PDS Gregor Gysi zum Dritten
Potsdam - Das erste Mal trat Gregor Gysi zurück, "weil man im Leben auch noch mal was anderes machen müsse". Das war im Oktober 2000 auf dem PDS-Parteitag in Münster. Die Betonköpfe der Partei hatten ihn auflaufen lassen. Daraufhin erklärte der Chef der PDS-Bundestagsfraktion seinen Rückzug aus der Bundespolitik.
Gysis Exil dauerte knapp ein Jahr. Dann gab der einzige prominente PDS-Politiker der Versuchung nach, als Spitzenkandidat das Rote Rathaus in Berlin anzupeilen. Nach der Wahl reichte es nur zum Wirtschaftssenator. Den Verwaltungsjob hielt Gysi sechs Monate aus, dann trat er erneut vor die Presse.
Er könne nicht damit leben, seine Anhänger enttäuscht zu haben, sagte Gysi, als er am 2. August 2002 im Saal der Bundespressekonferenz zum zweiten Mal seinen Rücktritt erklärte. Anlass war die Bonusmeilenaffäre: Gysi hatte zugegeben, dienstlich erworbene Lufthansa-Bonusmeilen privat verflogen zu haben. Der Rücktritt überraschte Öffentlichkeit und Parteispitze gleichermaßen. Parallelen wurden gezogen zu Oskar Lafontaines fluchtartigem Ausscheiden aus dem Schröder-Kabinett.
Doch schon damals ließ Gysi sich ein Hintertürchen offen. Auf die Frage, ob er wiederkomme, entgegnete der Rechtsanwalt, das werde man nach der "Rekonvaleszenzzeit" sehen.
Zwei Jahre Abstinenz
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Die Abstinenz dauerte ganze zwei Jahre. Am Sonntag nun steht Gysi wieder am Rednerpult eines PDS-Parteitags - zum ersten Mal seit fünf Jahren. Es ist die vorsichtige Wiederannäherung des Stars an die Basis. Die Partei braucht ihn dringend. Ohne das bekannte Gesicht wird die Rückkehr in den Bundestag 2006 kaum gelingen. Parteichef Lothar Bisky rechnet fest mit Gysi als Spitzenkandidat. Doch der ziert sich noch, will sich erst Ende 2005 entscheiden. Die Rolle des Retters schmeichelt seinem Ego. Aber er hat gesundheitliche Probleme, vor einem Jahr erlitt er einen Herzinfarkt.
Der Rahmen für Gysis Comeback hätte kaum besser gewählt sein können. Der Parteivorstand hat in die Caligari-Halle geladen, ins deutsche Hollywood nach Potsdam-Babelsberg. Film habe seit jeher mit den Tagträumen der Massen zu tun, fabuliert Parteichef Bisky zur Begrüßung, darum sei die PDS in der alten deutschen "Traumfabrik" bestens aufgehoben. Über dem Eingang zur Halle schwebt der Glücksdrache Fuchur aus der "Unendlichen Geschichte".
Die PDS ist besorgt um ihre "erotische Ausstrahlung", gesteht der Bundesgeschäftsführer in seiner Rede. Das ist der Grund, warum früher oder später immer wieder Gysi ins Spiel kommt. Er ist der einzige, der einen Parteitag mitreißen und Emotionen auslösen kann. Auf ihn projiziert die Basis ihre Sehnsüchte und Hoffnungen. Deshalb wird er nach jedem Rücktritt wieder mit offenen Armen empfangen. "Klar hat er uns im Stich gelassen, aber er hat immer noch einen guten Gebrauchswert", sagt Werner Wienert, ehemals sozialistischer Geschäftsführer.
"15 Jahre Einheit, 15 Jahre PDS"
Gysi redet zum Thema "15 Jahre Einheit, 15 Jahre PDS". Er legt launig los. Schon in den ersten zehn Sekunden muss das Publikum drei Mal lachen. Eine angeschlagene Gesundheit kann niemand erkennen. "Überraschend fit und lebendig" sei Gysi, meint Andre Schönwolf, ein 22-jähriger Student aus Hessen.
