Pegida-Demo in Dresden "Die Ruhe ist trügerisch"
Pegida-Demo in Dresden (Anfang März): "Da hat ein unbewusster Rassismus zu sich selbst gefunden"
Foto: Arno Burgi/ dpaSPIEGEL ONLINE: Herr Koall, von Sachsens letztem König Friedrich August III. ist der Satz überliefert: "Nu da mach doch eiern Drägg alleene." Wie oft haben Sie in den vergangenen Monaten den Drang verspürt, alles hinzuwerfen und Dresden den Rücken zu kehren?
Koall: Wer nicht in Dresden lebt, kann sich gar nicht richtig vorstellen, wie das Thema Pegida den gesamten Winter lang die Stadt beherrscht hat. Natürlich habe ich mir manchmal gewünscht, dass sich endlich wieder anderen Dingen zugewendet wird. Aber es war immer klar, dass es keine Lösung ist, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Denn es ist ja genau das Problem der Stadt, dass zu wenige Leute Verantwortung übernehmen. Inzwischen ist Pegida weniger präsent, doch die Ruhe ist trügerisch. Immerhin sind es weiterhin jeden Montag mehr als 5000 Menschen, die sich dort versammeln. Das ist die Essenz der Bewegung. Und diejenigen, die sich dort nicht mehr blicken lassen, haben ihre Meinung auch nicht geändert.
SPIEGEL ONLINE: Was sind das für Leute, die noch immer auf die Straße gehen?
Koall: Es ist eine eindeutig deutsch-nationale, rechtsextreme Bewegung, die sich da zeigt. Das erkennt man an den Symbolen und Chiffren der rechten Szene, die sich zuhauf zeigen. Der Großteil der Teilnehmer ist eher jung, männlich und eher aus der unteren Mittelschicht.
SPIEGEL ONLINE: Zu ihren Hochzeiten liefen bei Pegida auch viele Menschen mit, die nichts mit der rechten Szene zu tun haben. Wie erklären Sie sich das?
Koall: Das ist das große Rätsel dieses Pegida-Winters und der große Tabubruch, der geschehen ist. Menschen, die mit Fug und Recht behaupten, dass sie keine Neonazis sind, haben den Common Sense durchbrochen, eben nicht mit jenen zu laufen. Niemand von denen kann jetzt sagen, er hätte nicht gewusst, mit wem er da läuft. Gezeigt hat sich auch, dass sich einige der bürgerlichen Demonstranten im Kern ihrer Ablehnung und Ressentiments kaum von jenen ganz rechtsaußen unterscheiden. Da hat ein unbewusster Rassismus zu sich selbst gefunden. Dennoch gibt es zwischen diesen Menschen und den Neonazis große Unterschiede, etwa in Fragen von Ideologie und Gewaltbereitschaft.
SPIEGEL ONLINE: Warum gehen nur so wenige Dresdner gegen Pegida auf die Straße?
Koall: Selbst zu den Höhepunkten der jährlichen Nazi-Demonstration am Jahrestag der Bombardierung vom 13. Februar, ließ sich die bürgerliche Mitte nicht aktivieren. Die Mehrheit ist politisch träge und selbstzufrieden. In dieser sehr bürgerlichen Stadt tut man sich schwer damit, eine Haltung zu zeigen, weil man anderen nicht zu nahe treten möchte. Demokratie in Dresden heißt, wenn es keinem weh tut. Ich nenne das defensive Demokratie.
SPIEGEL ONLINE: Sie zitieren einen sächsischen CDU-Politiker, der sich gegen die Bezeichnung konservativ wehrt und sagt: "Die sächsische CDU ist rechts." Ist ein Phänomen wie Pegida Ausdruck politischen Versagens?
Robert Koall:
Dresden
Ein Winter mit Pegida.
Carl Hanser Verlag; 37 Seiten.
Koall: An dem Tag, als ein großes Konzert mit prominenten Künstlern gegen Pegida und für eine weltoffene Stadt stattfinden sollte, titelte die meistgelesene Zeitung das Zitat des Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich: "Der Islam gehört nicht zu Sachsen." Da fragt man sich schon, ob da überhaupt noch nachgedacht wird. Die CDU/FDP-Regierung der vergangenen Jahre hat hier viel für die Entfremdung der Wähler von der Politik getan und auch das Klima mit vergiftet. Insgesamt haben sich alle politisch Verantwortlichen sehr von Pegida irritieren lassen und sich nicht geschickt verhalten. Es gab keinen Mittelweg zwischen der pauschalen Ablehnung, den Dialog mit den Demonstranten zu suchen, und Gesprächen in Hinterzimmern. Man hätte frühzeitig sagen sollen: Wir sind grundsätzlich gesprächsbereit, aber nicht unterhalb eines bestimmten demokratischen Niveaus.