News: Sven Schulze beim Anti-AfD-Protest, rechtes Geraune über Wahlbetrug, Friedrich Merz - DER SPIEGEL
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Philipp Wittrock

Die Lage am Morgen Was wird aus Merz, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt gewinnt?

Heute geht es ausschließlich um die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Wir blicken auf den Anti-AfD-Protest in Magdeburg, auf das Geraune über angeblichen Wahlbetrug und auf die möglichen Folgen der Wahl für den Kanzler.

Tausende gegen die AfD

Es ist eine kleine Wahl auf dem Papier, aber wohl eine der wichtigsten seit Langem für die Republik: Rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte, das sind weniger, als Hamburg Einwohner hat, entscheiden am Sonntag in Sachsen-Anhalt darüber, ob erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte Rechtsextremisten in einem Bundesland an die Macht kommen (mehr zu den möglichen Szenarien zum Wahlausgang hier ).

Anti-AfD-Protest (Ende August in Halle/Saale): Auf dem Papier nur eine kleine Wahl

Anti-AfD-Protest (Ende August in Halle/Saale): Auf dem Papier nur eine kleine Wahl

Foto: Maria Castro / ZUMA Press / IMAGO

Wie groß ihre Sorge davor ist (mehr dazu hier ), wollen Tausende Menschen heute in Magdeburg deutlich machen. Das Bündnis »Sachsen-Anhalt weltoffen«, in dem mehr als 300 Verbände, Vereine, Gewerkschaften, Kirchen und Initiativen engagiert sind, ruft zu einem Demonstrationszug mit anschließendem Demokratiefestival auf. Als Rednerinnen sollen unter anderem die Aktivistin Luisa Neubauer und die Publizistin Carolin Emcke auftreten. (Lesen Sie alle Entwicklungen im Newsblog.)

Bemerkenswert: Auch CDU-Ministerpräsident Sven Schulze will sich auf dem Domplatz blicken lassen, als Gast »ohne eigenen politischen Programmpunkt«, wie mein Kollege Peter Maxwill aus der Zentrale der Landes-CDU hört. Ein Signal ist die Teilnahme dennoch: Schulze verzichtet auf einen eigenen großen Wahlkampfabschluss, stattdessen sucht er im verzweifelten Verteidigungskampf um die Staatskanzlei die Nähe zu einem eher links geprägten Anti-AfD-Bündnis.


Geraune über Wahlbetrug

Das Ziel der AfD in Sachsen-Anhalt ist die absolute Mehrheit. Ulrich Siegmund will als Ministerpräsident allein regieren. Für den Fall, dass es nicht reicht (wofür die Umfragen derzeit sprechen), bauen die Rechtsextremen schon mal vor: Sie raunen über einen möglichen Wahlbetrug. Donald Trump lässt grüßen.

Briefwahlunterlagen für die Wahl in Sachsen-Anhalt: Das Märchen von der geklauten Wahl

Briefwahlunterlagen für die Wahl in Sachsen-Anhalt: Das Märchen von der geklauten Wahl

Foto: Matthias Bein / dpa

AfD-Bundeschef Tino Chrupalla stellt offen infrage, dass bei der Briefwahl alles korrekt abläuft. Als Beispiel verweist er auf Pflegeheime: Angeblich wisse er aus Gesprächen mit Pflegern und Angehörigen von Fällen, »wo der Stift sozusagen geführt wurde«. Nachprüfen könne er diese nicht, trotzdem hält er diese für »unstrittig«. Auch Spitzenkandidat Siegmund mahnt, in Pflegeheimen dürfe nichts aus einer »linken oder grünen Ecke« vorgegeben werden. »Belegen kann man das nicht«, sagt er. »Aber wir alle wissen, wie das oftmals läuft.«

Ach ja, wissen wir das?

Siegmund hat seine Anhänger aufgerufen, sich bei dieser »historischen Schicksalswahl« als Wahlbeobachter zu melden und die Auszählung der Stimmen genau zu beobachten. Der AfD-Mann verweist auch auf die Kampagne des rechtsextremen Vereins »Ein Prozent«, der warnt, dass »hart erkämpfte patriotische Stimmen« nicht verschwinden dürften.

Das Ziel ist klar: Man delegitimiert jahrzehntelang eingeübte und bewährte demokratische Prozesse. So schreibt die AfD schon am Märchen von der geklauten Wahl, sollte diese nicht so ausgehen, wie die Partei es sich erhofft.


Und was macht Merz?

In der CDU denken sie offenbar über einen Auftritt des Kanzlers noch am Wahlabend nach. Sollte der Worst Case eintreten und die AfD die absolute Mehrheit holen, dann könnte Friedrich Merz vor die Kameras treten. Der CDU-Chef könnte, so die Idee, die ventiliert wird, nicht nur den Wahlsieg verurteilen, sondern zugleich signalisieren: Wir stehen stabil.

