Die Lage am Abend Kloppe für Nagelsmann, Kloppo für Deutschland?
Die drei Fragezeichen heute:
DFB-Pleite bei der WM – wie geht es mit der Nationalmannschaft weiter?
Verbrechen in Stade – was weiß man über den Täter?
Vor dem AfD-Parteitag in Erfurt – warum will Klimaaktivistin Luisa Neubauer an Sitzblockaden teilnehmen?
1. Häng den Job an den Nagel, Mann!
Nach dem WM-Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft haben sowohl die 84 Millionen Bundestrainerinnen und -trainer als auch die qualifizierten Kommentatoren in den Redaktionen der Republik einen Schuldigen identifiziert: Teamchef Julian Nagelsmann. Kaum jemand glaubt noch an eine Zukunft des seltsam entrückt wirkenden Coachs. Er habe in den letzten Minuten des denkwürdigen Spiels so ausgesehen, als wollte er jeden einzelnen Fehler korrigieren, der ihm bei dieser WM und in den Monaten zuvor unterlaufen war, schreibt mein Kollege Danial Montazeri (hier mehr dazu ). »Verdammt viele Fehler waren das.«
Bundeskanzler Merz hat zwar eine Mannschaft erlebt, die »mit Einsatz und Teamgeist bei dieser WM unser Land begeistert hat. Wir sind stolz auf euch« (hier mehr dazu ). Aber er scheint die Wirklichkeit häufiger anders wahrzunehmen als die Leute, die er regiert. Merz hat offenbar nie wirklich verstanden, dass ein Bundeskanzler nicht so ungelenk kommunizieren kann wie ein Oppositionsführer. Und Nagelsmann hat offenbar nie wirklich verstanden, dass ein Nationaltrainer nicht coachen kann wie ein Clubtrainer, analysiert Danial.
Natürlich beginnt nun die Debatte über Nagelsmanns Ablösung. Er selbst macht keine Anstalten, sein Amt aufzugeben. Es wird wohl so kommen müssen, dass sein Arbeitgeber DFB auf ihn zugeht, ihn beiseitenimmt und sagt: Danke, Julian, hier ist der Auflösungsvertrag. Nagelsmann kann sich zumindest bei SPIEGEL.de informieren, wie er sich dann verhalten muss: »Mein Rat: nichts sagen, nichts unterschreiben, nichts signalisieren«, empfiehlt Mira Ney, Anwältin für Arbeitsrecht im Interview (hier mehr ).
Als Topkandidat für eine mögliche Nachfolge dürfte zumindest öffentlich Jürgen Klopp gehandelt werden, auch wenn mein Kollege Marcus Krämer kommentiert: »Bitte nicht!« (hier mehr ). Der frühere BVB-Coach wehrt sich noch gegen die Spekulation. »Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen«, sagte Klopp bei MagentaTV.
Vielleicht zieht der Moment tatsächlich vorbei. Marcus hat ein paar andere Ideen. Nur soviel: »Es muss kein großer Name sein.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Nagelsmann sieht jeden Fehler – außer seinen eigenen
2. Der Tag nach dem Gewaltverbrechen von Stade
Nach der entsetzlichen Bluttat von Stade haben meine Kollegen Hubert Gude und Florian Kistler neue Details zum mutmaßlichen Täter der tödlichen Schüsse in einer Jugendhilfeeinrichtung recherchiert. Ihren Informationen zufolge handelt es sich um den 45-jährigen türkischen Staatsbürger Fatih Khan G. aus Garbsen bei Hannover (hier mehr dazu ). Er soll zuvor sein drei Monate altes Kind geschüttelt haben; ein Arzt stellte entsprechende Verletzungen fest. Die 34-jährige Mutter lebte getrennt von ihm und war mit dem Kind in der Einrichtung untergebracht. Das Amtsgericht Neustadt am Rübenberge hatte zuvor zweimal im Sorgerechtskonflikt entschieden.
Am Tattag war ein Gespräch zwischen dem Vater, Mitarbeitenden der Einrichtung und dem Jugendamt geplant. Ermittler prüfen, ob dieses Treffen eskalierte und G. dabei auf Anwesende schoss. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) sprach auf einer Pressekonferenz von einer »kaltblütigen Tat« ohne »politische oder wirtschaftliche Hintergründe«. Bei der Tat handele es sich um einen »singulären Fall«, so Behrens. »Wir haben derzeit keine Hinweise dafür, dass eine Clanzugehörigkeit besteht«, sagte auch die Sprecherin der Staatsanwaltschaft.
Insgesamt wurden sechs Erwachsene – vier Frauen und zwei Männer – getötet. Mutter und Kind blieben unverletzt.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Mutmaßlicher Täter von Stade soll sein Kind geschüttelt haben
3. Neubauer sorgt sich ums Klima – ums politische
Am Samstag findet in Thüringen der Bundesparteitag der AfD statt. Exakt 100 Jahre nach dem Reichsparteitag der neu gegründeten NSDAP, die zuvor verboten war. Auch die Nazis trafen sich damals in Thüringen. Purer Zufall, sagt die AfD.
Andere vermuten Kalkül – und positionieren sich entsprechend. Die Kampagnenorganisation Campact und die Klimaaktivistin Luisa Neubauer planen, sich an den Protesten gegen die Rechts-außen-Partei in Erfurt zu beteiligen (hier mehr dazu). In einer gemeinsamen Erklärung kündigen Campact-Geschäftsführer Christoph Bautz und Neubauer an, an den vom Bündnis »Widersetzen« organisierten »friedlichen Sitzblockaden« teilzunehmen, um den Parteitag »so lange wie möglich aufzuhalten«.
Sie berufen sich auf ein Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte, wonach die AfD »nachweislich verfassungswidrig« sei und in wenigen Monaten Regierungsverantwortung in Sachsen-Anhalt erlangen könnte. Eine Zivilgesellschaft, die »aus den dunkelsten Stunden der Geschichte unseres Landes gelernt hat«, müsse sich gegen Versuche der Partei wehren, die Verfassung anzugreifen. Auch der Verfassungsschutz sieht Rechtsextremismus als größte Gefahr (hier mehr).
Der Widerstand gegen die Rechtsextremen dürfe »nicht als ein rein linkes Thema verstanden werden«, sondern sei eine gemeinsame Aufgabe aller Demokratinnen und Demokraten, so Bautz und Neubauer. Ich fürchte nur, die Grenze beim Protest verläuft nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen Ost und West. Meine Prognose: Die wenigsten Demonstrierenden werden aus Thüringen, Sachsen oder Sachsen-Anhalt kommen. Dort ist die AfD längst Volkspartei.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Luisa Neubauer will an Sitzblockaden teilnehmen, um den AfD-Parteitag »so lange wie möglich aufzuhalten«
Was heute sonst noch wichtig ist
Supreme Court stoppt Trumps Plan, Staatsbürgerschaftsrecht einzuschränken: Niederlage für US-Präsident Trump: Kinder, die in den Vereinigten Staaten zur Welt kommen, erlangen weiterhin automatisch die US-Staatsbürgerschaft. Das hat der Supreme Court entschieden.
Spritpreise ziehen vor Ende des Tankrabatts deutlich an: Erst ab morgen fällt wieder eine höhere Steuer auf Benzin und Diesel an. Doch schon heute sieht der ADAC einen deutlichen Preissprung an den Zapfsäulen. An manchen Tankstellen bilden sich derweil lange Schlangen.
Inflation sinkt überraschend auf 2,3 Prozent: Das kommt unerwartet: Die Inflation in Deutschland sinkt weiter. Experten machen das auch an der Entspannung im Irankrieg fest.
Anschlag mit Paketbombe galt offenbar ukrainischem Oligarchen: Bei einem Attentat in Monaco sind drei Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt worden – von einem Sprengsatz, der mit Schrauben und Schrot versetzt war. Der Tatverdächtige ist auf der Flucht.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Gülle ausbringender Traktor
Foto:Bim / iStockphoto / Getty Images
Wie viel Gülle verträgt das Land?: Vielerorts düngen Bauern mehr, als für das Grundwasser gut ist. Viele Proben sind stark mit Nitrat belastet, Brunnen müssen stillgelegt werden. Wie es besser geht, zeigen Dänemark und die Niederlande .
Was heute weniger wichtig ist
Tainted Love: Die Schauspielerin Angelina Jolie, 51, will seit zehn Jahren kein Date mehr gehabt haben. 2016 ließ sie sich von Brad Pitt scheiden, seitdem ging es um alles Mögliche: Karriere, Familie, Charity. Nur ums Liebesleben nicht. Für eine neue Rolle aber musste Jolie sich wieder damit beschäftigen. »Das Leben hat mich ein wenig gebrochen«, sagte Jolie: »Ich muss wieder leben. Wieder frei sein.«
Mini-Hohlspiegel
Das »Freisinger Tagblatt« über eine neue Bahnverbindung der Flixbus-Tochter Flixtrain nach München: »Dabei werden Züge eingesetzt, die von Lokomotiven der Firma Siemens Mobility gebaut werden.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Swift und Kelce
Foto: Charlie Riedel / AP / dpaKönnten Sie sich auf die Hochzeit des Jahres einstimmen und Taylor Swifts Tiny Desk Concert von 2019 anhören? Swift – inzwischen der größte und reichste Popstar der Welt – heiratet nach allem, was man weiß, am Freitag ihren Verlobten Travic Kelce im Madison Square Garden in New York. Kelce ist American-Football-Spieler auf der Position des Tight Ends. Er spielt für die Kansas City Chiefs in der National Football League.
Der SPIEGEL begleitet das Event in einem Liveblog ab 21 Uhr. Unsere Reporterinnen versorgen Sie mit Eindrücken aus Manhattan und Musikexpertise aus Hamburg und Berlin. Jetzt aber erst mal ein akustischer Vorgeschmack (hier auf YouTube ).
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Ressortleiter Nachrichten