Die Lage am Abend Und plötzlich ist Jens Spahn wieder weg
Die drei Fragezeichen heute:
Unmut über den Ex-Fraktionschef – warum tritt Jens Spahn schon wieder zurück?
Ende einer Erfolgsstory – warum schließt Biontech drei Standorte?
Spielercasting mit Risiko – wie lange währt Jürgen Klopps Schonfrist?
1. Spahn tritt schon wieder zurück
Ex-Fraktionschef Spahn (CDU)
Foto: Lars Berg / dpaEr war sehr schnell wieder zurück. Nun ist er genauso schnell wieder weg. Jens Spahn zieht sich aus dem mächtigen Haushaltsausschuss des Bundestags zurück. Den Posten hatte Spahn erst Anfang September übernommen, nur wenige Wochen nach seinem Rücktritt als Chef der Unionsfraktion. Die Geschichte mit der Leihmutterschaft, Sie erinnern sich (mehr dazu hier ).
Auch wenn Spahn seinen Verzicht nun selbst verkündet, reagiert er damit wohl auf den wachsenden Druck aus den eigenen Reihen. Unter den Unionshaushältern gab es zuletzt massiven Unmut über Spahn: Der hatte sich in der vergangenen Woche für eine Ausschusssitzung entschuldigen lassen – aus »familiären Gründen«, wie es hieß. Dann aber tauchten Fotos des CDU-Politikers mit Baby auf dem Arm von der Ferieninsel Sardinien auf. Wie meine Kollegen aus dem Hauptstadtbüro erfahren haben, stand Spahn kurz vor dem Rauswurf aus dem Haushaltsausschuss (mehr dazu hier ). Nun geht er von sich aus.
Als Fraktionsvorsitzender legte Spahn stets Wert auf die Anwesenheit seiner Leute. Sieht er jetzt ein, einen Fehler gemacht zu haben? Nicht wirklich. In einer Nachricht an seine Unionskolleginnen und -kollegen schreibt er zur Begründung seines Rückzugs unter anderem: »Alles rund um meine Person ist aktuell so politisiert, dass ein normales Arbeiten kaum möglich sein wird.«
Nicht sein Verhalten, sondern die Reaktionen darauf sind in Spahns Augen also das Problem. Meine Kollegen wissen, dass inzwischen auch Unionsabgeordnete nur noch ungläubig den Kopf schütteln über ihren ehemaligen Chef. Der Mann, den einst sein Wille zur Macht auszeichnete, hat offenbar das Gefühl dafür verloren, was geht und was nicht.
Lesen Sie hier mehr: Spahn räumt Posten im Haushaltsausschuss
2. Ende einer deutschen Erfolgsstory
Reinraum im Biontech-Werk in Marburg
Foto: Rafael Heygster / laifDer Rettungsversuch ist gescheitert: Das Biotechnologie-Unternehmen Biontech schließt bis Ende 2028 die drei Standorte im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein, im hessischen Marburg und in Tübingen in Baden-Württemberg (mehr dazu hier ). Rund 1800 Beschäftigte sind betroffen. Dass Biontech die Werke nicht weiterbetreiben will, hatte das Mainzer Unternehmen schon im Frühjahr verkündet (mehr hier). In den vergangenen Monaten suchte man nach Käufern – ohne Erfolg.
Bekannt geworden ist Biontech in der Coronapandemie. Aus seinen Forschungen zu einem mRNA-Impfstoff entwickelte das Unternehmen im Eiltempo einen der ersten wirksamen Impfstoffe gegen das neuartige Coronavirus. Gemeinsam mit dem US-Pharmariesen Pfizer als Partner verdiente die kleine Firma Milliarden. Die Mitbegründer, das Ehepaar Uğur Şahin und Özlem Türeci, galten als regelrechte Helden der Pandemie.
Doch die Erfolgsgeschichte scheint vorbei. Şahin und Türeci sind bereits aus der Firmenspitze ausgestiegen (mehr dazu hier ). Biontech forscht zwar weiter an einer ganzen Reihe neuer Produkte, vor allem in der Onkologie. Doch neue Marktzulassungen gibt es bisher nicht, das Unternehmen schreibt tiefrote Zahlen.
Biontech hat die strategische Neuausrichtung verschlafen. Mein Kollege Martin U. Müller berichtete schon im Mai, als die ersten Meldungen über geplante Werkschließungen öffentlich wurden: »Niemand hat rechtzeitig die nüchterne Frage gestellt: Was passiert, wenn Corona vorbei ist?«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Deutschlands Impfstoffchampion hat sich verrechnet
3. Kleiner Klopp-Kater
Bundestrainer Klopp beim Länderspiel in Augsburg
Foto:Anna Szilagyi / EPA
Ist Ihr Klopp-Fieber auch erst einmal wieder runter? Die Schlappe gegen Griechenland – die erste in der Geschichte überhaupt – zeigt: Der neue Bundestrainer ist kein Messias. Keiner, der die deutsche Fußballnationalmannschaft mal eben wieder in die Weltspitze katapultiert.
Das durfte natürlich niemand bei Verstand so erwarten. Aber eine gewisse Hoffnung, dass es nach dem WM-Desaster dank der Motivationsmaschine Jürgen Klopp rasch wieder aufwärts geht, die gab es eben doch.