Merz und Schulze (am 3. September in Leuna): Düstere Lage

Merz und Schulze (am 3. September in Leuna): Düstere Lage

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Es wäre ein höchst ungewöhnlicher Schritt. Die erste Kommentierung einer Landtagswahl übernimmt in der Kanzlerpartei normalerweise nicht der Kanzler persönlich. Aber was ist schon normal, wenn Rechtsextremisten sich anschicken, ein Bundesland zu regieren?

Die Erschütterungen aus Sachsen-Anhalt werden auch im Berliner Machtzentrum zu spüren sein. Und zwar ganz gleich, wie weit die AfD am Ende vor der CDU liegt. Die Lage ist für Merz schon jetzt mehr als betrüblich. Die zu erwartenden kräftigen Verluste für die Union am Sonntag und in zwei Wochen in Mecklenburg-Vorpommern sowie Berlin werden sie weiter verdüstern.

Und doch: Kursierten vor ein paar Wochen noch Gerüchte über einen möglichen, ohnehin nicht ganz trivialen Kanzlertausch (mehr dazu hier ), so scheint Merz derzeit keinen Aufstand fürchten zu müssen. Das heißt nicht, dass kein Groll entsteht. Merz’ Autorität wird weiter leiden. Er wollte die AfD einst halbieren, eine CDU-Niederlage in Sachsen-Anhalt ist auch seine Niederlage.

Egal, wie es ausgeht, wahrscheinlich wird sich Merz nach den ersten Hochrechnungen doch eher nicht zu Wort melden, allein schon, um die Dramatik des Abends nicht noch selbst zu befeuern. Heute ist der Kanzler übrigens noch mal auf Stimmenfang – allerdings nicht in Sachsen-Anhalt, sondern im Kommunalwahlkampf in Niedersachsen.


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Gewinner des Tages …

Birgit und Horst Lohmeyer (im Jahr 2024): Standhaft gegen Neonazis

Birgit und Horst Lohmeyer (im Jahr 2024): Standhaft gegen Neonazis

Foto: Jens Büttner / dpa

… sind Birgit und Horst Lohmeyer. Wieder einmal. Schon vor rund einem Jahr habe ich das Künstlerpaar an dieser Stelle gewürdigt, aber man kann das nicht oft genug tun. Die Lohmeyers wohnen in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern, einem kleinen Dorf in der Nähe von Wismar, das seit Jahrzehnten von Rechtsextremisten vereinnahmt wird.

Birgit und Horst Lohmeyer wollen sich damit nicht abfinden. 2007 organisierten sie zum ersten Mal das Festival »Jamel rockt den Förster«, um ein Zeichen gegen die Neonazis zu setzen. Jahr für Jahr wurde es größer, die auftretenden Bands immer prominenter (Die Toten Hosen, Herbert Grönemeyer, Die Ärzte, Fettes Brot, die Sportfreunde Stiller, Deichkind …). Eigentlich sollte gestern die 19. Auflage starten, doch nach stundenlangem Starkregen fiel der Auftaktabend aus. Hoffentlich kann es heute losgehen.


Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Dutzende Disziplinarverfahren wegen verschwundener Dienstwaffen: In den vergangenen fünf Jahren sind immer wieder Schusswaffen bei Bundespolizei und BKA verloren gegangen. Genaue Zahlen wollen die Polizeibehörden allerdings nicht nennen und berufen sich dabei auf »Gründe des Staatswohls«.

  • Uno stimmt auf Antrag Togos für Reform der Weltkarte: Die Afrikanische Union beklagt schon länger, ihr Kontinent werde auf Weltkarten nicht realistisch dargestellt. Nun nimmt die Uno-Vollversammlung eine Resolution an, die das ändern soll. Nur eine Nation stimmte dagegen.

  • FBI setzt deutschen Betrüger auf »Most Wanted«-Liste: Jahrelang hatte ein Deutscher seine Opfer in den USA zu Investitionen in vermeintliche Technologie überredet. Mit dem gesammelten Geld hatte er allerdings laut FBI andere Ziele im Kopf.


Heute bei SPIEGEL Extra: Wieso halten Sie Hausaufgaben für Hausfriedensbruch, Herr Blume?

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Weinen, Schreien, Türenknallen: Hausaufgaben bergen Eskalationspotenzial. Der Lehrer und Bildungsinfluencer Bob Blume sagt, wie Eltern die Situation entschärfen können, ob Beschwerden bei Lehrern fruchten – und wie viel ChatGPT helfen darf .

Ich wünsche Ihnen ein wunderbares Wochenende.

Herzlich,
Ihr Philipp Wittrock, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro