Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kölner Polizei wird heute ihr neues Videoüberwachungssystem für den Hauptbahnhof und die Domtreppe vorstellen. Am Silvesterabend vor einem Jahr hatten die Polizisten wenig von den massenweisen Übergriffen gegen Frauen mitbekommen. Nun wurde aufgerüstet.
Die Videoüberwachung hat in diesem Jahr eine erstaunliche Karriere gemacht. Lange galt sie als eine der Ausgeburten des Big-Brother-Staates, auch weil sie in George Orwells Roman "1984" eine so große Rolle gespielt hatte. 2016 half sie in Berlin in zwei spektakulären Fällen, die mutmaßlichen Täter von Verbrechen in der U-Bahn kenntlich zu machen: den Tritt in den Rücken einer ahnungslosen Frau, das Anzünden eines Obdachlosen. Das hat die Akzeptanz der Kameras gestärkt. Sie sind ein unaufdringliches Instrument, Verbrechen zu bekämpfen - an öffentlichen Orten. Bei Orwell haben sie Wohnungen überwacht.
Erdogan gegen Erdogan
In Istanbul beginnt heute der Prozess gegen Asli Erdogan. Die Staatsanwälte werfen ihr vor, Mitglied der Kurdenorganisation PKK zu sein und Propaganda zu machen. Sie und acht weitere Angeklagte haben für die pro-kurdische Zeitung "Özgür Gündem" gearbeitet. Die wurde inzwischen dicht gemacht, ein schwerer Schlag gegen die Pressefreiheit. Nun ist die Frage, ob sich nach den Säuberungen noch Richter finden, die einen Prozess fair leiten wollen und sich ein unabhängiges Urteil trauen. In der Nach-Putschversuch-Türkei von Präsident Recep Tayyip Erdogan müssten das sehr mutige Juristen sein.
Wir feiern
Ist der SPIEGEL ein Scheißblatt? Wir haben diesen Vorwurf jedenfalls schon gehört, nicht nur von sogenannten Wutbürgern, sondern auch von einem Bundeskanzler. Wer das war? Sie werden es von heute Abend an erfahren, wenn der neue SPIEGEL digital zu lesen sein wird. Für uns ist es eine ganz besondere Ausgabe, denn wir feiern damit unseren Geburtstag. Der SPIEGEL wird im Januar 70 Jahre alt, und deshalb schauen wir zurück auf sieben Jahrzehnte deutsche und internationale Geschichte, die der SPIEGEL beschrieben, kommentiert und manchmal auch beeinflusst hat.
Zudem befassen wir uns in dieser Ausgabe mit den aktuellen Fragen rund um die Medien; den Verschwörungstheorien; den Fake News; dem Vorwurf, "Lügenpresse" zu sein; den Bedrohungen der Pressefreiheit (siehe oben). Aber natürlich kommt, wie gewohnt, das aktuelle Geschehen nicht zu kurz. Diese Ausgabe ist normaler SPIEGEL und Feier-SPIEGEL zugleich. Wir sind sehr stolz auf das, was die Journalisten-Generationen vor uns geleistet haben, und wir arbeiten hart daran, ihrem Erbe gerecht zu werden.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
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Vielen Dank
An dieser Stelle, zum Schluss der Lage, werden eigentlich Gewinner und Verlierer des Tages gekürt. Das fällt heute aus. Heute möchte ich mich im Namen aller Autoren der Lage bei unseren Leserinnen und Lesern bedanken. 2016 war das Jahr, in dem wir diese neue Form für den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE entwickelt und erstmals angeboten haben. Sie hat sich etabliert und erntet eine sehr gute Resonanz. Es macht uns große Freude, für Sie auf den neuen Tag zu blicken, kurze Texte zu schreiben, Ihre Reaktionen zu lesen und mit Ihnen zu diskutieren. 2017 machen wir selbstverständlich weiter, im Wahljahr, das für uns Journalisten immer eine große und schöne Herausforderung ist. Wir freuen uns sehr darauf, mit Ihnen in dieses Jahr zu gehen.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch und ein herrliches 2017. Herzlich,
Ihr Dirk Kurbjuweit