpflichtend mitschneiden lassen. Verteidiger hoffen auf mehr Kontrolle. Doch manche Richter fühlen sich verdächtigt – und buhten den FDP-Justizminister aus .
Wohin steuert Deutschlands größte Produktionsfirma? Mit »Unsere Mütter, unsere Väter« trieb er die Debatte voran, die Ufa führte er durch Krisenzeiten: Nun tritt Nico Hofmann als CEO ab. Sein Nachfolger muss in einem nervösen, zersplitterten TV-Markt Leuchttürme schaffen .
»Sie schämt sich, eine Faschistin zu sein«: Giorgia Meloni hat ihre Karriere als Mussolini-Fan begonnen. Ihre Innenpolitik ist nationalistisch und ausgrenzend. Doch im Ausland gibt sie sich moderat – bislang. Was will sie wirklich?
Aus der »Bild«-Kolumne auf die DFB-Trainerbank: Das Experiment, einen Bundestrainer nur für kurze Zeit zu benennen, hat der DFB schon einmal gewagt: Aus dem geplanten einen Jahr mit Franz Beckenbauer wurden jedoch sechs – mit dem WM-Titel als Krönung.
Was heute weniger wichtig ist
Rosenstolz: Pop-Superstar Rihanna, 35, hat nach der Geburt ihres zweiten Kindes erstmals Fotos des Jungen in den sozialen Medien veröffentlicht. »Willkommen in der Welt Riot Rose«, schrieb die Sängerin auf Instagram zu mehreren Bildern des Säuglings in einem rosa Strampelanzug mit weißen Söckchen. Bei den Kommentatoren herrschte allerdings Irritation: »Ich bin ganz verwirrt, erklärt mir bitte, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen hat.«
Mini-Hohlspiegel
Aus den »Brettener Nachrichten«: »Umgeben von Wiesen und Wäldern inmitten eines Naturschutzgebiets wird der See oft von Naturliebhabern, Spaziergängern, Sportlern und Menschen aufgesucht.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Illustration: Thomas Plaßmann
Und heute Abend?
Könnten Sie es machen wie etwa 25 Millionen andere Netflix-Nutzerinnen und -Nutzer: Sie könnten die düstere deutsche Psychothriller-Miniserie »Liebes Kind« gucken. Sie hat sich nach Angaben des Streamingdienstes schon nach wenigen Tagen zu einem Hit entwickelt. Die Serie steht laut Netflix schon zum zweiten Mal in Folge auf Platz eins der weltweiten Rangliste der nicht englischsprachigen Serien und befand sich demnach in mehr als 90 Ländern in den Serien-Top-10 (hier mehr dazu).
Szenenbild aus der Netflix-Serie »Liebes Kind«
Foto:- / dpa
Mein Kollege Oliver Kaever findet: »Schon wieder geht es hier um entführte, gedemütigte Frauen. Aber ›Liebes Kind‹ macht alles anders als voyeuristische Vorgänger – ein Krimi-Kammerspiel der Extraklasse.« (Hier die ganze Rezension .)
Ich wünsche Ihnen einen spannenden, aber entspannten Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion