News des Tages: Elterngeld, Alexey Moskaljow, Threads oder Twitter - DER SPIEGEL
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Oliver Trenkamp

meinung •Die Lage am Abend Elterngeld für Gutverdiener? Nur unter einer Bedingung!

Die drei Fragezeichen heute:

  1. Streit übers Elterngeld – Warum Gutverdiener subventionieren?

  2. Russland – Warum fordert Maschas Vater die Todesstrafe für sich?

  3. Twitter-Konkurrenz »Threads« – Lohnt die neue Meta-Ebene?

1. Elterngeld und Elternweltreise

Wie gemein von der FDP, wir müssen beim Elterngeld kürzen, jammern die Grünen. Wie dumm von den Grünen, spart doch woanders, wettert die FDP. Zufrieden scheint in der Ampel kaum jemand zu sein mit dem Vorstoß von Familienministerin Paus, dass viele gut verdienende Eltern das Elterngeld nicht mehr bekommen sollen: Familien, die mehr als 150.000 Euro im Jahr verdienen, sollen ihren Anspruch nämlich verlieren (bislang liegt die Grenze bei 300.000 Euro). Selbst Paus wirkt tief getroffen von ihrer eigenen Idee: Sie habe nun mal entscheiden müssen, ob sie das Elterngeld insgesamt kürze oder eben den Bezieherkreis einschränke: »Für die Gleichstellung, in der Tat, ist das kein Glanzstück«, sagt sie. (Hier mehr.)

Beim familienpolitischen Infight auf Sandkastenniveau will die Union natürlich nicht zuschauen, sondern auch der SPD einen mitgeben: So verdammt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst von der CDU den Vorschlag heute als fatal: »Die neuen Kürzungspläne der SPD-geführten Bundesregierung sind ein schwerer Schlag für künftige Eltern und Familien.« (Hier mehr dazu.)

Je größer die Empörung, je emotionaler die Debatte, desto heilsamer der Blick auf die Zahlen. Schon einmal ist die Grenze abgesenkt worden, von 500.000 auf 300.000 Euro, vor wenigen Jahren, ohne viel Aufhebens. Die Begründung damals: »Bei einem derart hohen Einkommen ist davon auszugehen, dass Elterngeld für die Entscheidung, in welchem Umfang zugunsten der Betreuung des Kindes auf Erwerbstätigkeit verzichtet werden soll, unerheblich ist.« Selbst bei gestiegenen Preisen für Windeln, Kinderkleidung, Babybreis gilt das im Wesentlichen auch für die etwa 60.000 Familien, die wohl künftig aufs Elterngeld verzichten müssten. Zumal, wie ein Kollege bei der »Wirtschaftswoche« ausgerechnet  hat, »ein Paar mit zu versteuernden 150.000 Euro im Jahr gemeinsam durchaus weit über 200.000 Euro brutto verdienen« kann, wenn man Freibeträge, Werbungskosten und Altersvorsorge berücksichtigt. Einige Zehntausend Sehr-gut-Verdienende bekommen also kein Elterngeld mehr – sie ärgern sich darüber, das ist verständlich; die allermeisten werden es aber verschmerzen können.

Aber was ist mit der Gleichstellung? Liefert der Vorstoß den Männern, die noch immer oft mehr verdienen, die Ausrede, es lohne sich noch weniger, zu Hause zu bleiben? Mag sein. Allerdings gehört zur Wahrheit: Das Elterngeld hat selten die erhoffte Wirkung, dass Paare sich die Erziehungsarbeit fairer teilen. Erst Ende vergangenen Jahres zeigte eine Studie erneut: Nur jeder zehnte Vater nimmt mehr als zwei Monate Elternzeit. Und die meisten Väter absolvieren sie gemeinsam mit ihrer Partnerin: »Väter übernehmen kaum alleinige Verantwortung für die Kinderbetreuung.« Bessert das Elterngeld nicht viel zu oft die Reisekasse für den Acht-Wochen-Urlaub in Neuseeland auf? (Hier mehr zur Studie.)

Vorschlag zur Güte: Auch Sehr-gut-Verdiener jenseits der 150.000-Grenze bekommen Elterngeld – aber nur, wenn sie sich die Elternzeit hälftig aufteilen. Jede Wette, Ministerin Paus würde ihre Sparvorgaben trotzdem einhalten können.

  • Was denken Sie? Schreiben Sie mir gern an lageamabend@spiegel.de . Eine Auswahl der Zusendungen veröffentlichen wir morgen.

2. Ein Vater will sterben

Zwischen all den erschütternden Grausamkeiten, die über den Krieg in der Ukraine zu lesen sind, gibt es immer wieder Figuren und Geschichten, die mich besonders berühren. Heute ist es die Meldung über Alexey Moskaljow, 54, der wegen »Diskreditierung der Armee« in russischer Haft sitzt, ein Gericht in der Stadt Tusla hat das Urteil jetzt bestätigt.

Seine Tochter Mascha, heute 13, malte vor gut einem Jahr im Zeichenunterricht ein Bild, das der Lehrerin nicht gefiel: Die Schülerin zeichnete zwei Menschen, eine Frau und ein Mädchen. Die Frau auf Maschas Bild scheint mit der bloßen Hand Raketen abzuwehren, die aus Richtung Russland auf sie fliegen. Auf eine russische Flagge schrieb das Mädchen »Nein zum Krieg« und auf eine ukrainische Flagge »Ruhm der Ukraine«. Den Berichten zufolge schaltete die Schulleiterin die Polizei ein, das Kind kam ins Heim, der Vater in Haft. (Hier die ganze Geschichte .)

Heute nun verlas Moskaljow vor Gericht einen Brief seiner Tochter Mascha. Darin schreibt das Mädchen, wie sehr sie ihren Vater liebt und vermisst. Anschließend bat der Vater, ihn »zur Todesstrafe zu verurteilen und diese so schnell wie möglich zu vollstrecken«. Die Trennung von seiner Tochter sei für ihn unerträglich.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Selenskyj dankt Scholz für »sehr kraftvolle« Flugabwehrwaffen: Das Flugabwehrsystem Iris-T macht für die Ukraine bei der Verteidigung gegen Russland laut Präsident Selenskyj einen Unterschied. Er drängt auf weitere Unterstützung – und auf einen europäischen Raketenschutzschirm.

  • So stört Russland Kiews schlaue Bomben: Russlands digitale Störattacken galten in der Ukraine als wenig erfolgreich. Das hat sich geändert, wie geheime US-Dokumente zeigen .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

3. Neue Meta-Ebene

Bei Twitter bleiben, zu Mastodon wechseln, nur noch Insta gucken, doch mal TikTok ausprobieren – oder alle Zeitfresser-Apps löschen? Elon Musks Spar- und Schlingerkurs lässt selbst ehemalige Twitter-Aficionados zweifeln, ob sie der Plattform treu bleiben sollen. Klar, dass die Konkurrenz versucht, diese Leute zu locken.

Bei Mastodon allerdings verbringen viele viel Zeit damit, ihrer alten Twitter-Gang nachzuspüren, mit wachsender Frustration, sagt mein Kollege Matthias Kremp aus unserem Netzwelt-Ressort: »Wie in Panik haben sich Hunderttausende verunsicherte Twitter-Nutzer dem dezentralen sozialen Netzwerk angeschlossen, aber nicht alle sind dort aktiv, wohl weil sie dort ihre Leute vermissen – oder schlicht nicht wiederfinden.«

Jetzt will der Facebook-Konzern Meta die Suchenden einfangen: Er bereitet die Einführung der App »Threads« vor. »Meta hat es leichter und will Abermillionen Instagram-Nutzerinnen und -Nutzer quasi per Mausklick in sein Threads-Netzwerk überführen«, sagt Matthias. »Die Suche nach Freunden hat sich damit im Grunde erledigt, die sind im Zweifel alle schon da.« Er selbst will sich auch , natürlich nur aus beruflicher Neugier.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Was über Israels Angriff auf Dschenin bekannt ist: Mit Bulldozern rollt Israels Militär durch die palästinensische Stadt Dschenin. Der Einsatz soll sich gegen ein Flüchtlingscamp richten, das Israel als »Terroristenhochburg« bezeichnet. Was steckt dahinter? Der Überblick.

  • »Sie wollten meine Frau und unsere beiden kleinen Kinder im Schlaf ermorden«: Erst attackierten sie das Rathaus, dann das Haus von Bürgermeister Vincent Jeanbrun. Seine Familie musste vor den Gewalttätern fliehen. Die Einwohner der Stadt L’Haÿ-les-Roses sind entsetzt.

  • Bayern klagt gegen Länderfinanzausgleich: In drei Monaten wird in Bayern gewählt – und nun kündigt Markus Söder eine Klage gegen das zentrale Solidaritätsinstrument der Bundesländer an. Das kritisieren nicht nur Empfänger der Ausgleichsgelder.

  • Ex-Audi-Chef Stadler legt Revision ein: Das Urteil gegen ihn im Diesel-Prozess war zwischen Gericht, Verteidigern und Staatsanwaltschaft ausgehandelt worden. Dennoch legt Rupert Stadler nun überraschend Revision ein.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Hier fühlen sich viele gleich dreifach abgewertet: als Arbeiter, als Ossi, als Mann«: Die AfD ist besonders erfolgreich bei Arbeitern und Gewerkschaftern. Hier spricht der Jenaer Soziologe Klaus Dörre darüber, was die rechte Partei für diese Menschen attraktiv macht – und welche Strategie helfen könnte .

  • Finanzminister Lindner knausert bei der Bahn: Die Bahn braucht 45 Milliarden Euro mehr, um die maroden Schienen zu sanieren. Doch FDP-Minister Christian Lindner will nicht einmal die Hälfte verbindlich zusagen – und brüskiert damit seinen Parteifreund Volker Wissing .

  • Sie grüßt wie Mr. Spock und muss China in Schach halten: China flutet Taiwan mit Fake News und Verschwörungstheorien. Die ehemalige Hackerin Audrey Tang muss ihr Land gegen immer massivere Cyberangriffe wappnen. Wie schafft sie das? 

  • »Miete die Hälfte, mach es doppelt so geil«: Homeoffice? Arbeit am Urlaubsort? Firmenchef Samir Ayoub sagt: Das Büro hat trotz allem noch lange nicht ausgedient. Ein Gespräch über Wertschätzung, Kaffee – und teure Sessel.

  • Warum Internetnutzer gerade einen Ketchup-Konflikt austragen: Wohin gehört eine angebrochene Flasche Ketchup? Diese Frage wird auf Twitter heftig diskutiert. Dahinter steckt cleveres Marketing, aber auch eine Streitlust jenseits wirklich brisanter Themen.

Was heute weniger wichtig ist

Schneechen: Die »Game of Thrones«-Stars Kit Harington und Rose Leslie, beide 36, haben ein zweites Kind bekommen, eine Tochter; ihr Erstgeborener war 2021 zur Welt gekommen. Der Schauspieler war in der Serie Jon Snow, später bekannt als Aegon Targaryen, sie Ygritte vom freien Volk, beide verliebten sich ineinander, vor und hinter der Kamera. Jetzt bestätigte ein Sprecher dem »People«-Magazin, das Paar sei »hocherfreut, ein kleines Mädchen in der Familie willkommen zu heißen«.

Mini-Hohlspiegel

Plakat auf einem Baugrundstück in Hamburg

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Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich auf Netflix den Film »Athena«  anschauen, der durch die Aufstände in den französischen Banlieues erschreckende Aktualität bekommen hat: »Athena«, benannt nach einer fiktiven französischen Hochhaussiedlung, erzählt von Ausschreitungen Hunderter junger Männer gegen die Polizei, nachdem ein Junge erschossen worden ist – vermeintlich von einem Polizisten.

Der Regisseur Romain Gavras, schreibt mein Kollege Oliver Kaever aus dem Kulturressort, verdichte »die Erfahrung des Aufstandes zu einem emotional und ästhetisch rauschhaften Erlebnis. Sich gegen den Staat und seine Repräsentanten in Uniform aufzulehnen, bekommt hier die Weihen eines griechischen Dramas.« Gleichzeitig richte sich der Film, der im vergangenen Sommer bei den Filmfestspielen in Venedig im Wettbewerb lief, an ein bildungsbürgerliches, traditionell linkes Publikum. Am Ende, schreibt Oliver, »gibt es nur Verlierer, aber die haben zumindest gegen das gekämpft, was so unausweichlich wirkt wie ein von Göttern vorgegebenes Schicksal«. Gavras nennt »Athena« folgerichtig eine »Tragödie«.

Einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

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