Statt über die armen Ostdeutschen redet Gysi zur Abwechslung mal über die armen Westdeutschen. Denen sei die Vereinigung ja nie als Gewinn verkauft worden, daher sei es auch kein Wunder, dass im Westen eine "Anti-Stimmung" zu spüren sei. Dabei wäre es so einfach gewesen, ostdeutsche Errungenschaften als echten Beitrag zur gesamtdeutschen Entwicklung darzustellen. Als Beispiele nennt Gysi die Ganztagsbetreuung und "die weltweit beste Ausbildung für Fachärzte".
Stattdessen, so Gysi, hätten Politiker immer nur die Unterschiede zwischen Ost und West betont. Das habe mentale Folgen auch im Westen gehabt. Die PDS habe nun die Chance, zur "Partei der deutschen Einheit" zu werden. Statt als Vertreter des Ostens gesehen zu werden, müsse sie die Benachteiligten in ganz Deutschland repräsentieren. Nur so könne man bei der Bundestagswahl 2006 die Fünf-Prozent-Hürde nehmen. "Unsere Akzeptanz im Westen ist extrem unbefriedigend", sagt Gysi. Die Spekulationen über eine neue Linkspartei zeigten, dass die PDS im Westen nicht ernst genommen werde. "Die scheuen sich, zu uns zu kommen", sagt Gysi. Er schlägt den SPD-Dissidenten erneut ein strategisches Bündnis vor.
Gysi ist klar, dass die PDS als Protestpartei nicht überlebensfähig ist. "Wir wollen nicht von schlechter Stimmung leben", bekräftigt er. Die Umfragehochs des Hartz-Sommers, als die PDS kurzzeitig bei sieben Prozent rangierte, sind Vergangenheit: Inzwischen liegt die Partei landesweit wieder bei vier Prozent. Doch als Ausweg hat auch Gysi nur hohle Formeln zu bieten - und den Appell, die Basis-Arbeit zu verstärken. Den lautesten Applaus erhält er für populistische Ausfälle, etwa wenn er gegen die Bush-Regierung oder den unsolidarischen "Zeitgeist" wettert. "Dieses neoliberale Gequassel auf allen Seiten, das nervt doch", ruft er. Es klingt vor allem hilflos.
Am Ende werden aus der vorgesehenen Viertelstunde 40 Minuten. Die Parteitagsteilnehmer applaudieren wild, aber es gibt keine Standing Ovations. Eindrucksvoll hat Gysi unterstrichen, warum er unersetzlich ist. "Er kann einfach artikulieren, was die Partei fühlt", sagt Wienert bewundernd. "Er ist die Integrationsfigur", sagt Schönewolf, der im PDS-Landesvorstand von Hessen sitzt. "Im Europawahlkampf wurde immer wieder nach ihm gefragt".
Gysi, so die einhellige Meinung auf dem Parteitag, muss 2006 als Spitzenkandidat antreten. "Der kann den Westen holen", sagt Rudi Schneider, SED-Mitglied seit 1948. "Ich hoffe, er fühlt sich verpflichtet". Auch im Parteivorstand hofft man das. "Mit Gysi wäre es sehr viel leichter", sagt Harald Pätzolt, stellvertretender Wahlkampfleiter. Aber die Gesundheitsfrage sei ernst zu nehmen. "Der kokettiert nicht mit seinem Gesundheitszustand". Wenn Gysi nicht könne, "dann müssen wir das so schaffen".
Innerhalb eines Monats, so heißt es in PDS-Kreisen, sollen die Ergebnisse seines Gesundheitschecks vorliegen. Sollte dieser positiv ausfallen, sei es "sehr wahrscheinlich", dass Gysi antrete. "Das", so ein gut informiertes PDS-Mitglied, "ist unsere letzte Chance."