Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,
soziale Gerechtigkeit ist eine der schwierigen Kategorien des Politischen. Die SPD wird es heute wieder merken, wenn sie sich in Berlin zu einem Wertekongress zu diesem Thema trifft. Dort redet auch Parteichef Sigmar Gabriel, von einer Krankheit genesen, von Rückzugsgerüchten umrankt. Er gilt als Problem seiner Partei, aber vielleicht leidet sie noch mehr an diesem Wort. Für die Gerechtigkeit gibt es kein Maß, anders als für ihre radikale Schwester, die Gleichheit. Zu hundert ist hundert gleich, zu tausend tausend. Aber was ist gegenüber hundert gerecht? Das ist eine Frage des Falles, der Umstände, der Sichtweisen. Jeder kann eine andere Meinung dazu haben und auf seine Weise im Recht sein. Es ist das Pech der SPD, dass sie wie keine andere Partei an diesem Wort hängt und eine klare Definition für Gerechtigkeit finden muss, um Wähler zu überzeugen.
Abschied für Werner Faymann?
Das derzeit aufregendste Land der Welt? Österreich. Jedenfalls aus deutscher Sicht. Heute Nachmittag trifft sich dort der Vorstand der SPÖ, der Sozialdemokraten. Warum das interessant sein soll? Der Blick auf Österreich kommt mir so vor wie ein Blick in die deutsche Zukunft. Die SPÖ ist eine verfallende Volkspartei, die sich zu lange in großen Koalitionen verschlissen und dabei ihre Orientierung verloren hat. Auch heute wird es wieder darum gehen, ob sich die SPÖ der rechtspopulistischen FPÖ annähern soll. Diese Frage spaltet die Partei, und Bundeskanzler Werner Faymann hat nicht mehr die Autorität zu vermitteln. Eventuell wird er heute abgelöst. Klar, Österreich ist anders als Deutschland. Aber wir sollten uns sehr genau anschauen, welche Turbulenzen eine starke rechtspopulistische Partei auslösen kann.
Griechische Pein
In der Nacht beschloss das griechische Parlament ein weiteres Sparpaket, das auch Rentenkürzungen umfasst. Diese Meldung erreichte mich in einer Push-Nachricht von SPIEGEL ONLINE in einem ICE kurz vor Ludwigslust, kurz vor Mitternacht. Ich war erleichtert. Nun kann Griechenland weitere Finanzhilfen der Gläubiger im Ausland bekommen, der Reform- und Hilfsprozess geht weiter. Dies ist meine politische Sicht auf die Dinge. Politik heißt aber immer: Es geht nicht um den einzelnen Menschen, sondern um das Große und Ganze, die Stadt (polis), das Land, die EU, die Welt. Deshalb ist der Begriff Politik immer auch ein zynischer. Hier: Lasst Leute leiden, damit es irgendwann besser wird. Hoffentlich wird es irgendwann tatsächlich besser.
Minimale Minderheit
In Berlin hängen derzeit viele Plakate, die Anohni zeigen. Er/Sie/Es ist ein Popstar, deren/dessen Geschlecht nicht zu benennen ist. Anohni ist Transgender. (Mein Kollege Tobias Rapp hat für den SPIEGEL in dieser Woche ein Porträt von Anohni geschrieben.) Derzeit läuft eine Debatte um die Rechte der Transgendermenschen. Sie sind das neue Maß für den Stand der Liberalität in einer Gesellschaft. Ich finde dabei vor allem eine Entwicklung interessant: In den Sechziger- und Siebzigerjahren waren die Frauenrechte das Maß für Liberalität. Dabei ging es um die Hälfte der Menschheit. Dann übernahmen die Homosexuellen diese Rolle, also einige Prozent der Bevölkerung. Die Transgenderfrage betrifft noch weniger Menschen. Diese Verschiebung des Diskurses in Richtung minimale Minderheit zeigt auch: Es ist schon viel erreicht worden.
Gewinner des Tages
Warum haben tote Augen den intensivsten Blick? Diese Frage stelle ich mir seit gestern Nachmittag, als ich mit meiner Tochter im Haus der Berliner Festspiele war. Dort läuft gerade das Theatertreffen, zu dem die, angeblich, zehn besten Stücke der Saison eingeladen werden. Ich sah "Tyrannis" aus Kassel von Regisseur Ersan Mondtag (mein Kollege Wolfgang Höbel porträtiert ihn im SPIEGEL dieser Woche). Dieses Stück ist eine seltsame Mischung aus Horrorfilm, Pantomime und Familiendrama, ein Stück, in dem niemand spricht und sich alle zombiehaft bewegen. Starre Masken, tote Augen, Schmerzensschreie. Ich nahm Bilder mit, die ich nie zuvor gesehen hatte, und das, finde ich, ist das größte Glück, das einem Kunst bescheren kann. Mondtag ist deshalb mein Gewinner des Tages ("Tyrannis" läuft heute noch zweimal in Berlin).
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
- Griechenland stimmt für neues Sparprogram
- Söder sieht CDU und CSU in der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten
- Anne Will diskutiert über das geplante Integrationsgesetz - und verliert den Überblick
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Start in die Woche, Ihr
Dirk Kurbjuweit, stellvertretender Chefredakteur DER SPIEGEL