Und so herrscht jetzt Ernüchterung in Fußball-Deutschland. Ein kleiner Klopp-Kater stellt sich ein. Zwei Spiele, ein Unentschieden, eine Niederlage, das ist mau. Wie ideenlos das Team gestern auftrat, wie harmlos in der Offensive, wie anfällig in der Defensive – es war, als stünde Julian Nagelsmann noch an der Seitenlinie.
Mit seinem XXL-Kader für vier Länderspiele sei Klopp bewusst das Risiko gegangen, sportlich erfolglos zu sein, sagt mein Kollege Peter Ahrens aus dem Sportressort. Und damit auch, dass es mit der Anfangseuphorie schnell vorbei ist. Die Casting-Idee ist innovativ, sie bedeutet aber, dass der Trainer nun aussortieren und eine konkurrenzfähige Kernmannschaft formen muss. Und zwar bis zum Start der EM-Qualifikation im nächsten Frühjahr. Wenn es dann läuft, ist alles gut. Wenn nicht, könnte es für Klopp schnell ungemütlich werden.
Peter kommentiert: »Klopp hat eine Schonfrist. Er sollte sich aber nicht darauf verlassen, dass sie ewig währt.«
Lesen Sie hier mehr: Den richtigen Klopp haben wir noch gar nicht gesehen
Was heute sonst noch wichtig ist
Trump soll Xi Waffen angeboten haben: US-Waffenverkäufe an Taiwan ärgern Peking seit Langem. Nun soll Präsident Trump Chinas Staatschef Xi ein aufsehenerregendes Angebot gemacht haben. Gesetzlich wäre das wohl verboten.
Solarstromproduktion übertrifft schon jetzt Vorjahreswert: Bereits Ende September hat die Solarstromproduktion in Deutschland den Vorjahreswert übertroffen. Die Solarwirtschaft nimmt das zum Anlass, für einen stärkeren Ausbau zu plädieren – und gegen die EEG-Novelle.
Vermögen macht glücklicher als Einkommen: Lebensglück und Geld – da besteht ein Zusammenhang, da sind sich Soziologen und Ökonomen einig. Jetzt fügt der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen der Forschung einen neuen Aspekt hinzu.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
[M] DER SPIEGEL; Foto: Florian Gaertner / photothek / picture alliance
Wie Polen die deutsche Wirtschaft rettet: Ein unerwarteter Exportboom hat Deutschland den lang ersehnten Wachstumsschub gebracht. Dabei setzen Donald Trump und China der hiesigen Wirtschaft massiv zu. Was dahintersteckt – die Erklärung mit Grafiken .
Was heute weniger wichtig ist
Royal Air Mail: Prinz Harry, 42, ist für einen guten Zweck mit dem Fallschirm (und einem professionellen Tandempartner) aus einem Flugzeug gesprungen. Damit löste er ein Versprechen ein, das er dem Weltkriegsveteranen Ed Marshall, 102, im vergangenen Jahr gegeben hatte. Eigentlich wollte der frühere Fallschirmjäger Marshall mitspringen, doch seine Ärzte hatten etwas dagegen: das Alter. Er flog zwar in der Maschine mit, überließ den Sprung mit Harry aber seinem Enkel. Der Prinz war offenbar froh, als es vorbei war. Ein anwesender TV-Sender berichtet, Harry habe nach der Landung erst einmal den Boden geküsst und dann seine Frau Meghan, 45, angerufen. Diese sei »sehr erleichtert« gewesen.
Mini-Hohlspiegel
Aus der »Rems-Zeitung«: »Damit es in Lorch künftig noch mehr blüht und summt, haben sich 15 Bauhofmitarbeiter zu naturnahen Staudenbeeten weitergebildet. Die geschulten Flächen sollen Insekten wertvollen Lebensraum bieten und das Ortsbild nachhaltig verschönern.«
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Und heute Abend?
Philipp Amthor bei einem Auftritt in Berlin
Foto:Britta Pedersen / dpa
Ein Strandkorb auf einem Balkon des Kanzleramts sorgt derzeit für Aufregung. Philipp Amthor, seit Kurzem Staatsminister für die Bund-Länder-Beziehungen, hat ihn dort aufstellen lassen. In den sozialen Medien wird nun eifrig darüber gelästert (hier mehr). Ist so ein Möbelstück in der Berliner Regierungszentrale unangemessen? Zeugt der Strandkorb von Abgehobenheit?
Machen Sie sich selbst ein Bild: Die Szene stammt aus der Dokumentation »Inside CDU« , deren zweite Staffel seit einigen Tagen in der ZDF-Mediathek zu finden ist. Darin wird nachgezeichnet, wie die CDU in diesem Jahr immer tiefer in die Krise gerutscht ist, wie die Partei leidet und verzweifelt. Amthors Strandkorb, so viel steht fest, ist da noch das kleinste Problem. Und doch bekommt man im Kanzleramt angesichts der Kritik nun kalte Füße: Der Strandkorb komme wieder weg, teilte die Regierung heute mit (hier dazu mehr).
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Philipp Wittrock, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro