Ostalgie Paddeln im Lampenladen
Berlin- Das untere Stockwerk des "Palast der Republik" sieht aus wie ein Parkhausdeck. Riesige Stahlträger unterteilen die insgesamt 4000 Quadratmeter mit Estrich zugekleisterte Betonfläche. Zwei Menschen schrubbeln mit großen Besen und kleinen Hausstaubsaugern auf dem Fußboden herum. Freitag Abend muss fertig gesaugt sein.
Dann soll der "Palast der Republik", der seit 14 Jahren fast ununterbrochen leer steht, vielleicht ein letztes Mal mit Leben gefüllt werden. "Volkspalast" nennen die Veranstalter die geplante Symbiose aus Erinnerung und ganz Neuem. Sie haben Honeckers alte Bowlingbar aus dem Keller geholt, auf einer Großbildleinwand kann man am Freitag live die Ankunft der Gäste in der Limousine verfolgen. Grasnarben sind ausgerollt, auf einer "Volkswiese" wird zum Sit-in mobilisiert. Für die Beleuchtung müssen die Besucher selbst sorgen: Die riesigen Kronleuchter, die dem Palast den Namen "Erichs Lampenladen" eingetragen haben, sind längst an Szenebars und Restaurants in Mitte und Prenzlauer Berg verkauft.
Ankunft in der Limo
Als Höhepunkt wird am 3. September das Erdgeschoss, dort, wo es jetzt noch aussieht wie in einem Parkhaus, mit 300.000 Kubikmeter Wasser geflutet. Die Veranstalter verhandeln mit den Berliner Wasserbetrieben um Mengenrabatt. Besucher werden in einem Schlauchboot in dem Palasttümpel herum geschippert, vorbei an einer Fassadenstadt. Diese Aktion trifft den Nerv des Projektes "Volkspalast": Jeder soll seinen Beitrag leisten können und mit eigenen Ideen eingreifen können, in seinen Palast.
Neben der "irren Location" bewegt die Veranstalter auch ein höheres Motiv: "Wir wollen erreichen, dass sich die Menschen einen Kopf machen, was hier werden soll. Einfach nur abreißen, ohne einen sinnvollen und finanzierbaren Plan zu haben, ist absurd", sagte Sylke Bluhm zu SPIEGEL-ONLINE. Den Verein "Zwischen Palast Nutzung" gibt es seit März 2003. Nach einem Sitzungsmarathon und nicht enden wollenden Verhandlungen mit Politikern, Verwaltungsbeamten und Vertretern der Wirtschaft, nach diversen Konzeptvorschlägen und Diskussionen mit Kuratoren, Künstlern und Kulturschaffenden kriegten die jungen Künstler das Projekt bewilligt.
100.000 Euro stellten private Spender den Veranstaltern zur Verfügung. Der Hauptstadtkulturfonds wird einen Großteil der veranschlagten 780.000 Euro für das künstlerische Programm zur Verfügung stellen. Staatliche Fördermittel für ein Projekt, was, wie die CDU fürchtet, den Abriss des Palastes verzögern könnte.
"Typische Zwischennutzung"
Die Veranstalter nennen das Spektakel eine "typische Zwischennutzung". Dass durch die Aktion aber auch die Gegner eines Abrisses wieder auf den Plan gerufen werden, ist kein Geheimnis.
Vor zwei Jahren hatte der Bundestag beschlossen, auf dem Gelände das 1950 gesprengte Hohenzollern-Schloss wiederaufzubauen. Dort, wo der morbide Glaskasten den Blick auf das Berliner Rathaus verdeckt, soll, so haben es sich viele gewünscht, das alte Berliner Stadtschloss stehen. Woher das Geld dafür kommen soll, weiß im Moment noch niemand. Für alle, die "Erichs Lampenladen" nicht schwinden sehen wollen, ist die nicht geklärte Nutzung des Palast-Geländes eine Chance. Denn wer will nur eine Wiese dort haben?
So ist das Gerangel um den "Palast der Republik" zum Scheintheater zwischen DDR-Nostalgikern und Stadtverschönerern geworden. Auch in der Politik schürte die Frage um den "Erbfolger" des DDR-Palastes Emotionen. Notorische Westler stritten sich mit den Postsozialisten herum.
"Schandfleck in der Mitte Berlins"
Der Berliner CDU-Abgeordnete Stephan Tromp hatte das DDR-Gebäude einst als "Schandfleck in der Mitte Berlins" bezeichnet. Schirmherr der Aktion "Volkspalast" ist Berlins Kultursenator Thomas Flierl. Seiner Meinung nach müssten die Befürworter eines wieder aufgebauten Schlosses über die Zwischennutzung froh sein. Ist erstmal eine Wiese da, bestehe kein Druck mehr, wieder was Neues zu bauen. Der unfertige Charakter des DDR-Gebäudes erinnere ständig, "dass in der Stadt noch etwas fehlt. Das hält wach", sagte Flierls Pressesprecher Torsten Wöhlert zu SPIEGEL-ONLINE.
Flierl hatte sich schon mehrmals zu dem bevorstehenden Abriss und den Plänen für danach geäußert. Politisch wolle er den Abriss nicht in Frage stellen, aber mit der Aktion "Volkspalast" könnte der Abriss endlich unter kulturellen Aspekten hinterfragt werden. Das sagte Flierl im Juni. Im Gegensatz zu einem Schloss beweise der Palast nämlich, dass er einem öffentlichen Zweck diene.
Dafür, dass die Aktion "Volkspalast" Aufsehen erregt, spricht auch die Art und Weise des Spektakels: Es ist ein skurriler Ort und es sind skurrile Aktionen, die den "Palast der Republik" in den nächsten Wochen erhellen sollen. Und: Prominente Künstler sind geladen. Auch Co-Intendantin der Berliner Schaubühne, Sasha Waltz, haben die Veranstalter von "Zwischen Palast Nutzung" an ihrer Seite. Mit einer choreographischen Raumerkundung soll am 18. September der Palast Bühne sein.
Der Dreck ist in die Ecke gefegt, der Staub weg - der Staubsauger hat dabei fast seinen Geist aufgegeben - und das ehemalige DDR-Prachtgebäudes, das die Ostberliner einst "Palazzo di Prozzo" tauften, soll ab Freitag im Jetzt ankommen.