Politische Karriere Das Phänomen Joschka
Joschka Fischer: Körper, Kraft, knarzende Stimme - das kam unten an
Foto: Carsten Koall/ Getty ImagesJoseph Martin Fischer stieg zum ersten Star der Berliner Republik auf, ausgerechnet er, dieses Gewächs der westdeutschen Gesellschaft, die von Bonn regiert wurde. Er hat sich stets gern als Außenseiter, als einsamer Wolf stilisiert. Das war er auch, zum Teil, vor allem im Konnex der etablierten politischen Klasse. Doch er wurde eben auch zur Projektionsfläche schlechthin für viele Deutsche, für das Gros seiner Altersgenossen allemal, bald gar für den Mainstream des Landes.
Fischer war anders und dabei den Wünschen der Mehrheit doch nahe. So konnte er zum populärsten Politiker der deutschen Republik aufsteigen.
Gewiss, eindeutig vorgeprägt war dieser Weg nicht. Es hätte in der Tat ganz anders kommen können. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus Fischer das hätte werden können, was man eine verkrachte Existenz zu nennen pflegt, lag noch an seinem dreißigsten Geburtstag hoch. Er war nichts, konnte wenig, besaß keine Perspektive. So jedenfalls machte es den Eindruck, als er zum Ende der siebziger Jahre mürrisch seine Fahrgäste im Taxi durch Frankfurt chauffierte. Man hat die Kindheits- und Jugendgeschichte des Joseph Fischer häufig genug erzählt. Der Metzgersohn brach alles ab, was er anfing: die Schule, die Lehre, jeden Versuch, beruflich Fuß zu fassen, selbst seine Ausbrüche, später die Ehen.
Der Bruch - das wurde geradezu zum Merkmal seines Lebenswegs.
Doch dass ein solcher Abbruchunternehmer der eigenen Biografie zum politischen Liebling der Deutschen werden konnte, wirkt zumindest auf den ersten Blick verstörend. Bekannt ist schließlich, dass Wähler von ihren Gewählten Geradlinigkeit erwarten und Verlässlichkeit honorieren. Dagegen sind Politiker, die heute hier, morgen dort stehen, die ihre Positionen hurtig austauschen, denkbar unbeliebt. Warum fasziniert bei ihm, was anderen als purer Opportunismus und bedenkenlose Wendigkeit negativ zur Last gelegt wird?
"Das Nicht-wissen-was-Tun wird immer unerträglicher"
Als Fischer die Arena der Parteipolitik betrat, ging er schon auf die Mitte der Dreißig zu. Ende Juli 1981 erst trat er den Grünen bei. Andere Politiker seines Alters in den klassischen Parteien hatten zu diesem Zeitpunkt schon Jahre der berüchtigten "Ochsentour" absolviert. Doch verfügten sie nicht unbedingt über einen Erfahrungsvorsprung in den Techniken politischer Machtkämpfe. Fischer gehörte im Frankfurt der siebziger Jahre der sogenannten Sponti-Szene des linken Radikalismus an. Dort lernte er Tag für Tag, worauf es in der Politik ankam: Seilschaften knüpfen, Bündnispartner umschmeicheln, Rivalen einschüchtern, Indiskretionen gezielt lancieren, Intrigen boshaft spinnen - und: reden, reden, reden.
Man mag sich kaum vorstellen wollen, was mit Fischer geschehen wäre, hätten sich um diese Zeit die Grünen nicht konstituiert. Es spricht nicht ganz wenig dafür, dass er sich verbittert im Randbereich der Gesellschaft niedergelassen hätte, also in der sozialen Schicht, die von der gegenwärtigen Soziologie als Prekariat charakterisiert wird. In Berufen diesseits der Politik wäre für ihn, der ohne Schulabschluss und Ausbildung dastand, gewiss kein weiteres Fortkommen möglich gewesen; seine Begabungen hätten brachgelegen, wären sinnlos verkümmert.
Die vermeintlich hermetisch verschlossene Kaste der Politik zeigt eben doch, zumindest situativ, eine größere Durchlässigkeit als andere gesellschaftliche Subsysteme oder gar Elitenbereiche. Gleichviel: Fischer befand sich zum Ausgang der siebziger Jahre in einer desaströsen persönlichen und politischen Lage. An die linksradikalen Projektionen, an die marxistischen Interpretationen glaubte er nicht mehr. Aber ein neuer Glaube war für ihn nicht recht in Sicht. 1978 schrieb er: "Die Perspektivlosigkeit, das Rumhängen, das Nicht-wissen-was-Tun wird immer unerträglicher. Die Luft im Ghetto ist zum Ersticken."
Von dem, was man Neue Soziale Bewegungen nannte, versprach er sich auch nichts. Das war ihm zu kleinbürgerlich, zu gutmenschelnd, zu sehr "We shall overcome"-Gesumme statt entschlossener Kampf. Auf den grünen Zug in die Politik sprang Fischer erst, als dieser bereits immer schneller rollte.
Auch das blieb ein vorherrschendes Signum im Leben des Joschka Fischer: Er nahm Entwicklungen keineswegs früh vorweg, er reihte sich ein, wenn die ersten bereits aufbrachen - aber dann setzte er sich zielstrebig und hemdsärmelig an die Spitze der Kolonne.
Fischer verkörperte die Konsequenz, von denen der Kleinbürger nur träumt, nie aber selbst riskiert
Fischer - im katholischen Glauben großgeworden - stieg sogleich auf die Kanzeln der Bewegungen, um die neuen Märsche mit dem Pathos von Vorsehung, historischer Notwendigkeit und persönlichem Beispiel zu begründen.
In seinem späteren Politikerleben verfasste er dafür gleich ganze Bücher, pathetische Drehbücher bußbereiter Einkehr und erschütternder Läuterung. Er ließ so das große Publikum teilhaben an seinem inneren Ringen, mit dem er sich losmachte vom Vergangenen, öffnete für das Neue. Stets war es ein gravierendes, oft qualvoll empfundenes Damaskus-Erlebnis, das ihn zum Paulus machte. Immer war es ein äußerst schmerzhafter Lernprozess, eine leidvolle Trennung vom Früheren, fast wie aus einer antiken Tragödie entnommen.
Nie sollte man den Eindruck gewinnen, jemand mache es sich leicht, sei lediglich ein aalglatter Opportunist, den die Ausschläge der Demoskopie zu Rochaden verführen. Nein, Fischer begab sich, wenn er changierte, auf den langen, langen, langen Lauf zu sich selbst: von ganz dick zu ganz dünn, hart und unerbittlich gegen sich selbst, mit zähem Durchhaltevermögen, bis das Ziel erreicht war. Das imponierte, da Fischer schaffte, was viele sich vornahmen, aber nur wenige letztlich realisierten.
Man bewundert nicht unbedingt sein eigenes Spiegelbild. Und Fischer verkörperte auch mehr als nur den bloßen Reflex dessen, was etlichen aus seiner Altersgruppe vorschwebte. Er legte die oft unterschwelligen Wünsche frei, trieb sie auf die Spitze, setzte sie durch. Er schlug auf Demonstrationen zu, was die meisten sich nie getraut hätten, auch als sie noch vor Wut über die "Repression" der Staatsmacht schäumten.
Er nannte den Präsidenten des Bundestags ein "Arschloch", wozu allen anderen neben der schlechten Kinderstube einfach auch die Courage gefehlt hätte. Und er führte Deutschland als erster Außenminister nach 1945 wieder in Kriege, die viele wohl befürworteten, wohl kaum aber hätten verantworten wollen. Fischer verkörperte die Konsequenz, von denen der Kleinbürger nur träumt, nie aber selbst riskiert.
Der Tellerwäschermythos
Aber Fischer war nicht nur der Mann von Mitte und petit bourgeois. Er imponierte auch jenen, die ganz oben standen, und solchen, die eher im unteren Viertel der Gesellschaft siedelten. Es ist gut bekannt, dass die Zugehörigen der unteren Schichten die Grünen nicht mögen, da diese sozial privilegiert sind, aber gerne Askese predigen und auf bildungsbürgerliche Distinktion Wert legen.
Fischer war anders. Er vermochte im Jargon der Akademiker daherzureden; aber er konnte ebenso gut den derben Proll geben, in der deftigen Sprache der Arbeiterklasse polemisieren und attackieren. Fischer war nicht allein Kopf; er war lange mit vollem Genuss auch Leib. Die Überlegenheit seines Intellekts fand eine Fortsetzung in der bedrohlichen Kraft seines Körpers. Körper, Kraft, knarzende Stimme - das kam unten an.
Und: Er nährte noch einmal den Tellerwäschermythos. Was war er denn schon zu Beginn; und wie märchenhaft verlief dann seine Karriere? Aber es war nicht nur einfach ein glücklicher Verlauf. Er hatte es sich als "Selfmademan" erkämpft, einsam und eigenwillig. Ohne Anbiederei und Parteiprotektion. In Fischers Karriere erfüllte sich gewiss nicht der alternative, wohl aber der amerikanische Traum.
Auch die Eliten bewunderten den Straßenkämpfer
Das musste indes selbst traditionell deutschnationale Eliten im konservativen deutschen Bürgertum nicht schrecken. Am Ende fand man auch hier Bewunderer des früheren Frankfurter Straßenkämpfers. Denn sie durften in und mit ihm die Überlebensfähigkeit des starken Einzelnen in der wilden Natur des wölfischen politischen Machtkampfes feiern. Dort konnte man einige Elogen auf die triebhaften Machtinstinkte Fischers hören. Selbst im gemäßigten Bürgertum war man am Ende mit Fischer versöhnt. Seine Biografie war zu einem weiteren Beweis für die alte bürgerliche Anthropologie geworden: Man mochte als Jugendlicher radikal und links sein, doch das hielt nicht an, wenn man älter wurde, im Beruf Erfolge aufwies, Familien gründete. Letzten Endes würden sie alle vernünftig werden, konservativ, staatstragend, ordentlich gekleidet, das Eigentum achtend. So hatten es die konservativen Väter schon Ende der 1960er Jahre ihren rebellierenden Kindern prophezeit.
Fischers Weg bewies: Sie hatten Recht behalten. Die verlorenen Söhne und Töchter kehrten zurück, auch der Jürgen, die Claudia, die Renate, der Winfried. Und so weiter. Joschka, der Fischer, zog sie alle mit sich in das Establishment, das man bekämpft hatte, um dort hineinzugelangen.