PDS Gysis halbes Comeback
Berlin - Die gute Nachricht hatte Gregor Gysi für seine angeschlagene Partei gleich zu Beginn seiner Pressekonferenz parat: "Angemessen" werde er sich am laufenden Bundestagswahlkampf beteiligen und jene Termine wahrnehmen, die schon zuvor in seiner Zeit als Berliner Wirtschaftssenator mit der Parteispitze der PDS vereinbart worden seien.
Und so bleibt Gysi seiner Rolle treu: Noch nach jedem Rückzug folgte ein Comeback. Das war nach dem Parteitag von Münster im April 2000 so, als der Jurist eigentlich seinen Abgang ins Beruflich-Private geplant hatte und er sich knapp ein Jahr später als Spitzenkandidat im Berliner Wahlkampf zu Verfügung stellte.
Gysi kennt sich selbst gut genug, um in die Gefahr zu geraten, Endgültiges zu formulieren. Ob er in die Politik zurückkehren werde? "Ich denke, das ist jetzt vorbei", sagt er, um unmittelbar daran den Satz anzuschließen, er sei "aber auch wieder sehr vorsichtig - was weiß ich, was mit mir in drei Jahren ist?" Sicher ist ihm die Rückkehr in seine Berliner Anwaltskanzlei. Die Kollegen schickten ihm zwar über SMS eine Nachricht, dass sie seinen Schritt für überzogen hielten - gleichwohl freuten sie sich auf die personelle Verstärkung, so Gysi kokett. In seiner Rolle als Anwalt hatte er zuletzt im Herbst 2001 medienwirksam geglänzt: Damals vertrat er Brandenburger Eltern, deren Kind einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen war.
Belagerung durch Medien
Eigentlich wollte Gysi, so behauptete er am Freitag in Berlin, erst am Montag vor die Medien treten. Doch die zahlreichen Anfragen, der Medienrummel, unter dem seine Frau und seine Tochter litten, bewogen ihn, den Termin vorzuziehen. Der 54-Jährige hatte aber wohl vor allem das Gefühl, nicht wirklich verstanden worden zu sein - trotz seiner schriftlichen persönlichen Erklärung, in der er am Tage des Rücktritts seine Gründe dargelegt hatte. In aller erster Linie fühlte sich Gysi von den Medien verzerrt dargestellt, von denen die meisten seinen Rückzug mit seiner angeblichen Unlust am Wirtschaftsressort, mit dem jüngsten Stasi-Bericht der Birthler-Behörde in Zusammenhang brachten.
Alles Unsinn, folgt man Gysis Erklärungen. Seine Arbeit als Senator, auch die damit einhergehende Kärrnerarbeit habe ihm "durchaus auch Spaß" gemacht. Und die Stasi-Vorhaltungen seien "völlig unlogisch", denn schließlich habe er seit über zehn Jahren alle Stasi-Vorwürfe juristisch angefochten und durchgestanden. Ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass er als Senator einer erneuten Überprüfung unterlag. Andernfalls "hätte ich mich gar nicht zur Wahl gestellt."
Erklärungen wie in einer TV-Show
Beim Lesen der Kommentare in den vergangenen Tagen beschlich Gysi manchmal das Gefühl, dass da "alle viel besser wissen, was die eigenen Gedanken sind". Es gebe mittlerweile eine Tendenz, jeder Erklärung eines Politikers zu misstrauen und die eigentlichen Gründe woanders zu suchen. Immer und immer wieder erklärt Gysi an diesem Freitag in der Bundespressekonferenz, warum er den Schritt vollzog. Fast wirkt es, als wolle einer da alle teilhaben lassen an seinen Gemütszustand - wie in jenen zahlreichen Nachmittagsshows, in denen Menschen ihr Herz ausschütten. Er habe sich diesen "blöden Fehler" nicht verzeihen können, als er im Jahr 2000, fünf Monate vor seinem Ausstieg als PDS-Fraktionschef im Bundestag, dienstliche Meilen privat für sich und seine Familie nutzte.
Gysi spricht wiederholt an diesem Freitag in der Bundespressekonferenz von seinem "Instinkt", der ihn damals verlassen und dazu geführt habe, einer falschen Information aus der Fraktion über die Handhabung von Dienstmeilen zu trauen. Gysi will auch nicht der "Bild"-Zeitung die Schuld geben, auch wenn er - wie zuvor der Kanzler und weitere Spitzen der rot-grünen Koalition - von einer "gezielten Kampagne" des Axel Springer Verlages spricht. Nein, der Fehler liege allein bei ihm.
Denn kaum ist Gysi zurückgetreten, wird sein Verhalten schon als neue Messlatte von manchen gefeiert - oder gefürchtet. Doch das liegt dem PDS-Politiker fern: "Ich will hier keine Maßstäbe für andere aufmachen." Es sei schlicht so, dass er seinen Fehler vor sich selbst nicht rechtfertigen könne. Da nützte in den Tagen, in denen er sich mit Rücktrittsgedanken auseinander setzte, auch nicht, dass ihn führende SPD-Politiker aus Berlin anriefen. Berlins Parteichef Peter Strieder wurde sogar so heftig am Telefon, dass Gysi ironisch davon sprach, "fast nostalgisch" geworden zu sein - in Anspielung an den Funktionärstonfall verblichener DDR-Zeiten. Auch die vierköpfige PDS-Partei- und Fraktionsspitze, die ihn am Mittwoch zum Überdenken seines Schrittes bat, konnte nichts mehr ausrichten. "Vielleicht war es zu spät an dem Tag, als sie es versucht haben", sagt er.
PDS-Ehrenchef Modrow tritt nach
Manche in der Partei sind über Gysis Abgang gar nicht einmal so unfroh. "Gregor Gysi ist von gestern", zitierte etwa der "Tagesspiegel" den Ehrenvorsitzenden Hans Modrow. Der Ex-Wirtschaftssenator nimmt solche Seitenhieben mit jener Art von Humor auf, die ihn so bekannt und weit über seine Partei auch beliebt gemacht haben. "Ich freue mich immer, wenn Leute der Zukunft auf die Vergangenheit hinweisen." Mit der Lebenswelt des Älteren mag Gysi wenig teilen, wohl aber Modrows Einschätzung, dass sein Rückzug der PDS "nicht so sehr" schaden würde.
Auch wenn Wahlforscher darüber spekulieren, ob die Gysi-Affäre der PDS den Einzug in den Bundestag kostet, Gysi selbst glaubt, dass seine Partei Schaden genommen hätte, wenn er im Amt verblieben wäre. Seine Zuversicht speist sich auch aus der Schwäche von SPD und Grünen. Denn fliegt die PDS aus dem Bundestag, wäre nach derzeitigen Umfragen eine Mehrheit für Union und FDP sicher. So aber sei er "optimistisch", dass die Partei auch diesmal die Fünf-Prozent-Hürde nimmt.
Bevor er für seine Partei wieder in den Wahlkampf zieht, will Gysi noch Wiedergutmachung an der Allgemeinheit der Steuerzahler üben: Die Entschädigung für seine privat verflogenen Dienstmeilen, die er eigentlich der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zukommen lassen wollte, überweist er nun doch auf das Konto, das Bundestagspräsident Wolfgang Thierse für alle Meilen-Sünder einrichten ließ.