Platzecks Berlin-Vision Standortfaktor "Sexy Sein"
Berlin - Inzwischen ist es schon ein Running Gag. Wann immer Matthias Platzeck eine Rede hält, kommt früher oder später ein hymnischer Verweis auf Finnland, und es fällt die Phrase "knallharter Standortfaktor". Als brandenburgischer Ministerpräsident hat er mehrere Pilgertouren nach Norden unternommen, um die Erfolgsgeheimnisse der Skandinavier zu erforschen. In seiner kurzen Zeit als SPD-Chef hatte Platzeck die vermeintlich weichen Themen Familie und Bildung dann zu "knallharten Zukunftsthemen" umdefiniert.
Heute nun sollte Platzeck zum Auftakt einer Reihe von "Hauptstadtreden" seine Erwartungen an die Hauptstadt Berlin formulieren. Der - wenig überraschende - Tenor seiner Ausführungen: Berlin solle sich ein Beispiel an Helsinki nehmen. Die finnische Hauptstadt, lobte Platzeck, habe die Zauberformel der "drei Ts" beherzigt und sei so zur Kapitale der Kreativen geworden.
Drei Ts? Das stehe für Technologie, Talente, Toleranz, klärte Platzeck die Zuhörer auf. Diese drei Variablen entschieden über den Erfolg einer Region im 21. Jahrhundert, das habe ein amerikanischer Professor herausgefunden. Insbesondere Toleranz sei ein "knallharter Wirtschaftsfaktor", mahnte der Ministerpräsident, der in den letzten Wochen viel über "No Go"-Zonen in seinem Land reden musste.
Platzeck war von der "Stiftung Zukunft Berlin" eingeladen worden, einer von Politikern, Unternehmern und Medienleuten gegründeten Bürgerinitiative. Er war der erste einer Reihe von Ministerpräsidenten, die unter dem Titel "Berlin und wir" über das künftige Verhältnis der Republik zu ihrer Hauptstadt räsonieren dürfen. Die Idee, die dahinter steckt: Da Berlin für Hauptstadtaufgaben mehr Geld von den Ländern will, sollen die Länder skizzieren dürfen, wie sie sich gerne durch Berlin repräsentiert sähen.
"Berlin wird unter Wert gehandelt"
Platzeck jedoch wollte nur als "Freund und Nachbar" reden und keine konkreten Forderungen aufstellen. Lieber pries er ganz allgemein das Zukunftspotenzial der "Metropolregion", zu der nicht unbeträchtliche Teile Brandenburgs gehören. Junge Leute, Kreativität, Aufbruchstimmung - damit stehe Berlin schon mal nicht schlecht da, so Platzeck. Das "ökonomische Fundament", nämlich die nötigen High-Tech-Arbeitsplätze, käme dann schon auch noch. Derzeit sei Berlin "eine Aktie, die unter Wert gehandelt wird", machte Platzeck den Anwesenden und auch sich selbst Hoffnung.
Berlins Sogwirkung auf junge Leute hatte auch der frühere Berliner Regierende Bürgermeister und Bundespräsident Richard von Weizsäcker im SPIEGEL-ONLINE-Interview als mögliche Rettung für die hoch verschuldete und de-industrialisierte Hauptstadt gesehen.
München sei langweiliger, stichelte Platzeck und definierte gleich noch einen neuen Standortfaktor: "Sexy sein" sei auch für Städte eine Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg im 21. Jahrhundert.
Das erschien wie ein Anfall jener "parvenühaften Großspurigkeit", die der Autor Kurt Tucholsky den Berlinern in den 1920er Jahren attestiert hatte. Doch laut Platzeck reagiert der Rest der Republik inzwischen gelassen auf Berliner Attitüden. Es gebe keinen "Abscheu" gegen Berlin mehr wie früher, sagte der Potsdamer. Er erinnerte an den Groll zu DDR-Zeiten, weil die "besten Bauarbeiter" und der "letzte Beton" in die Hauptstadt abgezogen wurden. Und er zitierte Tucholsky, der in der Weimarer Zeit eine tiefe Kluft zwischen der Metropole und der Provinz diagnostiziert hatte.
Inzwischen sei die deutsche Provinz wirtschaftlich erfolgreicher und selbstbewusster geworden und habe die Minderwertigkeitskomplexe abgelegt, sagte Platzeck. Berlin sei eine "Hauptstadt auf Augenhöhe" geworden, in der die Besucher der Regierung wie nie zuvor "auf die Pelle" rückten.
Als guter Nachbar verteidigte Platzeck den Anspruch des Berliner Senats auf einen Hauptstadtbonus. Die Deutschen wollten, dass Berlin sie repräsentiere. Das sollten sie auch finanziell unterstützen.