Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,
in Deutschland und Europa läuft die Großfahndung nach Anis Amri, dem mutmaßlichen Attentäter von Berlin. Dank der Dokumente, die der Täter im Sattelschlepper deponierte, gibt es nun einen Verdächtigen. Das ist leider nur auf den ersten Blick ein Erfolg, in Wahrheit könnte dahinter ein furchtbares Versäumnis stehen: Die Sicherheitsbehörden wussten, dass Amri gefährlich war, deshalb hatten sie ihn schon im Sommer abschieben wollen, doch dann verloren sie ihn aus den Augen. Es ist ein schrecklicher Gedanke: Hätte das Attentat verhindert werden können? Zwölf Menschen nicht sterben müssen? Dutzende weitere nicht verletzt werden? Ob die Behörden vermeidbare Fehler machten, ob sie überfordert waren oder die Kapazitäten fehlten, spielt dabei schon fast keine Rolle mehr.
Für Kanzlerin Angela Merkel ist der schlimmste denkbare Fall eingetreten: Ein mutmaßlicher Täter, der im vergangenen Jahr als Flüchtling nach Deutschland kam. Und überforderte Behörden, ein Staat, der womöglich versagt hat. Mehr Angriffsfläche können Merkel und ihre Flüchtlingspolitik nicht bieten. Selbst diejenigen, die ihre Flüchtlingspolitik im Grundsatz richtig fanden, haben das Staatsversagen der Silvesternacht von Köln kritisiert. Und nun ist es offenbar wieder geschehen, nur schrecklicher. Von jetzt an wird es keine Rolle mehr spielen, dass der Terror wohl auch ohne Flüchtlinge nach Deutschland gekommen wäre, dass die Attentate von Nizza, Paris und Brüssel nicht von Flüchtlingen begangen wurden.
Vielleicht werden wir jetzt eine Debatte über die Grenzen von Solidarität und Mitmenschlichkeit führen - ehrlicher, offener, das könnte eine Hoffnung sein. Zu befürchten ist, dass es dafür schon fast zu spät ist, dass gar nicht mehr diskutiert wird, sondern nur noch geschrien, beschuldigt, gehasst.
Alles zum Attentat und zur Fahndung finden Sie in der Titelgeschichte des neuen SPIEGEL, die Sie heute ab 18 Uhr digital lesen können.
Abschied vom ermordeten Botschafter
Mit einem offiziellen Gedenkakt nimmt Russland heute Abschied von dem in Ankara erschossenen Botschafter Andrej Karlow. Zur Trauerfeier in der Moskauer Christ-Erlöser-Kirche wird auch Präsident Wladimir Putin erwartet. Anschließend wird der Diplomat auf einem Friedhof der russischen Hauptstadt mit militärischen Ehren beigesetzt. Der Präsident hat Karlow posthum den Ehrentitel "Held Russlands" verliehen. Putins große Jahrespressekonferenz wurde deshalb auf Freitag verschoben.
25 Jahre Nostalgie
Wladimir Putins Massen-PK findet in diesem Jahr zu einem historisch bedeutsamen Zeitpunkt statt. In diesen Tagen jährt sich zum 25. Mal der Zerfall der Sowjetunion. Ende Dezember 1991 trat Michail Gorbatschow als Präsident zurück, von den Türmen des Kreml wurde die sowjetische Fahne eingeholt und die russische gehisst. Putin hat das bekanntlich als die größte geopolitische Katastrophe des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Noch immer bedauern 56 Prozent der Russen laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada den Zerfall des sowjetischen Imperiums. Diese Nostalgie ist eine schwere Hypothek - für die Ukraine, für das Baltikum und für Russland selbst. "Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie sich zurückwünscht, keinen Verstand." Wer das gesagt hat? Putin.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
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Gewinner des Tages...
... sind alle, die jetzt schon ihre Weihnachtsgeschenke beisammen haben. Leider gehöre ich nicht dazu, weshalb ich mich jetzt schleunigst verabschiede und Ihnen ein angstfreies Fest wünsche.
Herzlich,
Ihre Christiane Hoffmann
Korrektur: In einer früheren Version hieß es, die Jahrespressekonferenz von Putin finde heute statt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.